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Freitag, 23. April 2021

Opferlein muss nicht sein

Ein Selbstversuch im Selbstverteidigungskurs / Von den geheimen Kräften der sich wehrenden Frau

Holzminden (25.04.16). Ich bin ein Mann. Einer der es in sich hat. Aber wie lange noch? Seit Wochen demütigt mich meine Freundin, heute Morgen wartete die Kündigung auf meinem Schreibtisch. Der Kaffee landete auf dem T-Shirt, das Handy fiel ins Klo und der plötzliche Platzregen kriecht mir bis  in die Unterhose. Vor mir läuft eine Frau. Nicht besonders jung, nicht besonders alt, von nicht auffälliger Größe oder Gestalt. Doch sie macht mich aggressiv. Genauso aggressiv, wie dieses verdammte Wetter, der dumpfbackige Chef und dieses eingebildete Weibsbild zu Hause. Deshalb laufe ich ihr ein Stückchen hinterher. Sie scheint mich nicht zu bemerken.  Nach einer Weile verkürze ich den Abstand zwischen uns. Sie spürt mich, beschleunigt ihre Schritte. Ich mache mich groß, mache mich breit und genieße wie sie mehr und mehr nervös wird, hektisch mit dem Kopf zuckt. Ich bin ein schwarzer Panther und sie eine kleine Waldmaus, eine Steinlaus. Mein Spiel genießend, lasse ich mich wieder etwas zurückfallen, sie stakst hektisch weiter. Doch entkommen kann sie mir nicht.

„Gut, danke das reicht. Nun bitte die Rollen tauschen“. Erst dieser Satz holt mich wieder zurück in die Realität. Ich bin in der Turnhalle der Grundschule Karlstraße bei einem Selbstverteidigungskurs speziell für Frauen. Und ich bin ein Mädchen. Der Nachteil dieses schönen, doch tendenziell schwächeren Geschlechts ist, dass es, sogar unter Beachtung der Armlänge Abstand, potenzielles Opfer sexueller Nötigung oder Vergewaltigung ist. Sich wehren können, Paroli bieten und sich eben nicht in diese Opferrolle bringen lassen: Das ist es, was die meisten der Frauen antreibt, sich samstags um zehn Uhr morgens hier unter der Regie von Silvia Kieven und Erhardt Wingrad, den Karate-Trainern des MTV Holzminden, zusammenfinden. Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, von 17 bis 54 Jahre alt, zurückhaltende und selbstbewusste Damen, kräftige und schmächtige Gestalten, die das Bedürfnis haben, sich zu wappnen. Besonders im Angesicht der akuellen Geschehnisse. Seit den Übergriffen in Köln boomt die Selbstverteidigungsindustrie, die Nachfrage nach Kursen wie diesem steigt enorm, wissen die Kursleiter Kieven und Wingrat zu berichten. Beide kommen eigentlich aus dem Karate und informieren seit 15 Jahren Frauen zum Thema Selbstbehauptung und Selbstverteidigung. Besonders Selbstbehauptung ist ihnen wichtig. Die eigenen Grenzen erspüren und artikulieren. Dabei denkt wohl jeder zunächst an das klischeehafte „Halt stop – bis hierhin und nicht weiter“- Gepiepse. Dabei ist das mit dem Grenzen erfahren eine wahnsinnig interessante Sache.

Folgende Situation spielen wir durch: Zwei sich nahezu fremde Personen stehen etwa 15 Meter entfernt gegenüber. Die eine bewegt sich bei fortbleibendem Augenkontakt so lange auf die andere Person zu bis diese Stop sagt. Ich gehe langsam, konzentiere mich vollkommen auf ihre Augen. Je näher ich komme, desto intensiver wird die Beziehung, die wir zueinander aufbauen. Es hängt eine greifbare Spannung in der Luft, die mit jedem Schritt wächst und die ich mit jedem Schritt mehr in ihren Augen lese. Ich setze meinen Fuß noch ein Stück vor – und wir prusten los. Wir wiederholen die Übung noch einmal und noch einmal, doch immer etwa einen halben Meter vor ihr müssen wir die Spannung durch Lachen auflösen. Sie entsteht weil wir beide nicht nur an die eigene Grenze sondern auch an die des Gegenübers denken und Angst haben dem anderen zu unangenehm zu werden. Diese Grenzen sind personen- und tagesformabhängig. Sie zu ertesten ist eine unerwartet tiefgehende Erfahrung.

Die eigene Grenze zu erkennen, ist aber nur die eine Seite der Medaille. Was man hier lernt, ist, dass das berühmt berüchtigte „Halt – Stop!“ eben meistens nicht ausreicht. „Bei Vorfällen von sexueller Nötigung können viele Delikte nicht geahndet werden, weil die Frauen sich nicht deutlich genug gewehrt haben“, erklärt unsere Kursleiterin. Somit ist Selbstbehauptung zu einem großen Teil Kopfsache. Es gilt zu entscheiden „Wehre ich mich oder lasse ich es geschehen“. Wer sich für Kampf entscheidet und ihn mit 150 Prozent Willenskraft angeht, erhält unter dem Adrenalinschock eine Stärke, die 86  Prozent der Täter „in die Flucht“ schlägt. Dazu lehren uns unsere Mentoren auch einige Kniffe, Tricks und Handgriffe. Aus dem Würgegriff entwinden,  Augen eindrücken, die Handgelenksumklammerung lösen. Die Bewaffnungstechniken von Zeitung, Schlüssel und Kugelschreiber machen jede von uns zu einem Eliteinfanteristen. Doch die Selbstverteidigung beginnt noch weit früher als beim Einsatz von Kampfwaffen.

Viele aggressive Täter benutzen das Schubsen als Auftakt ihres Angriffs. Sie versuchen zu testen wie weit sie gehen können, wollen ihre Macht demonstrieren. Jeder weiß, wie demütigend es ist, geschubst zu werden. Mit dem Schubsen will der Täter das Opfer in seine Rolle drängen. Wie bei dem anfänglich beschriebenen Rollenspiel liegt es auch mit in der Hand des Opfers, ob es zulässt, die Waage immer mehr in dieses Ungleichgewicht schlagen zu lassen oder nicht. Wirft es nur einen schüchternen Schielblick über die Schulter oder stolpert es nach dem Schubsen viele Schritte zurück, gibt das dem Täter Oberwasser. Wie schön dieses überlegene Gefühl ist, wird mir bei dem Selbstversuch erschreckend deutlich klar.

„Täter suchen sich leichte Opfer, sie wollen zu schnellem Erfolg kommen“, stellt Silvia klar. „Frauen sollen nicht nur reagieren, sondern agieren“. Das bedeutet per Faustregel: etwas Unerwartetes tun. Dreht sich die verfolgte Frau offensiv zu dem Mann um, zerstört sie dessen Spiel. Bewahrt sie beim Schubsen Körperspannung und Augenkontakt, zeigt sie ihm, dass sie keine leichte Beute ist. Sie verhindert, dass die Waage ausschlägt.

Ich beobachte die Gesichter meiner Mitstreiterinnen. Die Anführer, die das große Wort führen in den Diskussionen, die Theatralischen, die aus dem allgemeinen Mann ein Ungeheuer machen und die stillen Beobachter, die alles einfach nur in sich aufsaugen. Wer wird im Ernstfall den Mut aufbringen seine Grenzen zu behaupten? Das vermag niemand zu wissen. Was wir jedoch gelernt haben ist, dass wir Kräfte haben, von denen wir selbst vielleicht noch gar nichts wissen. Wir sind kein Freiwild, sondern edle Elefanten. Also nehmt euch in Acht ihr Elfenbeinschnitzer - Hannibella is coming! (Lea Wittkopf)

 

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