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Montag, 01. März 2021

Das Uhrwerk der Christuskirche schlägt wieder

Ortsheimatpfleger Klaus Dannenberg hat das mehr als 100 Jahre alte Uhrwerk in 200 Arbeitsstunden ehrenamtlich aufgearbeitet

Neuhaus (04.04.16). „Gehört haben wir sie immer, gesehen haben wir sie nie.“ – Nur ganz Wenige bekamen das prächtige Exemplar von einer Kirchturmuhr je zu Gesicht, zum Beispiel, wenn sie als Konfirmanden dem Küster zur Hand gehen durften oben auf dem Kirchenboden. Den älteren Neuhäusern ist das halbstündige Läuten der Kirchturmuhr in guter Erinnerung, es gab ihnen die zeitliche Orientierung beim Tagwerk und im dörflichen Alltag zu einer Zeit, da Armbanduhren kaum verbreitet waren. Bis 1970 etwa sagten die Zeiger auf dem dorfseitig angebrachten Zifferblatt der Kirchturmuhr die Tageszeit an. Bei Umbauarbeiten am Kirchturm – der Turm war eingerüstet und die dritte Glocke eingebaut – wurden Zeiger und Zifferblatt abmontiert. Sie sind bis heute verschollen. „Vielleicht schmücken sie die Wand eines Partykellers“, vermutet Ortsheimatpfleger Klaus Dannenberg. Was zurückblieb all die Jahre auf dem Dach der Christuskirche, war das Uhrwerk, fast vergessen in seinem hölzernen Schrein. Der Ortsheimatpfleger aber, seit 2012 per Sonderauftrag zum Bau- und Sicherheitsbeauftragten der Kirchengemeinde ernannt, hatte die Schlüsselgewalt, ein Auge auf das Wunderwerk der Mechanik – und eine Idee. Die Kirchendachsanierung im letzten Jahr bot schließlich die Chance, den schweren Koloss aus Guss, Stahl und Bronze per Kran vom Dachboden zu hieven. Im September war es soweit, erwachte die Uhr aus ihrem Dornröschenschlaf. Klaus Dannenberg hatte sich angeboten, es ehrenamtlich in seiner Werkstatt aufzuarbeiten und wieder zum Laufen zu bringen. Der Kirchenvorstand gab dafür Grünes Licht.

Jetzt erstrahlt das ausgeklügelte Prachtstück vergangener Uhrmacherkunst in neuem Glanz, in rund 200 Arbeitsstunden aufgearbeitet, zerlegt und von Rost befreit, gereinigt und saniert, um zwei selbst gedrehte neue Bronzelager ergänzt und neu angestrichen von Klaus Dannenberg. Im Ostergottesdienst wurde das Uhrwerk, jetzt kombiniert mit einem modernen Zifferblatt aus Plexiglas und voll funktionstüchtig, enthüllt. Die Gemeinde nahm es stolz und staunend in Empfang. Auf einem Rollbrett gelagert und geschützt in einer Glasvitrine, die die Volksbank Weserbergland aus dem Gewinnspar-Zweckertrag sponserte, hat das Uhrwerk im Anbau der Kirche seinen neuen Platz gefunden. Hier ist sie nun in der „verlässlich geöffneten Kirche“ für jedermann zu bestaunen. Zu besonderen Anlässen wird das Werk aufgezogen. Die Uhr zeigt die Zeit an und die Klöppel schlagen alle halbe Stunde an die Glocke – fast wie früher.

Gebaut hat die Uhr die Firma Johann Friedrich Weule in Bockenem am Harz. Sie stellte von 1848 bis 1953 Turmuhren und Glocken her. 1912 – das belegen die Aufzeichnungen in den Kirchenbüchern – wurde die Uhr in die damalige Neuhäuser Gestütskapelle eingebaut und tat dort knapp 60 Jahre lang ihren Dienst. Sie kostete etwa 850 Reichsmark. Was den Ortsheimatpfleger wunderte: nirgends war der Firmenname zu lesen! „Schlossherr“ Müller von gegenüber, aus Bad Pyrmont stammend, wusste von einem pfiffigen Uhrmachermeister in Pyrmont. Über ihn, längst in Rente, kam Dannenberg der Uhr auf die Spur. Dieser vermutete: „Das ist eine Weule-Uhr!“ Gewissheit und manch wertvolle Hinweise zur Historie und für die Sanierung der Uhr brachte schließlich ein Besuch des Turmuhrenmuseums in Bockenem. Dort erkannten die Experten auf Dannenbergs Fotos das Neuhäuser Uhrwerk sofort als Weule-Uhr. Und sie hatten auch eine überraschende Erklärung parat, warum nirgends eine Firmenbezeichnung zu finden war: Nach einem Brand war die Firma Weule 1910 in Konkurs gegangen. Offiziell wurde die Produktion eingestellt, inoffiziell aber müssen die Uhrbauer weitergearbeitet und Aufträge angenommen haben. Was das Werk verließ, waren quasi No-Name-Produkte made in Bockenem. So bekam die Neuhäuser Gestütskapelle eine „nicht ganz astreine“ Uhr, allerdings in echter Weule-Qualität und sicher zu einem Vorzugspreis.

Der Ostergottesdienst in der Christuskirche Neuhaus war in diesem Jahr ein ganz besonderer. Pastorin Kovacevic predigte über die neue alte Uhr, und hinterher war diese dicht umringt und sorgte als Stichwortgeberin für angeregte Gespräche über so manche Erinnerung an die Kirchturmuhr. Die Neuhäuser sind froh, dass das von Klaus Dannenberg sanierte Uhrwerk im Dorf geblieben ist, denn scharf waren einige darauf – nicht nur das Uhrenmuseum in Bockenem. Gern hätte die Kirchengemeinde damit wieder eine Uhr am Kirchturm betrieben, doch dieses Vorhaben war nicht zu finanzieren und wurde so schnell verworfen. (spe)

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