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Dienstag, 18. Mai 2021

Eine Sache des Kopfes

Zum 80. Geburtstag des Künstlers Karl Repfennig, der in seinem Atelier Bilder seiner Beveraner Schloss-Zeit zeigt

 

Bevern (30.07.16). Im Münchhausenschloss in Bevern sind Wohnung und Atelier von Karl Repfennig im Schlosshof über eine kleine Seitentreppe erreichbar. Eine Tür führt in die Arbeitsräume, an deren Wänden Karl seine Bilder und Objekte als Ergebnis seiner fast 30-jährigen Tätigkeit in Bevern ausgebreitet hat. Die andere Tür führt durch die Küche zu den Zimmern, in denen er wohnt, liest, zeichnet und über das alles nachdenkt. Überall finden sich Bücher, denn Karl liest viel. Geschichte, Religion, Landeskunde, Klassische Literatur, Gedichte und natürlich auch immer wieder über Kunst. Er ist inmitten der vielfältigen Kunstgedanken, will sich aber nicht von Theorien und Kunstideologien einengen und verbiegen lassen. Er gebraucht die Kenntnisse, um sich von Denkmustern, ehe sie sich verhärten, rechtzeitig zu distanzieren.

Die geistige Freiheit, den Dogmen zu entkommen, hat er sich stets erhalten. Er will sich das Glück des Schönen nicht verbauen mit falschen Anstrengungen, die am Ende auf Enttäuschungen hinauslaufen. Eine Gelassenheit, gepaart mit Skepsis und heiterer Ironie umgibt ihn. Und gleichzeitig ist da ein kritischer Ernst, der sortiert und verwirft. Es wird benannt, geurteilt, aber nicht verurteilt. Es bleibt eine Sache des Kopfes, der Gegensätze denkend, diese malend, zeichnend und formend zusammenfasst.

Karl bringt mich mit seinem Auto von Bevern zurück nach Hannover. Wir besichtigen ausgiebig die neue Hängung im Sprengel-Museum und sinnieren über unsere alten Freunde und Bekannten, nämlich die Werke dort. Bevor Karl sich auf den Rückweg begibt, will er noch einen Abstecher in die Brentanostraße in Kleefeld machen, um die Wohnung wiederzusehen, in der 1936 für ihn alles anfing. Er erinnert sich noch deutlich an jenen Tag im Spätsommer 1939, als die Sonne auf die Ziegeldächer schien und der Krieg ausbrach. Der Luftschutzbunker ist nur wenige Meter entfernt, in den die Familie flüchtete, wenn die Flugzeuge erschienen und der Himmel sich rot färbte. Die Erinnerung, die vergegenwärtigte Kindheit, das Früher, das, womit es anfing – all das beschäftigt die Menschen, die sich für den Menschen in sich und für sich als den Menschen interessieren. Woher kommt das alles, warum sind wir so, wie wir sind, ja, was ist der Mensch?

Die geistige Freiheit, den Dogmen zu entkommen, hat er sich stets erhalten.“

Karl erzählt von der beengten Wohnung, wie er sich zurückzog in eine Ecke, um zu malen, zu zeichnen oder zu basteln als Kind. Wie sie dann evakuiert wurden auf das Land nach Lüntorf und er wieder als Fünfzehnjähriger in die Großstadt zurückkehrte. Bilder haben ihn immer beeindruckt, besonders in einer Zeit, die wesentlich bilderloser als die heutige war.

Das Altarbild in der Dorfkirche mit dem Gekreuzigten und den Soldaten oder die Kunstdrucke, die die Schwester von der Arbeit in der Buchhandlung mitbrachte, waren Wege in eine andere Wirklichkeit. Genauso wie die Werkstätten, das Atelier von Bernhard Dörries, dieser karge Raum, in dem es so besonders nach Farbe und Malmittel roch, oder das Atelier von Grete Jürgens, einer Nachbarin in der Liststadt, waren Orte von besonderer Anziehungskraft.

Als er dann nach Jahren, nach einer Autoschlosserlehre und Diensten auf Seeschiffen als Maschinist als Vierzigjähriger in Amerika Kunst studiert, hat er im Nachhinein den Eindruck, nicht die Kunst erlernt zu haben, sondern eher wie „Kunsthochschule funktioniert“. Dennoch, das Art Institute in San Francisco und Santa Rosa in Kalifornien bot eine extreme Erfahrung von Freiheit in der Aufforderung zum Experiment und zur Selbstständigkeit im Denken und Handeln durch die Lehrer. Und die Bezeichnung der Studienabteilung als „Art 2B“ lässt sich phonetisch lesen als Karls Lebensentwurf: Art to be.

Karl möchte kein Erfüllungsgehilfe seiner eignen Ideen und Projekte sein. Immer wieder kommt er zu dem Punkt, zu sagen: „Und da hörte es auf, mich zu interessieren.“ Das ist bei ihm keine Sprunghaftigkeit, auch kein Getriebensein, sondern die Gewissheit, sich aufzugeben, wenn man sich festlegt und sich so der Möglichkeiten, die in einem selbst ruhen, beraubt. Denn es gibt in Karl Repfennigs Arbeit über all die Jahre und die verschiedenen Erscheinungsformen eine durchgängige thematische Linie: Das ist der Mensch in all seinen Verhältnissen. Die Beziehung zu seinem Körper, zur Umgebung des Raumes in der Welt wie auch zum Mitmenschen, zur Sinnenwelt und zum Eros.

Selbst, wenn Bilder den Eindruck erwecken, es handele sich um eine rein ästhetische Praxis, täuscht das. Wenn Karl Repfennig eine schwarze, glatte, glänzende Fläche einer anderen, ebenso tiefschwarzen, aber rau strukturierten Fläche gegenüberstellt, so meint das mehr als die bloße Untersuchung des optischen Effekts. Es geht ihm darüber hinaus um die Frage nach der Beschaffenheit des Alls, nach Sein und Nichtsein und nach den Grenzen der Wahrnehmung. Das Weltall, als das, was hinter dem Himmel ist, die Schwärze jenseits der dünnen Luftatmosphäre, die trotz des Lichts der Sonne so finster ist, beschäftigt seine Gedanken. Solange das Sonnenlicht auf keinen Gegenstand, der es reflektieren könnte, trifft, ist es nicht wahrnehmbar. Das ist eine Analogie zum Geist, zum Denken, das ja auch als reine Möglichkeit existiert, aber erst aus sich heraustritt, wenn das Denken auf seinen Widerpart trifft und den Gedanken hervorbringt. Ein Denken, das keinen Gegenstand bearbeitet, ist nichtig.

Warum machen wir uns es so schwer, warum
beschreiten wir dauernd
Umwege, anstatt direkt zu handeln?“

 

Im Verlauf der Jahre haben sich zwei Möglichkeiten der Repräsentation des Menschen in den Bildern behauptet. Einmal ist da das vom Maler entwickelte vereinfachte Bild eines Kopfes, ein Schema, das er seit Jahren gebraucht, um das Ich in seiner abstrakten Allgemeinheit zu bezeichnen. Auch wenn die Menschen verschieden sind, haben sie alle, jenseits dieser Individualität ein Ich. Aber Charakter und Ich sind zweierlei. Das Ich in seiner reinsten Abstraktion ist die Möglichkeit vom Bewusstsein von sich selbst überhaupt. Nur so ergibt sich das Verhältnis von Mensch und Welt oder eben von Subjekt und Objekt.

Dieses Kopfsymbol als zusammenfassendes Zeichen verwendet er dann auch zusammen mit einfachen Farbflächen, die auf jeden Raum schaffenden Effekt verzichten, um allgemeine Verhältnisse auszudrücken. Solcherlei Verhältnisse können sich in der Frage ausdrücken: Warum machen wir uns es so schwer, warum beschreiten wir dauernd Umwege, anstatt direkt zu handeln?

Die andere Form der Menschendarstellung in den Bildern ist die ganze Figur, der Mensch als Person, als jemand, der sich der konkreten Situation gegenüber sieht. Räume und Perspektiven werden angedeutet oder scharf und klar ausgeführt. Alle möglichen Darstellungsformen, Malweisen, stilistische Eingriffe und Behandlungen der Farbe wie der Farbigkeit kommen zum Einsatz. Es ist, als wäre der Maler ein Schauspieler, der in verschiedene Rollen schlüpft, sich verschiedener Masken bedient. Karl Repfennig jongliert geradezu mit den Formen, er hat mit den Mitteln des Stilistischen den bestimmten Stil überwunden.

Schließlich geht es um nichts weniger als die Stellung des Menschen zu erfassen. Das Verhältnis und die Beziehung des Menschen zu den anderen Menschen in der sozialen wie auch in der individuellen psychischen Konstellation wird behandelt und in eine ästhetische Form gebracht. Wie findet man eine schlüssige Bildformel für das Verhältnis von Verstand und sinnlicher Lust? Wie stellt man das Bewusstsein von der Verbindung mit dem Kosmos dar, wie gestaltet man Begrenzung und Entgrenzung, Pragmatismus und Ekstase?

Die Bilder wollen nicht erklären, keine Theorie aufstellen, sondern eher die Fragen nach der Existenz veranschaulichen. Selbstbefragung findet statt, Gedanken werden bearbeitet und herausgebildet, eine Philosophie mit anderen Mitteln wird betrieben.

 Seine Kunst, das ist er selbst.“

Karl Repfennig weiß vom Wert der Dinge, er macht keinen Unterschied, er weiß, dass in allem, auch in dem, was bedeutungslos erscheinen mag, Potenzial liegt. Sein Leben und seine Kunst sind harmonisch miteinander verbunden. Als aufrichtiger Künstler hat er sich nicht abbringen lassen von seinem Ideal einer wirklich freien Kunst innerhalb selbst gewählter Ausdrucksformen. Sein Erfolg ist der der Selbstrealisation, der eigenen Authentizität, die sich mitteilt und von den Verständigen gewürdigt und erkannt wird. Seine Kunst spekuliert nicht auf einen Erfolg hin, der außerhalb der Arbeit liegt und mit dieser nichts zu tun hat. Seine Kunst, das ist er selbst, der sich als nachdenklicher Mensch sowohl an andere wendet, um sich mitzuteilen, wie auch für sich etwas gestalten will.

Er weiß, dass man die Welt als Gesamtheit aller Dinge, Fakten und Taten, in all diesen Konstellationen nicht verstehen kann. Man kann sie, diese komplexe Welt, jedoch deuten und daran arbeiten, sie zu begreifen. Es bleibt eben diese Sache, als Sache des Kopfes. (Giso Westing)

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