Sonntag, 20. Oktober 2019

Als die Männer den Frauen beitraten…

Warum es das DRK in Stadtoldendorf über Jahrzehnte doppelt gab

Er gilt als einer der ältesten DRK-Ortsvereine der Region, und als einer der wenigen, den es über Jahrzehnte doppelt gab: Denn beim DRK in Stadtoldendorf agierten Frauen und Männer in zwei selbstständigen Gruppen viele Jahre nebeneinander her. Bis beide Teile in den 1980er Jahren doch noch zusammenfanden – und die Männer den Frauen beitraten.

Die Ursprünge des DRK in Stadtoldendorf führen zurück ins Jahr 1905, als am 17. Oktober der „Vaterländische Frauenverein vom Roten Kreuz“ gegründet und gerichtlich eingetragen wurde. Dieses 110-jährige Jubiläum hat der aktuelle DRK-Vorstand auch mit einer entsprechenden Feier gewürdigt (der TAH berichtete). Bei der Feierstunde erinnerten Ruth Walten und ihr Stellvertreter Hans-Dieter Räker auch daran, wie das Rote Kreuz im Jahr 1915 das Haus in der Pfarrstraße 8 vom „Geheimen Comerzienrat“ Max Levy und seiner Gemahlin Charlotte geschenkt bekam – außerdem einen Geldbetrag von 50.000 Reichsmark, der zum Unterhalt des Kindergartens genutzt werden sollte. Das Gebäude führte den Namen Victoria-Luise-Schule, als Vorsitzende konnte der Ortsverein Charlotte Levy gewinnen. Diente das Haus zunächst als Kinderschule, so wurde es später als Kindergarten genutzt. 

Zu den Aufgaben des Vaterländischen Frauenvereins vom Roten Kreuz in Stadtoldendorf gehörte während des Ersten Weltkriegs 1914 bis 1918 die Betreuung der durchkommenden Militär-Transportzüge. Zwei Lazarette wurden eingerichtet, eines im Krankenhaus Charlottenstift ein weiteres im Bahnhofshotel Hemme. Die Töchter der Stadtoldendorfer Familien leisteten hier ihren Schwesterndienst, Mütter mit ihren Säuglingen wurden ebenfalls von den DRK-Helferinnen versorgt.  Eine Kinderkrippe wurde unterhalten, betreut durch geprüfte Säuglingsschwestern.

1924 war das Gründungsjahr der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz im Landesverband Braunschweig. Im Ratskeller Stadtoldendorf fanden sich am 1. Oktober 30 bis 40 Männer ein, um ihrerseits eine Rotkreuz-Bereitschaft zu gründen. Die Mitgliederzahl stieg schnell auf 43, die Männer erhielten Unterricht durch den Mediziner Dr. Rudolf Jürgens. Diese „Männerbereitschaft“ wurde die nächsten Jahre beim Landesverband als „Bereitschaft m Holzminden 2, Dienststelle Stadtoldendorf“ geführt.

1933 wurde der Vaterländische Frauenverein in „Deutsches Rotes Kreuz, Bereitschaft w, Holzminden 2, Stadtoldendorf“ umbenannt. So entstand der Ortsfrauenverein, der das Haus Pfarrstraße 8 übernahm, das gleichzeitig den Männern als Depot und Unterrichtsraum diente. 

Während des Zweiten Weltkrieges wurde eine ständige Alarmbereitschaft von den Frauen und den Männern bereit gehalten. Als 1945 die Flüchtlingstransporte einsetzten, betreute und verpflegte das DRK in Stadtoldendorf etwa 15 Transporte und die Vertriebenen in Stadtoldendorf.

Nach den Kriegswirren existierten der Männer- und der Frauenverein weiter, 1947 wurde die Männerbereitschaft neu gegründet: 19 Kameraden entschieden sich für die Mitarbeit im Roten Kreuz Stadtoldendorf. 1949 kam auch eine Jugendbereitschaft hinzu, bestehend aus 15 Mädchen und 19 Jungen.

Die Zahl der Mitglieder im Männerverein wuchs stetig: 1953 wurden 48 fördernde und 29 aktive Mitglieder gezählt. Im Jahr 1973 übernahm Hans-Dieter Räker – seit drei Jahren Bereitschaftsmitglied der Sanitätsgruppe – die Bereitschaftsführung, 1974 wurd er zum zweiten Vorsitzenden des DRK Männervereins gewählt.

1976 missfiel Hans-Dieter Räker, dass es in Stadtoldendorf als einzigem Ort in Deutschland immer noch zwei nach Geschlechtern getrennte Bereitschaften gab. In vielen Gesprächen zwischen ihm, dem Frauenverein (damals unter der Leitung von Irene Arnold) und dem Männerverein (damals Vorsitzender Walter Busch), gelang es Räker, die jahrzehntelange Trennung der Bereitschaften zu beenden. Der erste gemeinsame Sanitätsdienst fand zum Schützenfest im Juni 1979 statt. Formal gabt es aber weiterhin  zwei eigenständige Vereine.

Erst 1983 konnte Räker die beiden Ortsvereine überzeugen, nur einen eingetragenen DRK-Verein in Stadtoldendorf zu führen. So beschloss der Männerverein 1983 seine Auflösung, um einem Verein beizutreten, in dem sowohl Frauen als auch Männer Mitglied sein konnten. Da der ehemalige Frauenverein die höhere Mitgliederzahl aufwies, stellte er den Führungsanspruch. So wurde Anita Heidenreich Vorsitzende, Hans-Dieter Räker ihr Stellvertreter. Walter Busch gab sein Amt als Vorsitzender des Männervereins auf.

In der ersten gemeinsamen Jahreshauptversammlung am 9. April 1984 wurde die Änderung des Vereinsnamens in „DRK Ortsverein Stadtoldendorf e.V.“ beschlossen. Seit 1994 wird der neue, gemeinsame Ortsverein ununterbrochen von Ruth Walten als Vorsitzende und Hans-Dieter Räker als Stellvertreter geführt. Und das Haus an der Pfarrstraße 8? Hier war über Jahrzehnte der DRK-Kindergarten untergebracht, bis der DRK-Ortsverein im Januar 2008 schweren Herzens und nach 68 Verhandlungstagen das Gebäude an die Samtgemeinde Stadtoldendorf abtrat, die hier den heutigen Kindergarten Pusteblume betreibt. Das DRK zog um: Geblieben ist dem Ortsverein ein Büro im städtischen Gebäude an der Stiftstraße 1. (nig)