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Samstag, 27. Februar 2021

Plastikmüll, Brandrodung und Pestizide

Impressionen einer Fahrt durch Bolivien

Holzminden/Bolivien (04.10.16). Die katholische St. Josef-Gemeinde Holzminden ist seit vielen Jahren mit Bolivien verbunden. Dr. Franz J. Hammerschmidt aus Stahle nahm an einer dreiwöchigen Begegnungsreise nach Bolivien teil, die die katholischen Bistümer Hildesheim und Trier gemeinsam durchführten. Die Ziele dieser Reise waren: Bestehende Partnerschaften stärken; neue Partner und Projekte kennenlernen; sich über die neuen politischen und gesellschaftli-chen Entwicklungen informieren. Seit fast 23 Jahren sind die Arbeitskreise „Mission, Entwicklung, Frieden“ und  „Bewahrung der Schöpfung“ der Pfarrgemeinde St. Josef Holzminden mit den Hermanas Misioneras Aymaras in einer engen Partnerschaft verbunden. Im Jahre 2013 hatte Schwester Mery, die Leiterin dieses kleinen indigenen Ordens, uns zuletzt besucht; daher war die Wiedersehensfreude sehr groß.

Für den TAH berichtet Dr. Hammerschmidt von seinen Erfahrungen und Eindrücken aus dem südamerikanischen Land: „Nach mehr als 35 Stunden Reisezeit kam ich in Cochabamba an. Dort waren drei Tage der Akklimatisierung an die Höhenlage – Cochabamba liegt auf 2.500 Metern Höhe – vorgesehen. Diese Zeit war mit einem Tagesbesuch in einer Gemeinde ausgefüllt, die zwei Agraringenieure angestellt hat und die seit Jahren ökologische Landwirtschaft betreibt. Außerdem konnte ich an Vorträgen über die politische, soziologische und wirtschaftliche Situation Boliviens teilnehmen.

Bolivien wird bei uns in Deutschland üblicherweise als „Andenland“ gesehen, aber zwei Drittel seiner Fläche sind geographisch Tiefland. Jedoch leben etwa zwei Drittel der Bevölkerung – hauptsächlich Angehörige der indigenen Völker der Aymara und Quechua – in den Anden. Die Einwohnerzahl liegt bei 10,6 Millionen, die Bevölkerungsdichte ist mit 9,7 Einwohnern pro Quadratkilometer  niedrig im Vergleich zu der deutschen, die bei 230 pro Quadratkilometer liegt.

Bolivien macht zwar nur 0,2 Prozent der Erdoberfläche aus, aber es gehört zu den 15 Ländern mit der größten Biodiversität, was die Anzahl der Spezies und der Ökosysteme betrifft. Viele unserer wichtigen Kulturpflanzen stammen aus Bolivien und Peru: Chili, Kürbis, Tabak, Quinoa, Oka, Kartoffeln und weitere Knollenpflanzen.

Nach der Akklimatisierung in Cochabamba und der inhaltlichen Vorbereitung waren sieben Tage bei den Partnern und in den Projekten vorgesehen. Für den ersten Tag hatte Hermana Mery einen Besuch in zwei kleinen Orten der Gemeinde Challa auf dem Altiplano geplant. Die Aymara-Schwestern betreuen diese Gemeinde und bilden die interessierten Bewohner im Stricken, in Webtechniken und anderen textilen Arbeiten weiter. Nach dem Start in Cochabamba kamen wir nach zweieinhalbstündiger Autofahrt – zuletzt über staubige Pisten – auf 4.100 Metern Höhe an. Unterwegs gab es immer wieder atemberaubende Ausblicke in die bizarre Landschaft, die sich jetzt in der Trockenzeit ockerfarben, steinig und karg zeigte.

In Challa Grande waren einige Musiker und Sängerinnen angetreten, um uns musikalisch zu empfangen, und das bedeutet in Bolivien, dass auch getanzt wird. Obwohl ich keine Kreislaufprobleme hatte, war ich trotzdem froh, dass ich bald auf einem Besucherstuhl Platz nehmen konnte und Coca-Tee serviert bekam. Dann wurden mir stolz ihre Textilarbeiten vorge-stellt, hauptsächlich Handgewebtes aus mit Naturfarben gefärbter Wolle. In ihren Web- und Kleidungsstücken bringen die Indigenen einen wichtigen Teil ihrer kulturellen Tradition zum Ausdruck.

Nach einer weiteren Stunde Autofahrt – in Challa Arriba – begrüßten uns ein Kazike, Autoritäten und Präsidenten. Auch hier wurde mir deutlich, dass Weben und Stricken sehr wichtige Tätigkeiten in diesen Orten sind, weil sie es ermöglichen, neben der Lama- und Schafhaltung und der Landwirtschaft (Kartoffel- und Quinoa-Anbau) noch ein bescheidenes Zusatzeinkommen zu erwirtschaften. In den Gesprächen wurde mir erklärt, dass die Indigenen nur dadurch auf dem Altiplano bleiben und damit ihre kulturellen Wurzeln behalten können. Auf diese Weise werden sie vor einem Leben in den Elendsvierteln der großen Städte bewahrt; denn dort müssten sie sonst als landlose Proletarier ihr Leben fristen.

Wie wichtig die Unterstützung der Aymara-Schwestern für die Bewohner des Altiplano ist, konnte ich am folgenden Tag in Costanera, einem Elendsviertel in Cochabamba, beobachten. Dort betreuen die Schwestern Kinder, die sich tagsüber selbst überlassen sind, weil Vater und Mutter im Stadtzentrum Geld verdienen müssen. Die Eltern verlassen schon früh am Morgen, wenn ihre Kinder noch schlafen, das Haus und fahren eine Stunde lang mit Minibussen ins Stadtzentrum. Die Mütter arbeiten meist im informellen Sektor und haben Verkaufsstände am Straßenrand; sie nehmen die Kleinkinder mit, die dann stundenlang in einer Schubkarre sitzen, während die Mütter versuchen, etwas zu verkaufen wie selbst hergestellte Speisen,  Fisch, Obst oder Bekleidung. Die noch nicht schulpflichtigen Kinder sind während dieser Zeit sich selbst überlassen. Oft kommen die Eltern abends erst zurück, wenn die Kinder schon wieder schlafen. Dieser Problematik haben sich die Aymara-Schwestern im Elendsviertel Costanera angenommen. Morgens geben die Schwestern einigen Kindern ein Frühstück und spielen und basteln mit ihnen. Am Nachmittag kommen dann bis zu 38 Kinder zur Hausaufgabenbetreuung.

Bolivien ist besonders verletzlich, was die negativen Folgen des Klimawandels angeht“

Einige Tage später besuchte ich mit der ganzen Reisegruppe in El Alto, der größten Stadt Boliviens, das Projekt Palliri, das von der Caritas gegründet wurde. Hier werden bis zu 380 Kinder betreut, die alle aus Problemfamilien stammen. Es ist gut, dass auch ein hauptamtlicher Psychologe hier arbeitet. Die diesjährige Sternsingeraktion hatte über dieses Projekt berichtet, und ein Teil des gesammelten Geldes kam ihm zugute. Diese finanzielle Förderung ist besonders wichtig geworden, weil Spanien wegen der dortigen Wirtschaftkrise als Unterstützerland ausgefallen ist.

Die zweite Station meiner Reise war das Haus der Aymara-Schwestern in Yanacachi in den Südyungas. Die Yungas sind ein schmaler Landstrich mit tief eingeschnittenen Tälern zwischen der Andenkordillere und dem Tiefland. Hier herrscht ein subtropisches Klima und Kaffee gedeiht besonders gut.

Der Empfang durch die Aymara-Schwestern und in den einzelnen Gemeinschaften war überaus herzlich. In dieser Großgemeinde betreuen die Schwestern 34 kleinere kirchliche Gemeinschaften. Bei der Anreise zu diesen Menschen müssen sie fast immer eine Stunde Fahrzeit über staubige Pisten im Pickup oder auf dessen Ladefläche auf sich nehmen.  Nach den Besuchen in den Projekten und bei den Partnern trafen wir Mitglieder der gesamten Reisegruppe uns mit unseren Projektpartnern in La Paz, um unsere Erfahrungen auszutauschen und  auszuwerten. Uns Teilnehmern, die wir auf elf Kleingruppen verteilt gewesen waren und die verschiedene Regionen Boliviens besucht hatten, war die Umweltproblematik aufgefallen. Eine landesweite Müllentsorgung ist erst rudimentär vorhanden. Ein Bischof brachte es auf den Punkt: „Wir haben drei große Probleme in Bolivien: Plastikmüll, Brandrodung, starker Pestizideinsatz.“

Bereits in der Fastenzeit 2012 hatten die bolivianischen Bischöfe ein Hirtenwort zur Bewahrung der Schöpfung vorgestellt. Bolivien ist besonders verletzlich, was die negativen Folgen des Klimawandels angeht. Betroffen sind vor allem die Armen. Das Schreiben der Bischöfe analysierte die ökologische Krise in Bolivien im Licht des Evangeliums. Die Kirche nimmt sich selbst, die Gesellschaft und die Politik in die Pflicht, aktiv für die Bewahrung der Schöp-fung einzutreten. Dementsprechend war ein ganzer Vormittag in La Paz dem Klimawandel und der Enzyklika Laudato Si gewidmet.

Ich habe während dieser Reise wunderbare Landschaften gesehen, viele beeindruckende Erfahrungen gemacht und viel gelernt. Dafür bin ich den Aymara-Schwestern und den Organisatoren sehr dankbar.“

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