Montag, 21. Oktober 2019

Steinbrüche – von kulturhistorischer Bedeutung

TAH-Serie, Folge 1: Bodenschätze als Wirtschaftsgut und Chancen für die Artenvielfalt

Kreis Holzminden (24.11.15). Wesersandstein, das ist der Stoff, aus dem vor allem im Hochbau Kulturhistorie geschrieben wurde. „Der Sandstein findet in unserer Region seit mehr als 1000 Jahren Verwendung. Alte Burgen aus dem 12. Jahrhundert sind dafür der beste Beleg“, erzählt etwa Jürgen Bunk, Inhaber des gleichnamigen Natursteinwerks in Bad Karlshafen. Sandstein zählt heute genauso zu den bedeutenden Bodenschätzen in den Landkreisen Holzminden wie Kies, Kalk und Gips.

Die Gesteinsarten zählen seit Jahrhunderten zu den Wirtschaftsmotoren des Weserberglandes – vor allem auch mit internationaler Blickrichtung. Der weltweite Siegeszug der Gipskartonplatte als schnelle Lösung für den Innenausbau zählt genauso dazu, wie der alte Schlachthof von Chicago, dessen Innenbeläge aus rotem Wesersandstein gefertigt sind, während heimischer Muschelkalk mit Naturbitumen aus Trinidad zu hochwertigen Straßenbelägen im Ausland verarbeitet wird. So wertvoll alle drei Materialien für die Menschen als Wirtschaftsgut sind, so bedeutend sind sie kulturhistorisch. Zudem hat ihr Abbau gerade das Wesertal zwischen Bad Karlshafen und Bodenwerder auch optisch geprägt. Dabei war es die Weser selbst, die den Menschen vor mehr als 1000 Jahren die Augen öffnete, in dem der Fluss durch Erosion die Lagerstätten an den Steilhängen des Sollings freilegte.

Früher Abbau

„Die Menschen fingen früher einfach an mit dem Abbau – und zwar an Stellen, wo es am erfolgreichsten erschien“, sagt Jürgen Bunk. Es herrschte das Prinzip von Versuch und Irrtum. War die Arbeit erfolgreich, ging der Abbau weiter – um aus dem Gestein schließlich Dacheindeckungen genauso herzustellen, wie komplette Gebäude. Zwei Beispiele sind das Klostergut Amelungsborn und das Gericht in Holzminden. Wurde der Abbau irgendwann zu mühselig, „ist woanders gekratzt worden“.

Im Zuge der weiteren Indu-strialisierung haben sich die Abbau- und Nutzungsmöglichkeiten sukzessive verändert und erweitert. Im gleichen Maße entstand ein Spannungsfeld zwischen dem Abbau oberflächennaher Gesteinsschichten und den Belangen von Natur und Landschaft. Interessanterweise wandelten sich auch die Strömungen im Naturschutz innerhalb der letzten Jahrzehnte. Stand immerhin noch bis zum Beginn der 1990er Jahre die Auffüllung von Abbaugebieten sowie die Rekultivierung ganz oben auf der Forderungsliste, ist heute ein deutlicher Kurswechsel erkennbar. Anstelle des Schließens von „Narben in der Landschaft“, werden immer mehr stillgelegte Bereiche von Steinbrüchen bewusst offen gelassen.

Offene Landschaften für mehr Artenschutz

Der Grund für die Abkehr, Steinbrüche ohne Wiedererkennung durch Rückbau in ein vorhandenes Landschaftsbild zu integrieren, liegt im Artenschutz begründet. Steinbrüche bieten aufgrund ihres besonderen Reliefs ganz neuen Lebensraum vor allem für Flora und Fauna mit Pionierstatus – ein echter Wert in der sonst so aufgeräumten Kulturlandschaft. Steinbrüche bieten dabei sogar Lebensraum und Rückzugsmöglichkeiten, wenn sie in Betrieb sind. Zwei Beispiele dafür heißen Uhu und Gelbbauchunke. Diese beiden Tiere sind für Andreas Goedecke, Chef des Kalksteinbruchs in Hehlen, treffende Exemplare für die ökologische Besonderheit von Steinbrüchen. „Ein Steinbruch entzieht einem Gebiet niemals dauerhaft Fläche – sondern immer nur temporär in dem Bereich, wo gerade abgebaut wird“, sagt Goedecke und blickt dabei auf die Steilwände, die genauso Rückzugsräume sind, wie die Pfützen in den Fahrspuren der Bagger. „Die Gelbbauchunke braucht veränderliche Standorte wie eben diese Pfützen. Bleiben diese zu lange erhalten, siedeln sich Molche an, die dann die Gelege der Unke auffressen. Pioniere sind immer temporär.“ Und für den Uhu gilt, dass er die Steilwände eines Steinbruchs als Brutplatz und Ansitz braucht, um überhaupt existieren zu können.  (Thorsten Sienk)