Sonntag, 20. Oktober 2019

Der Ton des Sandsteins, der aus der Tiefe kommt

TAH-Serie Folge 2: Baustoff, Exportschlager, Kulturgut und Paradies für den Artenschutz

Kreis Holzminden. Sandstein aus dem Weserbergland auf dem Weg in die USA. Sandstein als Werkstoff, der diese Region nachhaltig prägt – optisch, kulturell, wirtschaftlich und ökologisch. Sandstein gehört im Weserbergland seit Generationen zum guten Ton. Und wie fein der klingen kann, lesen Sie im zweiten Teil unserer Artikelserie über Steinbrüche im Weserbergland.

Es ist der Klang des Steins aus größerer Tiefe, den das Instrument von Erich Tietzel aus Warbsen so besonders macht. Dieses rötliche Material, das unter Druck so fest und homogen geraten ist, lässt die Augen des Lehrers glänzen. „Lass uns etwas versuchen, was mit Musik zu tun hat.“ Darum ging es, als zusammen mit Dr. Hilko Linnemann – Vater des Sandstein-Erlebniswanderwegs in Arholzen – die Idee entstand, dieses Material für ein fein tönendes Instrument zu nutzen. Erich Tietzel, der seine Klavierbauerlehre nie ganz an den Nagel gehängt hat, fing an, aus dem Sandstein tiefer Erdschichten ein Xylophon zu bauen.

Wie das wohl klingen mag?

Steinmetzmeister Dieter Helmer vom gleichnamigen Natursteinunternehmen aus Stadtoldendorf gehört ebenfalls zu den Freunden guter Töne und außergewöhnlicher Ideen. Helmer war es, der Steine hatte, die klingen, wenn sie in Platten geschnitten sind. Die Töne sind exakt, aber – einer Stimmgabel gleich – nur sehr leise zu vernehmen, weil dem Klang aus der Tiefe der Resonanzraum fehlt. Hier war es dann Erich Tietzel, der sich für den wirklich sauberen Ton daran setzte, PE-Rohre in seiner Werkstatt mit dem richtigen Querschnitt auf die nötige Länge zu bringen. „Es geht um zehntel Millimeter.“ Wie gut das Ganze schließlich klingt, konnten die Besucher des Hutefestes in Amelungsborn erst kürzlich erleben. Für Jürgen Bunk sind es genau diese Orte, die die Bedeutung des Sandsteins für das Weserbergland auch aus kulturhistorischer Sicht erlebbar machen.

Sandstein prägt als Baustoff das Antlitz der Region – vom Gerichtsgebäude in Holzminden angefangen über Bahnhöfe wie den in Stadtoldendorf bis hin zu ganz alltäglichen Bauwerken: Mauern, Brücken, Häuser.

Abbau mit Hebelprinzip

Der Wesersandstein hat dabei auch über das Weserbergland hinaus Bedeutung und wird bis in die Ostseegebiete hinein geliefert. Selbst in Nordamerika ist der Werkstoff beliebt – was darin deutlich wird, dass das Unternehmen aus Bad Karlshafen Steine exportiert, mit denen alte Gebäude aus Kentucky-Sandstein saniert werden. „Unserer Sandstein ist frostsicher, durch seine Witterungsbeständigkeit deutlich langlebiger und passt farblich auch noch sehr gut zum Kentucky-Sandstein“, erklärt Jürgen Bunk. Ein idealer Stoff also für die nachhaltige Sanierung.

Abseits der großen Projekte, gehört Sandstein zu den täglichen Begleitern – als Bodenbelag, Verblendmaterial, Mauerwerkstoff oder Gestaltungselement öffentlicher Räume und Erlebnisbereiche. Den Wesersandstein gibt es übrigens zweifarbig: Der rote stammt aus der so genannten Karlshafenschicht und der graue aus der Trendelburgschicht. Abgebaut werden beide heute mit Hydraulikbaggern in Steinbrüchen. Es gilt das Prinzip des Hebels, den die Steinbruchbetreiber in den natürlichen Klüftungen und Schichtungen ansetzen. Sprengungen scheiden aus, weil diese den Stein zerstören würden. Was dann folgt sind Sortierungen nach Qualität und Größe mit einer anschließenden Bearbeitung der hochwertigen Blockware im Sägewerk. „Diese Arbeitsweise hat sich in den letzten 30 Jahren etabliert“, erklärt Jürgen Bunk. Ebenfalls bewährt hat sich mit Blick auf den Naturschutz, dass die beim Abbau entstehenden Steilhänge erhalten bleiben. Sie bieten wertvolle Nistmöglichkeiten für Greifvögel wie den Falken oder den Uhu.

Schutz durch natürliche Barrieren

Attraktive Sekundärbiotope und Förderung der natürlichen Sukzession statt groß angelegtem Rückbau: Bleiben die für Steinbrüche typischen Steilhänge erhalten, verbessert sich nachhaltig die biologische und auch optische Qualität einer Region. Für die Steinbruchbetreiber sorgt dieser Wandel im Naturschutz zwar dafür, dass Flächen nicht mehr im großen Maßstab aufwändig in den Urzustand zu bringen sind. Es gibt aber ganz neue Auflagen. Die Verkehrssicherung ist eine davon. So wertvoll Steilwände und Geröllhänge für Flora und Fauna, so gefährlich sind sie wiederum für Menschen. Die Absturzgefahren können deshalb in Genehmigungsverfahren durchaus darin münden, dass Steinbruchunternehmen natürliche Barrieren schaffen müssen, um diese Bereiche dauerhaft für Wanderer zu blockieren. Ein zweites Beispiel: Freischneiden von Magerrasenflächen und Hängen, um diese temporär begrenzten Biotope möglichst langfristig zu erhalten.

Das Stichwort Mähen bringt uns ganz schnell zurück nach Warbsen: „Wenn Frauen Rasen mähen, dann ist alles ganz leise. Selbst der Motor singt eine herrliche Weise“, singt Erich Tietzel in seiner Werkstatt fröhlich, während er an seinem neuesten Projekt arbeitet – einer Rundholzharfe. „Ich habe den Kopf voller Projekte.“ Eines davon hatte in der Vergangenheit auch mit Gips zu tun – ein Xylophon aus Gipskartonplatten. Darauf hat er im Stollen von Knauf im Breitenstein während einer Belegschaftsfeier bereits vor größerem Publikum gespielt – das Steigerlied versteht sich. (Thorsten Sienk)

▶ Warum es für das Unternehmen immer wichtiger wird, in der Rühler Schweiz auch unterirdisch Naturstein abzubauen, lesen Sie bald in Teil 3 der TAH-Serie.