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Dienstag, 18. Mai 2021

Aus Kleingärten wird ein Projekt mit Passion

Holzminden (01.11.16). Sperrmüll und Bauschutt liegen in mehreren Haufen auf dem breiten Seitenstreifen an der Heusingerstraße in Holzminden, den meisten Bürgern wohl besser bekannt als Panzerstraße. Der Schutt zeugt vom Auszug der letzten Pächter aus den Schrebergärten. Vom Abbruch und/oder Ausräumen ihrer Gartenhäuser, vom Abriss von Zäunen... Bis Ende des Jahres hat Symrise den Nutzern der Gärten noch Zeit gegeben, dann laufen die Pachtverträge endgültig aus. Und dann? Werden hier keineswegs große Hallen oder Lagerhäuser gebaut, wie es gerüchteweise zu hören ist. Nein, hier will Symrise dem Begriff „Nachhaltigkeit“ ein Gesicht geben. Bereits im Sommer 2016 haben hier sechs Bienenvölker fleißig „gearbeitet“ und ist ein wunderschön schiefes „Hexenhaus“ errichtet worden. Das Gelände ist auf dem besten Weg, ein verwunschenes (Bienen-)Paradies zu werden.

Nachhaltigkeit beziehungsweise Biodiversität spielt bei Symrise bekanntlich eine ganz entscheidende Rolle. Vorstandsvorsitzender Heinz-Jürgen Bertram wird nicht müde, für dieses Prädikat zu werben – aus ökologischer Überzeugung, aber auch aus Sicht des erfolgreichen Geschäftsmannes. Denn der nachhaltige Anbau von Inhaltsstoffen für Duft- und Geschmackstoffe ist heute ein ganz wichtiges Kriterium für die Kunden. Mittlerweile sind auch die Mitarbeiter weltweit von dem „Virus“ der Nachhaltigkeit infiziert. Am Stammsitz in Holzminden vielleicht sogar noch mehr als anderswo (obwohl es für den Vanilleanbau auf Madagaskar oder die nachhaltige Produktion im Amazonasgebiet in Brasilien bereits Preise gab). In den Werken Solling und Weser in Holzminden spielt die Biodiversität im Arbeitsalltag vielfach mit. Dazu gehören auch die sichtbaren Zeichen wie die Hummelwiese oder die Blühwiesen mit der großen roten Kuh auf dem Werksgelände...

Eine Nummer größer sind die Projekte, die Symrise quasi „geerbt“ hat. So entdeckte man erst vor einigen Jahren, dass ein großer Teil der Orchideenwiese am Burgberg dem Unternehmen gehört! Gekauft wurde es einst von Haarmann & Reimer. Warum? Offenbar, um hier besondere Orchideen für die Parfümherstellung zu pflanzen. Das hat aber wohl nicht geklappt... Mittlerweile ist das Gelände ein echter „Schatz“ für Symrise. Und so wird auch gern alles getan, was für den Erhalt der seltenen Pflanzen vorgeschrieben wird – zum Beispiel der Einsatz von Schafen als „Rasenmäher“.

Ein solches „Erbe“ ist auch das Schrebergarten-Gelände zwischen Bahntrasse und Panzerstraße. Wie Susanne Ellerbrock recherchierte, muss H&R auch hier einst den Anbau natürlicher Rohstoffe für die Parfümerie geplant haben. Doch in der Nachkriegszeit gab es zunächst andere Prioritäten. So entstanden Parzellen, die die Mitarbeiter als Gärten pachten konnten, um sich und ihre Familien zu versorgen. Bis zu 100 Pächter nutzten diese Möglichkeit zur Selbstversorgung einst. Im Gegensatz zu Kleingarten-Kolonien mit Vereinsstruktur und festen Regeln war hier (fast) alles erlaubt. Vielleicht ein Grund mehr, warum diese Gärten so begehrt waren und die Pachtverträge immer von einer Generation auf die nächste oder auf Bekannte übertragen wurden. Zuletzt stellen die Mitarbeiter nur noch eine kleine Minderheit unter allen Gartennutzern.

Bereits 1998 wurde den Pächtern erstmals mitgeteilt, dass die rund 23.000 Quadratmeter große Fläche einer anderen Verwendung zugeführt werden sollte. Seitdem beinhaltete jeder (neue) Vertrag diese Einschränkung, niemand konnte sich also theoretisch hier dauerhaft einrichten. In der Praxis sah es natürlich anders aus. Auch nach 1998 entstanden noch Hütten und Gartenhäuser... Vor vier/fünf Jahren schließlich untersagte Symrise es, die bestehenden Verträge einfach „weiterzureichen“. War ein Pächter verstorben oder konnte seinen Garten nicht mehr bewirtschaften, dann lag das Gelände brach. Ende 2015 folgte schließlich die endgültige Kündigung: bis Ende 2016 sind die Gärten zu räumen.

An rund 60 Pächter ging dieses Schreiben raus. Das heißt, ein nicht unerheblicher Teil der Gärten wurde längst nicht mehr genutzt. Sie sind zugewuchert, manch Gartenhaus ist unter dichtem Grün nur noch zu erahnen. Doch auch so mancher Schutthaufen verbirgt sich unter Sträuchern. Denn nicht jeder, der seinen Garten verlassen musste oder muss, hat seine Hinterlassenschaften ordnungsgemäß entsorgt. „Da kommen noch viel Arbeit und auch Kosten auf uns zu“, ahnt Susanne Ellerbrock nach den Erfahrungen dieses ersten Sommers. Auf den Flächen, die in dieser Saison bereits „frei“ waren, hat Symrise sechs Bienenvölker aufgestellt. Im nächsten Jahr sollen drei weitere hinzukommen. Das originelle Hexenhäuschen ist übrigens zum Erkennungszeichen für das Projekt auserkoren.

Die Zeit bis zum nächsten Frühjahr soll nun für eine Entrümpelungsaktion und eine Bestandsaufnahme genutzt werden. Ein Experte soll sich anschauen, welche Bäume, Sträucher oder gar Gemüsepflanzen hier wachsen und ob womöglich seltene Sorten darunter sind. Dann wird entschieden, welche Bäume stehen bleiben und welche eventuell gefällt werden (das könnten beispielsweise sehr hohe Fichten sein). Die Ursprünglichkeit, der teilweise verwunschen-verwilderte Eindruck des Geländes soll auf jeden Fall erhalten bleiben. Das ist Vorgabe von ganz oben, von Heinz-Jürgen Bertram persönlich. Für ihn ist die Nachhaltigkeits-Fläche ein „Projekt mit Passion“. Und wenn sein Team dort einen Mirabellenbaum finden (oder pflanzen) würde, wäre ihr Chef noch zufriedener...    (rei)

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