Montag, 21. Oktober 2019

Ein launischer Geselle mit spätem Winterrückfall

Das Wetter im April 2016: Graupel, Schnee und Gewitter zum Monatsende

Kreis Holzminden (09.05.16). Der zweite Frühlingsmonat präsentierte sich nach den häufig freundlich-beständigen, oft auch warmen und trockenen Exemplaren der letzten Jahre diesmal ausgesprochen wechselhaft und launisch – ein April der klassischen Art, wie er zuletzt schon fast in Vergessenheit geraten schien. Dabei scherte er sich auch nicht weiter um die übliche, der fortschreitenden Jahreszeit entsprechenden Temperaturentwicklung: Die wärmsten Tage präsentierte er uns gleich zu Monatsbeginn und nach einer längeren durchschnittlichen Phase gab es dann zum Monatsende einen der spätesten Winterrückfälle in der regionalen Wettergeschichte mit Schneefall bis in tiefe Lagen. Im Solling zeigte sich am 27. April sogar die zweitspäteste dokumentierte Schneedecke, über die der TAH bereits ausführlich berichtete. Über den gesamten Monat hinweg betrachtet lagen die Messwerte dagegen recht nah an den langjährigen klimatologischen Mittelwerten.

Der April 2016 landete an der DWD-Station in Bevern mit einer Mitteltemperatur von 8,5 °C exakt auf dem Niveau seines Vorgängers im Jahr 2015. Das sind zwar 0,7 Grad bzw. Kelvin mehr als im Mittel des „alten“ Referenzzeitraums der Jahre 1961 bis 1990, das jüngere Mittel der Periode 1981 bis 2010 von 8,9 °C  wurde allerdings ebenso verfehlt wie das gleitende 30-Jahresmittel von 9,3 °C (siehe Diagramm). Von frühsommerlichen Witterungsphasen, die im April speziell seit dem Jahr 2007 ungewöhnlich häufig aufgetreten waren, fehlte diesmal jede Spur. Das Monatsmaximum wurde bereits am 3. mit 20,8 °C gemessen, es blieb der einzige Tag, an dem die 20-Grad-Marke überschritten wurde.

Die Sonne zeigte sich vor allem an den ersten beiden Tagen häufig, versteckte sich dann mal mehr, mal weniger hinter den Wolken und hatte ihre längsten Auftritte zwischen dem 18. und 22., bevor sie in der anschließenden kalten Phase nur noch kurze Lücken zwischen den mächtigen Schauerwolken fand. 163 Sonnenstunden entsprachen am Ende fast genau dem Mittel der Jahre 1981 bis 2010 (161 Stunden), während das „alte“ Mittel von 141 Stunden um immerhin 22 Stunden übertroffen wurde. Im Vorjahr zeigte sich die Sonne im April allerdings sogar etwas über 200 Stunden lang.

Beim Niederschlag sah es nach gut drei Wochen nach einem weiteren sehr trockenen April aus, bevor die in höhenkalter Luft häufigen Schauer ab dem 24. die Bilanz in Form von Regen, Schnee und Graupel noch ein Stück aufbesserten. Mit 39,6 mm wurden die Klimamittelwerte allerdings um 17,5 mm (1961 bis 1990) bzw. 10,1 mm (1981 bis 2010) verfehlt. An 14 Tagen blieb es in Bevern komplett trocken und an acht Tagen fiel nur geringfügiger Niederschlag von weniger als 1 mm. Trotz der zahlreichen Schauer mit Schnee wurde hier zum maßgeblichen Messtermin am Morgen um acht Uhr MESZ kein Schneedeckentag mehr registriert. Spätester Tag mit einer offiziellen Schneedecke im Tiefland bleibt somit in unserer lokalen Klimareihe der 20.04.1980, als an der damaligen Station im Holzmindener Sonnenwinkel auf 128 m Höhe 1 cm gemessen wurde.

Hatten wir es in den letzten Jahren im April recht häufig mit vorherrschendem Hochdruck und der Zufuhr vorwiegend warmer Luftmassen zu tun und damit entgegen der landläufigen Vorstellung vom „typischen Aprilwetter“ mit für die Jahreszeit ungewöhnlich beständiger Witterung, zeigte sich in diesem Jahr vorwiegend ein anderes Szenario. Die Großwetterlagen entsprachen vor allem zu Beginn sowie zum Ende des Monats der meridionalen Zirkulationsform.

Die Klassifikation von Großwetterlagen dient dazu, eine Systematik in der Beschreibung des großräumigen atmosphärischen Zustands zu schaffen. Wiederkehrende atmosphärische Strömungsmuster werden zu Großwetterlagen zusammengefasst. Sehr verbreitet ist die Großwetterlagen-Klassifikation nach Hess und Brezowsky, die aus 29 Grundmustern der Luftdruckverteilung und einer Übergangswetterlage über Europa besteht. Charakteristisch für die meridionale Zirkulationsform sind stationäre, blockierende Hochdruckgebiete zwischen dem 50. und 65. Breitengrad. Auch alle Troglagen mit nordsüdlicher Achsenrichtung werden dieser Zirkulationsform zugeordnet. Je nach Lage der Steuerungszentren und der nach Mitteleuropa gerichteten Strömung liegen dann Nord-, Ost- oder Südlagen vor.

Während der kurzen warmen Phase zu Monatsbeginn hatten wir es mit einer Südlage zu tun, bei der auch Staub aus der Sahara über das Mittelmeer bis zu uns transportiert wurde, was sich in einem milchigen bis zeitweise sogar trüben Himmelsbild zeigte, so dass die Sonne die Luft nicht so stark erwärmen konnte wie es ihr bei klarerem Himmel möglich gewesen wäre. Der Kaltlufteinbruch zum Monatsende resultierte dann aus einer Nordlage, als der Tiefdrucktrog nicht wie zu Monatsbeginn westlich von uns lag, sondern sich über Mitteleuropa ausgebreitet hatte. Über dem Nordatlantik befand sich ein bis weit nach Norden reichendes Hochdruckgebiet, und zwischen diesen Druckzentren wurde die in hohen Breiten lagernde Polarluft angezapft und auf direktem Wege rasch zu uns geführt, so dass sie sich auf ihrem Weg über das Wasser nur wenig erwärmen konnte. Grundsätzlich zählt ein solcher „Trog Mitteleuropa“ vor allem im Frühjahr und dort besonders im April zu den häufigeren Großwetterlagen – die Intensität der Kaltluft mit etwa bis -7 Grad in 1500 m Höhe und bis -36 Grad auf 5500 m war in diesem Fall angesichts des Zeitpunktes Ende April aber ebenso außergewöhnlich wie ihre Verweildauer von sechs Tagen. Auch wenn es selbst an den kältesten Tagen in den kurzen sonnigen Abschnitten immer noch bis zu 8 Grad „warm“ wurde, fielen die Niederschläge ab 24. April bis in die tiefen Lagen vorwiegend als Schnee oder Graupel und brachten dort, wo diese Schauer kräftiger ausfielen, ein vorübergehend weißes Landschaftsbild. Dazu gesellten sich am 27. noch mehrere kurze Gewitter. Für Abwechslung war also reichlich gesorgt und vermutlich sehnen sich nun viele Menschen nicht nur in unserer Region nach einer beständigen, freundlich-warmen Wetterlage, um die aufblühende Natur ohne Regenschirm und Winterjacke genießen zu können.

Abschließend noch eine Korrektur zum Märzrückblick: Dort war die mittlere Abweichung vom arithmetischen Mittelwert im 30-Jahreszeitraum versehentlich als Standardabweichung bezeichnet worden. Diese errechnet sich stattdessen wie folgt: Zunächst wird jeweils das Quadrat die einzelnen 30 Abweichungswerte gebildet, diese Werte anschließend addiert und aus der Summe der Mittelwert gebildet. Diesen Wert bezeichnet man als Varianz. Die Standardabweichung ergibt sich schließlich aus der Quadratwurzel der Varianz. Somit liegt die Standardabweichung im März im Zeitraum der letzten 30 Jahre sogar bei 2,05 Grad und nicht nur bei 1,52 Grad. Jürgen Höneke