Sonntag, 18. August 2019

Was hat der Gips mit der Energiewende zu tun?

TAH-Serie Teil 3: Natursteinvorkommen werden in der Bauwirtschaft weiter an Bedeutung zunehmen

Kreis Holzminden (02.12.15). Die Energiewende sorgt auf dramatische Weise dafür, dass die Gipsindustrie in Zukunft immer mehr auf Natursteinvorkommen angewiesen ist. Eine gesamte Branche befindet sich um Umbruch. Woran das liegt, beschreiben wir im dritten Teil unserer Serie über Steinbrüche im Weserbergland.

Gips, diese besondere Form von Sulfatgestein, wird seit vielen Jahrhunderten industriell genutzt. Welche Bedeutung das Mineral – in der Chemie Calciumsulfat mit der Strukturformel CaSO4 x 2H20 genannt – allein im Weserbergland hat, belegt die Gründung der Firma Rigips in Bodenwerder. Zunächst firmierte das Unternehmen ab 1945 noch als Vereinigte Baustoffwerke Bodenwerder GmbH und nahm drei Jahre später die Produktion von Gipskartonplatten auf. Nach einem Ausbau der Anlagen 1958 wurde im Jahr 1961 die Marke Rigips auch zum Namen des Unternehmens. Hierbei handelt es sich um einen Wortzusammenschluss aus Riga und Gips. Zum Hintergrund: In Riga war 1938 das erste Gipskartonwerk in Europa entstanden. In Bodenwerder kam der Gips anfänglich aus dem Breitenstein bei Rühle und später zum überwiegenden Teil aus Steinbrüchen im Harz – mit entsprechend langen Transportwegen per LKW auf der Straße. Ebenfalls aus dem Harz bezieht auch Knauf in Stadtoldendorf seine Rohsteine. Aktuell deckt das Unternehmen damit rund zweidrittel des Bedarfs, während VG Orth Gips neben dem Rohstoffbezug aus dem Harz in Stadtoldendorf einen eigenen Steinbruch betreibt.

Gips bestimmt das tägliche Leben

Die Einsatzmöglichkeiten von Gips haben sich bis in die aktuelle Zeit hinein immer weiter diversifiziert: Feuerhemmende oder wasserabweisende Gipskartonplatten, Putze, Fließestriche oder Gipsfaserplatten zeigen allein die Möglichkeiten innerhalb der Baubranche. Gips lässt sich nicht mehr wegdenken. Weitere Anwendungsgebiete als Formgips finden sich in der Keramikindustrie, der Lebensmittelindustrie sowie der Medizintechnik. In Zahlen ausgedrückt, steht hinter der Nachfrage nach Gips allein in Deutschland eine Menge von rund zehn Millionen Tonnen. Den Bedarf deckt die Gipsindustrie durch Gesteinsabbau in oberirdischen Steinbrüchen, dem unterirdischen Bergbau sowie zum großen Teil auch durch den sogenannten REA-Gips.

Hinter dem Akronym verbirgt sich der Begriff „Rauchgasentschwefelungsanlage“, weil der Gips auf chemische Weise durch die Schwefeldioxidbindung in Kalkmilch entsteht – bei gleichzeitiger Freisetzung von CO2. So effektiv dieses Verfahren funktioniert, es treibt die Branche in einen rasanten Strukturwandel, der die Bedeutung von Steinbrüchen zur Rohstoffgewinnung wieder ansteigen lässt. War der REA-Gips nach Auskunft von Christian Waldeck, Bergbauingenieur bei Knauf, anfänglich eher als Abfall der Kraftwerke verpönt, hat sich dieser hochreine Stoff mittlerweile zu einer vermeintlich unerschöpflichen Quelle für den Baustoffmassenmarkt entwickelt. Bis jetzt zumindest, denn es gibt tiefgreifende Einschnitte durch die Energiewende – weil Stein- und Braunkohlkraftwerke vom Netz genommen werden und damit weniger REA-Gips anfällt.

Renaissance der Natursteinvorkommen

Die Sicherung von Natursteinvorkommen wird damit für Hersteller wie Knauf, VG Orth oder Rigips allein in der Weserberglandregion zum echten Standortfaktor. „REA-Gips befindet sich auf einem absteigenden Ast“, fasst Waldeck zusammen. Unternehmen, die langfristig bestehen wollen, tun deshalb gut daran, sich Abbauflächen langfristig zu erschließen. Knauf baut zum Beispiel in der Rühler Schweiz Gestein untertage ab, obwohl der Calciumsulfatgehalt des Materials mit gut 70 Prozent recht niedrig ausfällt. „Unsere Produktqualität lässt es aber zu, dass wir
mischen können und so Rohstoffquellen mit erstklassigen Qualitäten schonen“, erklärt
der Leiter der Grube im Breitestein.

Im Vergleich zu Automobilwerken, die theoretisch auf jeder grünen Wiese entstehen können, sind Gipswerke räumlich auf die in den Erdzeitaltern natürlich entstandenen Lagerstätten angewiesen. Am Nachhaltigsten sind Abbau und Weiterverarbeitung an einem Ort – was letztlich den Transport auf ein Minimum reduziert. Im Umkehrschluss belastet die Logistik mit Lastwagen den Verkehr auf den Bundesstraßen, sorgt für Lärm und Staub in den Ortschaften und verbraucht wertvollen Treibstoff.

Interessant beim tieferen Blick in die Branche: Diese Schutzgüter werden in Genehmigungsverfahren höchstens auf lokaler Ebene berücksichtigt. Während dabei die Einflüsse eines Steinbruchs auf die Flora und Fauna im engen räumlichen Kontext untersucht werden, spielt es hingegen keine Rolle, welche Umwelteinflüsse der Transport aus dem entfernten Harz entlang der Strecke hat.(Thorsten Sienk)

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