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Freitag, 23. April 2021

Von der Wehmut zur Hyperinflation

Die Geschichte der Porzellanmanufaktur Fürstenberg von 1859 bis 1934

Fürstenberg (13.02.17). Am Anfang der Porzellanmanufaktur Fürstenberg steht der Wille des Herzogs von Braunschweig, eigenes Porzellan zu bekommen. Die Gründungsgeschichte der Porzellanmanufaktur ist bekannt. Doch was war mit Fürstenberg, als es Mitte des 19. Jahrhunderts privatisiert wurde. Und wie erlebte die Manufaktur die vielen Krisen? Dr. Christian Lechelt, Historiker und Museumsleiter von Schloss Fürstenberg, hat die Geschichte von Fürstenberg im Zeitraum von 1859 bis heute zusammengestellt. In drei Teilen präsentiert der TAH die Arbeit von Dr. Lechelt. In dieser Ausgabe ist es die Zeit von 1859 bis 1934.

Am 17. Januar 1859 endete mit dem Trocknen der Tinte, als Johann Carl Prössel und Georg Friedrich Schmidt den Pachtvertrag unterzeichnet hatten, die herzogliche Epoche Fürstenbergs. Fast wehmütig möchte man diesen Akt betrachten, wenn man die rund einhundert Jahre zuvor und nur unter größten Anstrengungen gelungene Gründung der Manufaktur erinnert. Doch auch hier hilft es, sich vor Nostalgie zu hüten. Die Verpachtung an Privatunternehmer war nämlich nicht Ausdruck von Interesselosigkeit oder Ausweis einer maroden Lage des Betriebs. Nein, vielmehr hatte man die Zeichen der Zeit erkannt. Das merkantile Wirtschaftssystem mit seinen Subventionen und Schutzzöllen war längst Vergangenheit, das Herzogtum Braunschweig 1841 dem Deutschen Zollverein beigetreten.

Das bedeutete, Fürstenberg bekam auf seinem angestammten Markt in Nord- und Westdeutschland die Konkurrenz aus Thüringen, Böhmen, Schlesien und bald auch Bayern zu spüren. Der Effekt ist an den Bilanzen der Manufaktur vor der Privatisierung ablesbar: Die Produktion wurde kontinuierlich vergrößert, gleichzeitig sanken aber die Preise. Eine privatwirtschaftliche Führung erschien als beweglicher, um auf die veränderten Marktbedingungen reagieren zu können. Die Tradition spielte in diesem Moment keine Rolle.

Deshalb firmierte die Manufaktur auch unter dem Namen des ersten Pächters, jeder Verweis auf die herzogliche Vergangenheit fehlte. Folgerichtig wurde das Sortiment ganz auf eine bürgerliche Kundschaft ausgerichtet, was den größten Absatz versprach, gestalterisch allerdings wenig Anspruch besaß. Die ersten Pächter mussten bald einsehen, dass auf diese Weise kein nachhaltiger Erfolg zu erzielen war. Sie gaben auf, auch weil ihnen die Mittel zu notwendigen Investitionen fehlten, um das Werk technologisch auf aktuellem Stand zu halten. Die neuen Pächter Wilhelm Freytag und Heinrich Witte, beide in der Branche versiert, hatten Prössels Fehler erkannt, die Vergangenheit zu negieren.

 So benannten sie die Manufaktur zurück in „Fürstenberger Porzellanfabrik“ und setzten selbstbewusst das herzogliche Wappen auf den Titel ihrer Preiscourants. Sie steckten viel Geld in die Modernisierung der Anlagen, installierten beispielsweise eine Dampfmaschine. Auch versuchten sie, das Sortiment zu verbessern. Doch der Zwang zu schnellen Markterfolgen ließ nur durchschnittliche Produkte zu.

Erst als sich das 19. Jahrhundert neigte und 1897 das 150. Jubiläum der Manufaktur anstand, begann man sich zu erinnern. Fürstenberg war nach weiteren Pächterwechseln zu einer Aktiengesellschaft geworden, die Leitung oblag nun einem angestellten Geschäftsführer. Und dieser, er hieß Theodor Gürtler, zelebrierte das Jubiläum als großes Fest, als Feier einer ruhmreichen Vergangenheit. Dies zeigte Wirkung. Nur wenige Jahre später veranstaltete das Herzogliche Museum – das heutige Herzog Anton Ulrich-Museum – die erste Ausstellung mit altem Fürstenberger Porzellan und es erschien die erste kunsthistorisch fundierte Darstellung der Manufakturgeschichte. Jetzt war der Nimbus wiederhergestellt und er begann sich endlich auch auf das Produktionsprofil auszuwirken.

Man hatte richtig erkannt, dass es wenig Zweck hatte, mit den wesentlich größeren und wirtschaftlich ungemein potenten Fabriken im Süden und Osten des Deutschen Reichs zu konkurrieren. Sie überschwemmten den Inlandsmarkt mit immer billigeren Waren und verdienten außerdem viel Geld mit Exportgeschäften nach Übersee.  Am Vorabend des Ersten Weltkriegs formte sich die bis heute bestehende Herausforderung, einerseits ein aktuelles, verkäufliches Porzellan herauszubringen, andererseits der aus der Tradition erwachsenen Würde der Marke gerecht zu werden. Dies führte zu einer Dualität im Sortiment: modernen, neu gestalteten Modellen wurden historische Formen an die Seite gestellt.

Hier ambitionierte Entwürfe auf der Höhe der Zeit wie Lilly, Norma und Erika Reform. Dort eine überzeitliche Klassizität versprechende Serviceformen wie Greque und Empire. Diese Zweigleisigkeit hatte den Vorteil, unterschiedliche Kundengruppen ansprechen zu können. Hinzu kam ein Wettbewerbsvorteil: Die historischen Modelle sahen nicht nur historisch aus. Mit dem Verweis darauf, dass es sich um Formen aus der ruhmreichen Vergangenheit der Manufaktur handelte, wurden sie gegenüber ähnlichen Mustern von Konkurrenten wie Hutschenreuther oder Rosenthal aufgewertet. So konnte sich Fürstenberg wirkungsvoll absetzen und auf Grund der Geschichte eine Gleichrangigkeit mit den berühmten Manufakturen wie Meissen, KPM oder Nymphenburg beanspruchen.

Der Erste Weltkrieg unterbrach diese Entwicklung nur kurzzeitig. Schon bald nach Kriegsende zogen die Geschäfte trotz zunächst chaotischer Lage kräftig an. Der Nachholbedarf sowie die beginnende Geldentwertung führten zu steigender Nachfrage. Jetzt wollten die Kunden vor allem historische Formen und hochwertige und teurere Porzellane, die als werthaltiger gegenüber modernen oder gar modischen Produkten betrachtet wurden. Deshalb baute der damalige Direktor Arthur Mehner dieses Segment bis zur Mitte der 1920er Jahre stark aus. Neben der Formgestaltung spielte die Dekoration in dieser Zeit eine gesteigerte Rolle in der Firmenpolitik. In den Jahrzehnten zuvor war hier wenig investiert worden. Jetzt wurde in Dresden eine Malereiwerkstatt als Zweigbetrieb aufgebaut, um Geschirr, vor allem aber Zierporzellan aufwändig dekorieren zu lassen. Das 175. Manufakturjubiläum 1922 war der willkommene Anlass, um diese Aufwertungsbestrebungen zu präsentieren. Mit großem Erfolg präsentierte Fürstenberg auf der Leipziger Messe die neuen Luxusporzellane und annoncierte in allen Branchenblättern selbstbewusst als „ehemalige Herzoglich Braunschweigische Porzellanmanufaktur“.

Die Hyperinflation beendete den Nachkriegsboom auf drastische Weise und brachte Fürstenberg in eine existenzielle Krise. Nun sollten wieder preisgünstige Waren die Geschäfte ankurbeln. Man setzte große Hoffnungen auf neue, modische Zierporzellane und Sammeltassen, die in reicher Variation angeboten wurden. Auf diese Weise stabilisierte sich die Lage, bis 1929 die nächste Katastrophe herein brach: die Weltwirtschaftskrise nach dem New Yorker Börsenkrach. Viele Kunden annullierten ihre Bestellungen, der Umsatz brach in dramatischem Ausmaß ein. Damit nicht genug, Direktor Mehner erlag den enormen Strapazen zum Jahreswechsel 1933/34. Die Manufaktur stand in schwerster Krise ohne Führung da – wie konnte, wie sollte es nur weitergehen? (fhm)

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