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Montag, 01. März 2021

Holzminden, die eisige Hochburg

GrĂĽndungsort der Deutschen Gesellschaft fĂĽr Polarforschung

Holzminden (23.01.17). Für deutsche Polarforscher ist Holzminden kein unbekannter Ort – im Gegenteil. Den Experten, die den Nordpol erforschen und Forschungsstationen in der Antarktis errichten, ist dieser Ort im Weserbergland sehr wohl vertraut. Hier in Holzminden wurde jahrelang die führende Fachzeitschrift „Polarforschung“ herausgegeben, hier fand die Internationale Tagung statt, auf der die Deutsche Gesellschaft für Polarforschung offiziell gegründet wurde. Dass Holzminden einmal ein wichtiger Ort der deutschen Polarforscher war, ist einem Lehrer des Gymnasiums in der Wilhelmstraße zu verdanken, der dort von 1932 bis 1960 die Kinder unterrichtete.

Kurt Ruthe war der Mann, der fleißig dafür sorgte, dass die Schüler des Gymnasiums in Naturwissenschaften gut ausgebildet wurden. Und er sorgte dafür, dass die deutsche Polarforschung sich von Jahr zu Jahr – mit Unterstützung aus Holzminden – weiter entwickeln konnte. Der 1894 in Goslar geborene Ruthe studierte in Berlin, Leipzig und Jena Mathematik, Physik, Astronomie, Geographie und Geologie. Zu seinen Lehrern gehörten die Nobelpreisträger Albert Einstein und Max Planck. Seine Examensarbeit verfasste er über „Das Klima der Antarktis“. Das Examensthema ließ ihn danach nicht mehr los. Er interessierte sich weiterhin dafür, lernte deutsche Polarforscher kennen und wurde schließlich vom damaligen führenden Wissenschaftler in dieser Disziplin, Max Grotewahl, angesprochen, ob er nicht im Archiv für Polarforschung, der Vorläuferorganisation der deutschen Gesellschaft für Polarforschung, mitmachen möchte. 1934 wurde er neben seiner Lehrtätigkeit Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Archivs für Polarforschung und Herausgeber der Fachzeitschrift „Polarforschung“.

Ruthe sorgte dafür, dass die Zeitschrift „Polarforschung“, die zunächst in einer sehr geringen Auflage erschien, zu einem anerkannten wissenschaftlichen Medium wurde. Über 300 Fachinstitute, Universitäten, Behörden und Forschungseinrichtungen wurden zum Abnehmer der Zeitschrift – weltweit, von der USA mit zur damaligen Sowjetunion. Schon nach wenigen Monaten wurde Kurt Ruthe ob seines Engagements stellvertretender Direktor des Archivs für Polarforschung, später stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft.

Die größte Herausforderung wartete auf Kurt Ruthe nach dem Zweiten Weltkrieg. Alle Zeitungen waren verboten, Papier war sowieso nicht vorhanden und das öffentliche Leben war nicht mehr existent. Ruthe schaffte es, in Holzminden nicht nur die Genehmigung der Besatzungsmacht für die Herausgabe der „Polarforschung“ zu erwirken, sondern auch Papier zu bekommen, damit die Zeitschrift im Weserland Verlag in Holzminden erscheinen konnte. Dort, wo auch der TAH erscheint, wurde das Organ der wissenschaftlichen Forschung an Nord- und Südpol herausgegeben. Die „Polarforschung“ war eine der ersten wissenschaftlichen Fachzeitschriften überhaupt, die direkt nach dem Zweiten Weltkrieg wieder erscheinen konnten.

Hier in Holzminden fand 1959 die zweite Internationale Tagung der Polarforschung statt. Die erste hatte 1951 in Kiel stattgefunden. Bei der zweiten Tagung wurde aus dem bisherigen Unterstützerkreis „Archiv für Polarforschung“ die Deutsche Gesellschaft für Polarforschung. Die Gesellschaft wurde das Forum ehemaliger Mitglieder deutscher Polarexpeditionen, aktive Polarforscher und Wissenschaftler. Aufgabe der Deutschen Gesellschaft für Polarforschung (DGP) ist laut Satzung die „Förderung von Wissenschaft und Forschung”.

Die Gesellschaft ist nicht nur für aktive (und ehemalige) Polarforscher offen, sondern für alle an Polarforschung Interessierten, national wie international. Außer Fachwissenschaftlern (Biologen, Chemiker, Ethnologen, Geodäten, Geographen, Geologen, Geophysiker, Glaziologen, Historiker, Mediziner, Meteorologen, Ozeanographen und Physiker) gehören der Gesellschaft die unterschiedlichsten, an Polarforschung interessierten Laien an. Die Mitglieder sind in 17 Ländern zu Hause. Aktuell gehören der Gesellschaft 500 Mitglieder an.

Nach seiner Pensionierung widmete sich Kurt Ruthe weiter der Arbeit für die Gesellschaft und die Zeitschrift „Polarforschung“. Auf über 100 wissenschaftlichen Tagungen trat er – vor und nach seiner Pensionierung auf – und vermittelte aktuelle Erkenntnisse der Polarforschung.

Er verfasste Fachartikel und warb finanzielle Zuwendungen für die Gesellschaft ein. Ihm war es zu verdanken, dass gerade in wirtschaftlich problematischen Zeiten die Existenz der Zeitschrift – und auch der Gesellschaft – gesichert werden konnte.

Wegen seiner Verdienste wurde Kurt Ruthe – der Studienrat lebte inzwischen in Bad Harzburg – zum ersten Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Polarforschung ernannt.

Im Alter von 78 Jahren übergab er die Schriftleitung der „Polarforschung“ an einen Nachfolger, er blieb stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für Polarforschung. Bis zu seinem Tod im Jahr 1980 bleibt er der Polarforschung verbunden. Nur Teilnehmer einer Polarexpedition zu sein, das blieb Ruthe versagt. Dafür war er einer der wichtigsten Männer, die dafür sorgten, dass wissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiet überhaupt möglich gemacht werden konnte. (fhm)

 

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