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Dienstag, 18. Mai 2021

Die Fürstenberger Renaissance

Die Geschichte der Porzellanmanufaktur Fürstenberg von 1969 bis heute

Fürstenberg. Mit der Zeit von 1969 bis heute befasst sich der dritte Teil der Geschichte der Porzellanmanufaktur Fürstenberg, die Dr. Christian Lechelt aufgeschrieben hat und der TAH veröffentlicht. Der erste Teil, der vor zwei Wochen im TAH er- schienen ist, behandelte die Zeit von 1859 bis 1933, der zweite Teil, der am vergangenen Montag zu lesen war, die zeit von 1933 bis 1969.

Ende der 60er Jahre stand wieder ein Besitzerwechsel an. Schon in den 1930er Jahren war die öffentliche Hand als Aktionärin in die Manufaktur eingestiegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm eine Landesholding namens Niedersachsen GmbH diese Anteile und kaufte nach und nach immer mehr dazu. Ziel war das Erreichen der Aktienmehrheit, um Fürstenberg der Gefahr zu entziehen, zum Spielball privater Interessen zu werden.

Zukunftssicherung

Zum Jahreswechsel 1966/67 veräußerte die Niedersachsen GmbH ihre Anteile – immerhin 96 Prozent des Kapitals – an die Braunschweig GmbH, einer Tochtergesellschaft der Braunschweigischen Staatsbank. Die Braunschweigische Staatsbank wiederum fusionierte 1970 mit mehreren Bankinstituten zur Norddeutschen Landesbank. Somit kehrte die Manufaktur nach über 100 Jahren zwar nicht in einen herzoglichen, aber doch mehr oder minder staatlich-öffentlichen Schoß zurück, ungeachtet der privatwirtschaftlichen Rechtsform. Diese Vorgänge dienten vor allem der Zukunftsicherung der Manufaktur.

Zugleich wurde damit aber auch deutlich ausgedrückt, dass Fürstenberg als erhaltenswertes, lebendiges Kulturgut des Landes Niedersachsen betrachtet wurde. Daraus wurde die Forderung abgeleitet, den Manufakturcharakter wieder stärker in den Vordergrund zu stellen und zu entwickeln. Also wieder eher den Blick zurück in die Vergangenheit zu richten und hochwertiger zu produzieren. Hier mischte sich sogar der Landesrechnungshof ein und forderte handgemalte Dekore und historische Formen. Eigentlich also beste Voraussetzungen für eine weitreichende Qualitätsoffensive.

Jedoch kollidierten diese hübschen Gedanken mit der Realität des Marktes. Fürstenberg hatte sich im gehobenen Mittelfeld gut etabliert: Auf der einen Seite ein renommierter Markenname, auf der anderen Seite ein Preisniveau, das für breite Kreise erschwinglich war. Dies erreichte man durch eine gestraffte und rationalisierte Produktion. Zu Beginn der Siebzigerjahre produzierte man immer noch in dem Konglomerat aus Schloss und den umgebenden Gebäuden. Damit musste endlich Schluss sein.

So wurde am Ortsrand auf grüner Wiese eine große Produktionshalle für die Dekorabteilungen und die Expedition errichtet. Endlich konnten die räumlichen Gegebenheiten an die Produktionsprozesse angepasst werden und nicht umgekehrt, wie es über 200 Jahre lang der Fall gewesen war. Das Schloss wiederum wurde von den als störend empfundenen Anbauten aus dem 19. Jahrhundert befreit und vollständig zum Manufakturmuseum ausgebaut. Direktor Beyer gab der Produktion auf diese Weise eine Frischzellenkur und durch die Schlosssanierung und den Museumsausbau wertete er das Image Fürstenbergs erheblich auf.

Auf diese Weise ließ sich jetzt eine ganze Weile gut wirtschaften. Mit Alt-Fürstenberg und drei Dekoren verdiente man das Geld, mit Ernst-August Sundermann fand man einen Designer, der sich um moderne Gestaltung verdient machte. Und Walter Nitzsche modellierte immer noch und krönte sein Lebenswerk mit der Rekonstruktion der Commedia dell‘ arte Figuren von Simon Feilner aus der Frühzeit der Manufaktur.

In den Achtziger- und vollends in den Neunzigerjahren rutschte Fürstenberg in die nächste Krise. Die Gründe waren Marktsättigung, eine irrlichternde Sortimentspolitik sowie die zunehmende Konkurrenz aus dem Ausland nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Hinzu kam ein „cultural turn“ in der Tafelkultur. Ein Porzellanservice war kein bürgerliches Statussymbol mehr und selbst wenn ein Service wertgeschätzt wurde, dann hatte man es bereits geerbt und wollte kein neues nach alter Façon mehr kaufen. Aber auch hausgemachte Probleme setzten der Manufaktur zu: Lieferschwierigkeiten, Ausführungsmängel und eine Vielzahl von Sonderverkäufen schädigten das Renommee der Marke. Dies verunsicherte die Kunden und sie wandten sich ab. Dass sich die allgemeine Konjunktur nach der Deutschen Wiedervereinigung abkühlte, war ebenfalls nicht gerade förderlich.

Also stand wieder die Frage im Raum: Aufgeben oder weitermachen? Dass Aufgeben nicht in Frage kam, ließ sich, wie in ähnlichen Situationen zuvor, mit dem Blick auf die Tradition beantworten. Doch wie sollte es weitergehen? Mit Christian Hirsch stand nun eine forsche Persönlichkeit der Manufaktur vor, die nötig war, um eine tiefgreifende Sanierung zu bewerkstelligen. Jetzt war Schluss mit großserieller Produktion, die oft die Züge von Massenfabrikation getragen hatte. Deutlichstes Zeichen dieses Paradigmenwechsels war der Abbruch der alten Tunnelöfen und die Errichtung moderner Herdwagenöfen. Dieser energischen Modernisierung stand allerdings noch keine vergleichbare Sortimentsinitiative gegenüber. Erst zu Beginn des neuen Jahrtausends schärfte sich das Profil Fürstenbergs als einer modernen Manufaktur mit einem spezifischen Verständnis eben dieses Begriffs. Der notwendige Input dafür kam von außen: Kooperationen mit Designern und Künstlern bereiteten zusammen mit der technologischen Erneuerung sowie der Besinnung auf überlieferte Handwerkskunst das Fundament einer neuen Fürstenberger Renaissance. Zusammen mit der Agentur sieger design lancierte man die Marke sieger by Fürstenberg und überraschte mit der Serie My China! das Publikum.

Nachdem der koreanische Keramikkünstler Kap Sun Hwang seinen vollendeten Schalensatz Qi geschaffen hatte, dauerte es nicht lange und es regnete Designpreise.  Endlich war ein Weg gefunden worden, der Tradition neues Leben einzuhauchen.Nicht das Zitieren der Vergangenheit, sondern das Herausschälen des eigentlichen Kerns der Fürstenberg Tradition war und ist der Schlüssel: Manufaktur bedeutet eben nicht die Pflege überkommener Techniken und Formen um ihrer selbst willen. Vielmehr geht es darum, dem unverhandelbaren Anspruch an höchste Produktqualität in Gestaltung wie Ausführung gerecht zu werden. Und dies schließt moderne, mechanisch unterstützte Herstellungsverfahren ein, wenn es dem Produkt dienlich ist.

Diesen Aufwertungskurs bestimmt seit 2010 die Geschäftsführerin Stephanie Saalfeld. Innerhalb weniger Jahre hat das Sortiment eine klare Struktur bekommen: Die nach wie vor angebotenen historischen Modelle wurden als Formklassiker neu bewertet und stehen für die lange Geschichte. Diese wird nun mit zeitgemäßen, anspruchsvollen Designs fortgeschrieben: Zusammen mit Köchen der Spitzengastronomie entwickelte man die Serie Blanc – hier ist der Teller als die Bühne für die anspruchsvollen Kreationen der Kochkunst verstanden. Die Raffinesse der Becherserie Touché erweist sich beim Benutzen: von Hand polierte Oberflächen mit pfirsichhautweichem Finish schmeicheln und die doppelwandige Ausführung mit Thermoeffekt schützt vor dem Verbrennen der Finger.

Modernen Klassizismus bietet Carlo von Carlo dal Bianco. In Auréole von Kap Sun Hwang verbinden sich asiatisches Formgefühl mit europäischer Funktionalität. Und mit der Quintessenz der zeitgenössischen Tafelkultur kommen wir zurück zum Anfang: Omnia. Ein Becher, eine Schale, ein kleiner und ein großer Teller. Becher und Schale sind doppelwandig gefertigt, ein feines Rillenrelief umspielt die Außenwandungen. Überraschend sind die farbigen Varianten, denn hier wurde mit durchgefärbten Massen in Kombination mit weißem Porzellan gearbeitet. Technisch aufwändig und gestalterisch von komplexer Einfachheit – dies lässt sich nur in einer modernen Manufaktur erreichen. Denn Luxus ist vor allem die Zeit, die in ein Produkt investiert wird. (fhm)

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