Montag, 21. Oktober 2019

„Wir sind auf einer einsamen Insel, Du Vollpfosten“

Holzminden (14.11.15). Wenn die Käsefachverkäuferin im Campe-Gymnasium auf Weltreise geht, im Internat Solling Märchen einmal anders erzählt werden und der weltbekannte Pantomime Elie Levy in den Berufsbildenden Schulen mit Emotionen und Schülern jongliert, dann ist Schülertheaterzeit. Zehn Workshops in drei Schulen an einem Tag, zehn exzellente Schauspieler und Tänzer als Workshop-Leiter, 200 begeisterte Schüler aus allen Altersklassen und vielen Schulen und schließlich eine rundum zufriedene Arbeitsgruppe Holzmindener Schülertheaterarbeit, das ist die Bilanz. Die Hoffnung dahinter: Möglichst viele Inszenierungen von möglichst vielen Schülertheatergruppen aus möglichst vielen Schulen am 8. März 2016. Dann nämlich findet in Holzminden das Regionale Schülertheatertreffen, kurz RSTT, statt.

Ob die Käsefachverkäuferin dann mit dabei sein wird? Die Geschichten rund um die Weltreise, auf die das unbedarfte Fräulein geht, haben sich die Schüler der Dr.-Jasper-Realschule und des Campe-Gymnasiums selbst ausgedacht. Juliane Steinmann vom Theater für Niedersachsen hat nur assistiert, Tipps gegeben und die vielen Taschen mit Kostümen und Requisiten angeschleppt. Die Bühne in der Aula des Campe-Gymnasiums erobern sich die Schüler selbst, mit geradezu mitreißendem Spaß am Theaterspiel. Eine Kostprobe: „Wo sind wir?“, fragt irritiert ein Reisegast, nachdem die Titanic gesunken und sich das Trio an Land gerettet hat. „Auf einer einsamen Insel, Du Vollpfosten“, kommt spontan die Antwort. Juliane Steinmann lacht Tränen. „Ich bin total beeindruckt“,  lobt sie ihre Theater-Truppe.

Nicht nur sie ist beeindruckt vom spielerischen Talent der großen und kleinen Schüler. Erstmals dabei sind die Grundschule Hehlen und die Anne- Frank-Förderschule aus Holzminden. Mit dabei sind auch Schüler der Astrid-Lindgren-Schule und der Dr. Jasper-Realschule. Gesetzt, weil bereits theatererfahren, sind die Schüler aus dem Internat Solling, den Berufsbildenden Schulen und dem Campe-Gymnasium.

Während die einen erste Erfahrungen sammeln – zum Beispiel mit Michaela Uhlemann-Lantow von der Wilden Bühne oder mit Franco Melis, dem Schauspieler, Regisseur und Autor aus Köln, der mit den Schülern der Anne-Frank-Schule eine Zirkusvorstellung gibt – feilen andere bereits an Mimik und Gestik. Körpersprache mit Jana Köckeritz, der Schauspielerin aus Bremen, Improvisions-Theater mit dem Schauspieler Axel Strohmeyer oder Nicole Dietz vom Hamburger Schauspielhaus, da wird stundenlang um Ausdruck gerungen, da sind alle Teilnehmer voll konzentriert und mit viel Herzblut dabei.

Herzblut – das zeichnet auch die Tänzer aus. Auch die beiden Workshops für Bewegungs- und Tanztheater mit Jacek Darwicki und Manfred Hüttmann aus Hamburg sind ausgebucht. Und zum Schluss sind es nur das Organisationsleiterinnenteam der Arbeitsgruppe Holzmindener Schülertheaterarbeit – und der TAH, die die Ergebnisse sehen dürfen. Die Kommentare: „Klasse“, mit drei Ausrufezeichen.

Der Arbeitsgruppe ist es zu verdanken, dass sich Klassenräume in Theaterwerkstätten verwandeln. Nach dem Niedersächsischen Schülertheatertreffen 2012 (NSTT) wurde die Idee geboren, Schülertheaterarbeit im Kreis Holzminden zu fördern. Denn damals stand in Holzminden keine einzige Schülertheatergruppe aus dem Landkreis auf der Bühne. Das sollte sich ändern, und das hat sich geändert. Beim RSTT, dem kleinen regionalen Bruder des NSTT, hat eine Inszenierung des Campe-Gymnasiums vor zwei Jahren von der Jury die Fahrkarte erhalten für die Teilnahme am NSTT in Wolfsburg in diesem Jahr. Daran soll 2016 in Holzminden, beim nächsten RSTT, angeknüpft werden. „Ich hoffe, Sie hatten viel Spaß und wir sehen uns alle wieder im nächsten Jahr“, verabschiedet Ingrid Behling (Berufsbildende Schulen), die zusammen mit Astrid Appel  (Campe-Gymnasium) und Friederike Thimm (Internat Solling)  nach einem ebenso arbeitsreichen wie interessanten Tag die Schüler – in der Hoffnung, sie dort auf der Bühne agierend wiederzufinden.

Ach ja. Nicht nur die Schüler verabschiedet sie. Sondern auch  einen Mimen, der Schülertheaterarbeit verinnerlicht und die Schülertheatertermine in Holzminden von Anfang an ganz rot in seinem Terminkalender angestrichen hat: Elie Levy. Slapstick, Clownerie und Pantomime, so ist sein Workshop überschrieben, der nicht nur völlig ausgebucht, sondern überbucht ist. Und das, obwohl inzwischen jeder weiß, dass er sich auf ein kräftezehrendes Spiel mit dem weltbekannten Pantomimen einlässt. Elie Levy fordert. Lautstark und gestenreich in der einen Minute, stumm und eindringlich in der nächsten. Immer aber ausdrucksstark. Theater eben. (bs)