Sonntag, 18. August 2019

Vom Tante-Emma-Laden zum Supermarkt

Ein Rückblick auf die Kolonialwarengeschäfte am Beispiel von Paul Otto in der Holzmindener Bahnhofstraße

Holzminden (12.12.15). Vor dem Siegeszug heutiger Supermarkt-Ketten mit riesigen Verkaufsflächen und entsprechend großen dazugehörigen Parkplätzen prägten zahlreiche kleine Läden das Bild der Städte und Dörfer. Der deutsche Lebensmittel-Einzelhandel war überall in Wohngebieten vertreten, ganz nah am Verbraucher. Die Geschäftsleute wurden als Kolonialwarenhändler bezeichnet, verkauften sie doch ursprünglich überseeische Lebens- und Genussmittel aus den Kolonien wie Gewürze, Kakao, Kaffee, Tee, Zucker, Reis und Tabakwaren. In der Holzmindener Bahnhofstraße gab es das Kolonialwarengeschäft Paul Otto.

Im Verlauf der Jahre erweiterten sich die Sortimente der Kolonialwarengeschäfte um allgemeine Artikel des Haushaltsbedarfs. Dazu gehörten beispielsweise Bohnerwachs, Petroleum, Seife und alle Arten von Waschmitteln, aber auch Postkarten sowie Besen- und Bürstenwaren. In kleineren Orten entstanden so aus Kolonialwarenläden regelrechte Gemischtwarengeschäfte, in häufigen Fällen entwickelten sich die Läden weiter zu Delikatessen-Anbietern.

Bis in die Zeit um 1970 wurde der Begriff „Kolonialwarenladen“ noch verwendet. In der Zwischenzeit etablierte sich der Begriff „Tante-Emma-Laden“ für diese Geschäfte. Jüngere Menschen mögen das teilweise als „von gestern“ verstehen. Ein anderer Teil der Bevölkerung verbindet mit diesem Namen aber Bürgernähe, besondere Zuwendung für den Kunden und vor allen Dingen sehr frische Lebensmittel.

In der Bahnhofstraße in Holzminden gab es jahrzehntelang das Kolonialwarengeschäft Paul Otto, das der Edeka (früher Eveko) angehörte. Auch dieses Geschäft hatte sich spezialisiert. An bestimmten Wochentagen gab es frischen Fisch: Rotbarsch, Kabeljau, Schellfisch oder Stint, je nachdem, was in Bremerhaven angelandet worden war.

Zu Weihnachten und Silvester wurden in Schaukelfässern lebende Karpfen per Eilfracht mit der Bahn angeliefert. Im Herbst eines jeden Jahres kaufte die Firma Paul Otto Zwetschgen auf, um selbstgemachtes Zwetschgenmus herzustellen. Bis zu 300 Zentner Früchte wurden pro Jahr zu Zwetschgenmus verarbeitet und in Steingutgefäßen verkauft.

Als 1964 das Kolonialwarengeschäft Paul Otto schloss, wurden einzelne Werbeaufsteller aufgehoben. Sie erinnern an Markenartikel, die es heute nicht mehr gibt. Die Firma Ronning aus Bremen war eine Kaffeerösterei, die von 1894 bis 1966 Bestand hatte, dann von Melitta übernommen wurde. Ronning unterhielt in Ost-Afrika eigene Kaffeeplantagen. Die Firma röstete Kaffeemischungen in Bremen und verkaufte damals als erste abgepackten Kaffee über eine Versandorganisation. Ein typisches Kolonialprodukt war die Zigarrenmarke „Stradivarius“ aus Süd-Amerika. Um 1937 wurden diese Zigarren in Holzminden für 50 Reichspfennig verkauft, das ist aus der Zollbanderole der originalen Zigarrenkiste zu ersehen.

Auf regionale Produkte verweist ein Pappaufsteller der Gebirgsmolkerei Vahlbruch von Friedrich Wietbrauck & Sohn. Diese Molkerei war ursprünglich in Lichtenhagen angesiedelt, bevor sie auf der Ottensteiner Hochebene nach Vahlbruch umzog. Die Gebirgsmolkerei Vahlbruch war ein extrem kleiner, aber feiner Privatbetrieb ohne genossenschaftliche Bindung. Für die Kolonialwarengeschäfte im Landkreis Holzminden bedeutete es eine Auszeichnung, täglich mit ganz frischen und mehrfach preisgekrönten Produkten der Gebirgsmolke-rei Vahlbruch beliefert zu werden.

Die Molkerei Wietbrauck hat etwa bis zum Jahr 2000 noch gearbeitet, heute wird die besonders gute Milch von der Ottensteiner Hochebene von Betrieben außerhalb des Landkrei-
ses Holzminden weiterverarbeitet. (Hartwig Drope)

Kontakt

Telefon: 05531/9304-0
E-Mail: info@tah.de

 

Öffnungszeiten
Montag bis Freitag:
8.00 bis 16.00 Uhr
Samstag:
8.00 bis 11.00 Uhr