Mittwoch, 21. August 2019

Der lautlose Schatten im Kalksteinbruch

Warum der Uhu eine enge Beziehung zum Kalkstein pflegt / Letzter Teil der vierteiligen TAH-Serie über Steinbrüche im Weserbergland

Kreis Holzminden (04.12.15). Wenn nachts ein wirklich großer Schatten lautlos über den Himmel zieht, dann kann es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Uhu handeln. Warum die größte Eule Deutschlands eine besondere Beziehung zum Kalkstein hat, lesen Sie im letzten Teil unserer Serie über Steinbrüche im Weserbergland.

„Die meisten Uhus brüten in Steinbrüchen“, erzählt Albrecht Jacobs und spricht dabei von einem Vogel „der mich fasziniert und nicht mehr losgelassen hat“. Gut 40 Jahre ist es her, dass
der Stadtoldendorfer die ersten Uhus züchtete, um sie dann
erfolgreich auszuwildern. Deutschlands größte Eule war seinerzeit vom Aussterben bedroht. Heute erfreut sich das Weserbergland einer stattlichen Anzahl dieser imposanten Greifvögel – auch dank sehr guter Lebensbedingungen in Steinbrüchen. Sie bieten in der von Siedlungen und Landwirtschaft geprägten Natur sehr gute Lebens- und Brutbedingungen für die weltweit größte Eulenart.

Rückzugsmöglichkeiten auch im laufenden Betrieb

Die Steinbrüche sind nach Erfahrung des Stadtoldendorfers deshalb so wichtig, weil Naturfelsen als Brutplätze Mangelware sind – das zeigt auch der Altsteinbruch des Kalkwerks Hehlen. Hier ist es dann Andreas Goedecke, Geschäftsführer des Kalkwerks Hehlen, der ebenfalls ins Schwärmen gerät, wenn er vom Uhu in seiner Betriebsstätte spricht - auch wenn die Tiere eigentlich Meister der Heimlichkeit sind, die stattliche Körpergröße von 70 Zentimetern mit einer Flügelspannweite von rund 170 Zentimetern aber Verwechslung selbst unter Laien ausschließt.

Keine Steinbrüche, keine Uhus: Dieser recht einfache Zusammenhang macht den Stellenwert aktiver wie stillgelegter Steinbrüche für die nachtaktiven Vögel im Besonderen sowie die vielfältige Flora und Fauna im Allgemeinen klar. „Es gibt in einem Steinbruch immer Bereiche, in denen nichts mehr gemacht wird – sprich, kein Abbau erfolgt. Hier siedeln sich Pflanzen und Kleinlebewesen an, die es vorher nicht gegeben hätte, weil dort etwa Landwirtschaft stattgefunden hat“, fasst Andreas Goedecke zusammen. Da aufgrund der besonderen Gefahren eines Steinbruchs zudem ein weitreichendes Betretungsverbot herrscht, hat die Natur ihre Ruhe vor dem Menschen – sogar in aktiven Betrieben, weil der Gesteinsabbau immer wieder Rückzugsmöglichkeiten in Form biologischer Nischen schafft.

Partnerschaft mit Naturschützern

Während also in einem Abbaubereich neue Naturbereiche durch Steilwände entstehen, findet woanders Rekultivierung statt. Hierbei kann es sich um temporäre Feuchtgebiete genauso handeln, wie um trockene Geröllhalden. „Wir kennen die  Auswirkungen von Steinbrüchen auf die Natur, weil es Steinbrüche im Weserbergland seit mehr als Tausend Jahren gibt“, sagt Goedecke mit Blick auf den Schutz des Uhus, für den sein Unternehmen sogar eine Vereinbarung mit dem Nabu getroffen hat. Diese Partnerschaft mündete unter anderem im Bau eines neuen Brutplatzes, nachdem eine Steilwand durch natürliche Erosion abstürzte. „Wir haben eine bestätigte Brut im Altsteinbruch. Darüber sind wir froh. Es kann dann auch kein zweites Pärchen geben, weil sich Uhus generell bis aufs Blut bekämpfen und ein Partner nur zur Paarungszeit geduldet wird“, fasst der Hobbyjäger Goedecke zusammen. „Ich habe schon gesehen, wie ein hungriger Uhu nachts einen Bussard aus dem Baum holte. Das sind schon phantastische Tiere – kein Geräusch, nur ein lautloser, riesiger Schatten.“ Bei aller Begeisterung für diese Tiere: Naturschutz und unternehmerisches Handeln müssen im Unternehmen aus Hehlen ohne Frage im Einklang stehen.

Vielseitige Einsatzmöglichkeiten

Weil der Muschelkalk nun einmal eine geologische Besonderheit darstellt, die bis hoch zur Ottensteiner Hochebene reicht, lässt sich dieses Material auch nur hier erschließen. Das Kalkwerk Hehlen baut dabei vom oberen bis unteren Muschelkalk alle drei erdzeitalterlichen Formationen ab. „Wir nutzen damit die gesamte chemische und physikalische Breite mit sehr unterschiedlichen Calciumcarbonatgehalten“, erklärt Goedecke. Sind die unteren Schichten rund 230 Millionen Jahre alt, entstanden die oberen Schichten vor etwa 185 Millionen Jahren. Die Qualität des Muschelkalks ist so gut, dass dieser in einer Vielzahl technischer Anwendungen Verwendung findet. Produkte aus Hehlen kommen in der Glasindustrie genauso zum Einsatz, wie in der Kunststofffertigung, der Landwirtschaft oder der Asphaltindustrie für die Herstellung besonders feiner Straßenbeläge. Hochwertiger Kalk dient zudem immer mehr als Füllstoff für Kunststofffolien.

„Wir bauen dort Gestein ab, wo die Natur die Lagerstätten gelegt hat. Wir können sie nicht wo anders hin mitnehmen“, merkt Andreas Goedecke angesichts der Tatsache an, dass Kalk – genauso wie Gips und Sandstein – zu den Baumaterialien zählen, die von der Gesellschaft im großen Stil benötigt werden. Dabei zitiert er Paragraf 1 des Bundesberggesetzes, wonach Lagerstätten im Sinne einer nachhaltigen Nutzung vollständig zu nutzen sind. Dahinter steckt das Ziel, lieber ein großes Loch machen zu müssen, als viele kleine. Konzentrierte Abbaugebiete sind leichter zu kompensieren und bieten der Natur auch deutlich bessere Chancen, neue ökologische Nischen auszubilden – wovon nicht nur der Uhu profitiert. (Thorsten Sienk)

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