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Freitag, 23. April 2021

„Jetzt haben wir alle am gleichen Tag Geburtstag“

Mit einmotorigem Flugzeug auf einer Sandbank notgelandet / Dr. Gerald Becker gelingt eine fliegerische Meisterleistung

Holzminden. In der Nacht danach hat er schlecht geschlafen. Immer wieder hat er die Bilder vor Augen: Den Start in Westerland, das gute Flugwetter, den Moment, als der Motor aussetzt – und dann die Notlandung auf einer Sandbank. Diese Notlandung macht als fliegerische Meisterleistung bundesweit Schlagzeilen. Gelungen ist sie Dr. Gerald Becker aus Holzminden.

Der Holzmindener Zahnarzt  ist begeisterter Flieger, hat vor 30 Jahren seinen Flugschein gemacht – und analysiert das, was am 5. Juni geschehen ist, ganz nüchtern: „Es ist gut gelaufen, wir hatten viel, viel Glück und große Schutzengel“, sagt er im Gespräch mit dem TAH. „Wir“, das sind der 47-Jährige, seine Ehefrau Nadja und Hund Max, ein siebenjähriger Bayerischer Gebirgsschweißhund.

Die Drei wollen am Sonntag, 5. Juni, von Sylt aus wieder nach Hause fliegen, Ziel ist der Flugplatz Höxter-Holzminden. Gerald Becker kennt seine Beechcraft Bonanza, Baujahr 1980. Die einmotorige Maschine fliegt er gemeinsam mit seinem Bruder. Er ist ein geübter Flieger, der eine Maschine nicht nur auf Sicht steuern kann, sondern auch den Instrumentenflug beherrscht und jährlich das dafür notwendige Standardprogramm mit Notfall- und Ziellandeübungen absolviert. Das wird die drei retten.

 "Vier Minuten, das ist nicht viel Zeit zum Überlegen.“ Dr. Gerald Becker, Pilot

Als die Beckers mit der sechssitzigen Maschine in Westerland starten, ist noch alles in Ordnung. Zehn Minuten nach dem Start, die Reiseflughöhe von 5.500 Fuß ist erreicht, wird der Motor sehr laut, „und sofort stinkt es auch nach Verbranntem“, erzählt Gerald Becker. Und dann bricht die Motorleistung weg, der Öldruck fällt. Schließlich bleibt der Propeller stehen. „Da waren wir gerade an Amrum vorbei“, berichtet Gerald Becker. „Bei der Höhe und der Sinkrate bleiben knapp vier Minuten“, rechnet er vor, „das ist nicht viel Zeit zum Überlegen“.

„May Day, May Day“ meldet Gerald Becker dem Turm Westerland. „Die kannten mich da ja noch, ich war ja gerade erst losgeflogen“. Dass der Tower ihn bis kurz vor der Notlandung per Funk begleitet, dass gleich die notwendigen Rettungsmaßnahmen angeschoben werden, das hat ihm Sicherheit gegeben. „Als der Funkkontakt stand, war es nur noch wichtig, die Maschine heil runter zu kriegen“.

Der erfahrene Pilot will zunächst versuchen, auf Hallig Hooge zu landen. „Doch dann hab ich gesehen, bis zur Hallig schaffen wir es nicht mehr. Für die Sandbank Japsand aber waren wir noch zu hoch“. Er fliegt eine Dreiviertelkurve, um Höhe und Geschwindigkeit zu reduzieren. „Im letzten Moment hab ich das Fahrwerk ausgefahren, volle Landeklappen. Und dann hab ich sie mitten drauf gesetzt“. 300 bis 400 Meter braucht die Beechcraft eigentlich für die Landung. „Nach 120, 140 Metern hat sie gestanden“.

Nach der Landung haben Paar und Hund die Maschine verlassen. „Sie hat nicht gebrannt, es war gar nichts zu sehen“, erinnert sich Dr. Gerald Becker, der gleich zum Handy greift, in Westerland anruft und sich dort mit dem Turm verbinden lässt. „Wir sind gelandet, uns ist nichts passiert“.

Es hätte viel passieren können, es wäre sogar wahrscheinlich gewesen, dass sich die Maschine überschlägt. Dr. Gerald Becker ist eine fliegerische Meisterleistung gelungen.

Gerald und Nadja Becker müssen auf dem Mini-Eiland nicht lange warten. Helgoland hatte ja die Rettungskette ausgelöst, Dr. Becker im Landeanflug noch den Notsender im Flieger aktiviert, mit dem die Maschine angepeilt werden kann. „Als erstes landete ein Rettungshubschrauber, zehn Minuten später ein Marinehubschrauber. Wir haben dann die Sachen gepackt und sind im Marinehubschrauber wieder zurück nach Westerland geflogen“.

 Die Beechcraft Bonanza bleibt erst einmal zurück. Ein Spezialschiff birgt die Maschine, bringt sie zunächst nach Wyck auf Föhr. Dort ist sie am Donnerstag angekommen, dort steht sie auch heute noch. Der Motor ist ausgebaut. „Warum er blockierte, ist noch nicht klar“, erzählt Dr. Becker.

Natürlich, sagt er, wolle er wieder fliegen. Und eigentlich sei das nun eine Erfahrung, die man nicht unbedingt machen möchte. „Wenn ich die nächsten 20 Jahre ruhig weitergeflogen wäre, damit wäre ich sehr zufrieden gewesen“, meint er schmunzelnd.

Und dann gesteht er noch, dass er diesen Tag bestimmt nicht vergessen wird. Noch auf der Sandbank Japsand habe er zu seiner Frau gesagt, „jetzt haben wir alle am gleichen Tag Geburtstag. Der Hund auch.“

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