Mittwoch, 21. August 2019

Wärmerekorde statt Winterwetter

Mit einem historischen Dezember endet ein ereignisreiches Wetterjahr 2015

Kreis Holzminden (09.01.16). Temperaturrekorde am laufenden Band, T-Shirt-Wetter am zweiten Weihnachtstag und von Eis und Schnee weit und breit nichts zu sehen: Der Dezember 2015 setzte regional wie auch bundesweit neue Maßstäbe und ließ nicht nur den bisher wärmsten Dezembermonat des Jahres 1974 weit hinter sich, sondern stieß sogar in Bereiche vor, die bisher den Frühjahrsmonaten vorbehalten waren: Die Monatsmitteltemperatur von 7,8°C an der DWD-Station in Bevern lag nur minimal unter der des wärmsten März im Jahr 2012 (8,0°C) und exakt auf dem Niveau des langjährigen Klimawertes im April. Auch die Natur zeigte an so mancher Stelle einen vorfrühlingshaften Anstrich, so dass nur die früh hereinbrechende Dunkelheit am Nachmittag daran erinnerte, in welcher Jahreszeit wir uns tatsächlich befinden.

Dazu gab es recht viel Sonnenschein und nur wenig Regen: Auf immerhin rund 45 Stunden Sonne kommt man nach dem Schätzverfahren, das auf den Messungen der Umgebungsstationen basiert. Das ist – auch wenn es nach nur wenig aussieht – für unsere Region bereits ein deutlich überdurchschnittlicher Wert, der rund zwölf Stunden und damit mehr als ein Drittel über dem Klimamittel liegt. Ein deutliches Defizit gab es hingegen beim Niederschlag: Nach dem sehr nassen Vormonat wurden nun mit nur 31,9 mm gerade einmal 40 Prozent des langjährigen Mittels der Jahre 1961 bis 1990 erzielt. Die Kombination „warm, relativ sonnig und trocken“ ist in einem meteorologischen Wintermonat äußerst ungewöhnlich und in dieser Ausprägung bisher einmalig. Gerade Pollenallergiker dürften sich zeitweise wie in einem falschen Film gefühlt haben.

Deutliche Wärmerekorde

Nun sind milde und recht unwinterliche Dezember zumindest in den tiefen Lagen unserer Region erst einmal nicht außergewöhnlich, zumal in der jüngsten Vergangenheit: Bereits zum vierten Mal in den letzten fünf Jahren war es deutlich wärmer als im langjährigen Mittel, nur die erste Hälfte des Dezembers 2012 machte da eine vorübergehende Ausnahme. Hochwinterlich inklusive eines weißen Weihnachtsfestes, für das die Chancen bei uns generell ziemlich schlecht stehen, war es zuletzt im Jahr 2010. Sein Alleinstellungsmerkmal erzielte der Dezember 2015 vielmehr vor allem durch die Wucht, mit der er sich an die Spitze der Rangliste setzte: Der zuvor wärmste Dezember 1974 hatte es auf 6,4°C gebracht, dieser immerhin 41 Jahre alte Rekordwert wurde also um 1,4°C beziehungsweise Kelvin distanziert, was man in der Klimatologie ohne Übertreibung als Welten bezeichnen kann und auch muss. Das langjährige Klimamittel der Jahre 1961 bis 1990 wurde sogar um glatte 6°C übertroffen, es ist dies die höchste positive Abweichung eines Monats überhaupt und auch hier wurde ein über 40 Jahre alter Rekord aus dem Januar 1975 getilgt: Damals war es 5,8°C wärmer als im 30-Jahres-Mittel. Und auch bei den so genannten „milden Tagen“ mit einer Höchsttemperatur von mindestens zehn Grad setzte der Monat neue Maßstäbe: Gleich 20 Mal wurde diese Marke an der Beveraner Station überschritten, zwischen dem 17. und 29. Dezember sogar an 13 Tagen in Folge – egal, wie lange man in der lokalen Wetterstatistik auch blättert, man findet nichts auch nur annähernd Vergleichbares.

Nur der absolute Tagesrekord blieb dem Dezember 2015 zumindest offiziell verwehrt: 16,2°C wurden an Heilig Abend 1977 am damaligen Stations-standort „Über dem Gerichte“ in Holzminden gemessen, in Bevern waren es am 26. Dezember 15,8°C. Die Messungen des privaten Anbieters meteogroup legen jedoch nahe, dass es im Südkreis noch ein Stück wärmer gewesen sein sollte an diesem zweiten Weihnachtstag, jedenfalls waren die 17,3°C von der Station im benachbarten Höxter der deutschlandweit (!) höchste Messwert dieses ebenfalls aus vielen Hundert Stationen bestehenden Stationsnetzes; in Beverungen wurden 17,0°C erzielt. Aber wie auch immer: Die frohen Weihnachtswünsche der zahlreichen Spaziergänger und Radfahrer an diesem Tage wurden vor einer denkwürdigen und mitunter bizarr anmutenden Wetterkulisse ausgetauscht, und in der Sonne, die an diesem Tage ab dem frühen Mittag schien, fühlte es sich noch ein ganzes Stück wärmer an. So manches Osterfest war da schon deutlich kälter.

Sucht man nach den Ursachen für diese außergewöhnliche und vor allem so stabile Warmluftzufuhr im abgelaufenen Dezember, stößt man auf den Wetterkarten auf ein äußerst stabiles Mittelmeerhoch. Es sorgte dafür, dass die Tiefdruckgebiete vom Atlantik auf einer nördlichen Zugbahn ostwärts unterwegs waren oder sich mitunter westlich von uns im Ostatlantik „eingruben“. Die Folge: häufig wurden aus Südwesten Luftmassen subtropischen Ursprungs zu uns transportiert, wobei es vor allem in der Höhe sehr warm war, was zu einer besonders stabilen Schichtung der Atmosphäre und damit zu einer beständigen Großwetterlage führte. Das Gegenteil kann man oft im Frühjahr beobachten, wenn Höhenkaltluft zusammen mit der durch die Sonneneinstrahlung bedingte Erwärmung am Boden eine labile Schichtung erzeugt, die dann für unbeständiges, durch den raschen Wechsel von sonnigen Abschnitten und Schauern, teils mit Graupel, geprägtes Wetter sorgt.

Jahresbilanz: Viel Abwechslung und unterm Strich warm

Auch wenn der Jahresmittelwert der Temperatur mit 10,4°C ein halbes Grad unter dem erst im Jahr 2014 aufgestellten Rekordwert blieb, war es dennoch eines der wärmsten Jahre in unserer lokalen Messreihe mit Daten seit 1951: Hier belegt das Jahr 2015 zusammen mit 1999 den vierten Platz, auf Platz zwei liegen mit jeweils 10,6°C die Jahre 2000 und 2007. Die 30-Jahres-Mittel wurden um 1,6°C (1961-1991) oder 0,9°C (1981-2010) übertroffen. Besonders warm im Vergleich zum Klimamittel fielen die Monate August, November und natürlich Dezember aus, vergleichsweise kühl mit geringen negativen Abweichungen schnitten Mai, September und Oktober ab. Der Niederschlag lag mit 760,2 mm erstmals seit 2010 wieder über der Marke von 700 mm, das langjährige Mittel von 795 mm (1961-1990) wurde jedoch erneut verfehlt. Sehr viel Regen gab es im Juli und im November, während Mai, Juni und Dezember ein deutliches Defizit aufwiesen. Die Sonne schien etwa 1.540 Stunden über das Jahr verteilt, damit findet sich unsere Region im bundesweiten Vergleich zwar wie so oft weit hinten wieder, dennoch wurde das lokale Klimamittel um rund  13 Prozent und damit immerhin rund 180 Stunden übertroffen und gegenüber dem Vorjahr waren es immerhin 110 Stunden mehr. Im April, Juli und August gab es jeweils über 200 Sonnenstunden.

Was bleibt besonders in Erinnerung vom Wetterjahr 2015? Unter anderem Sturmtief Niklas Ende März, dem das Dach des Holzmindener Hallenbades zum Opfer fiel, ein Sommer mit vielen Hitzetagen, aber auch ausgeprägten kühlen Phasen zwischendurch und einem abrupten Ende am 31. August, der zweitwärmste November und der rekordwarme Dezember, aber auch der erste Aprilschnee seit 27 Jahren und der früheste Wintereinbruch in der Messreihe seit 1951 mit Schnee bereits Mitte Oktober. Und natürlich die Hitzewelle Anfang Juli mit bis zu 37,0°C – was übrigens doch kein neuer lokaler Rekordwert ist, wie mit verfeinerten Interpolationsverfahren für die Zeit der Messlücke zwischen 1991 und 2006 nun ermittelt werden konnte: Am 12. August 2003 war es mit vermutlich 37,7°C noch einmal ein ganzes Stück heißer. Für Abwechslung war also reichlich gesorgt, ausführlich nachzulesen im online-Archiv des TAH in der Rubrik „TAH exklusiv“.  (Jürgen Höneke)

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