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Mittwoch, 24. Februar 2021

Wagenfeld beschert Fürstenberg seinen Klassiker

Die Geschichte der Porzellanmanufaktur Fürstenberg von 1934 bis 1969

Fürstenberg (20.02.17). Mit der Zeit von 1934 bis 1965 befasst sich der zweite Teil der Geschichte der Porzellanmanufaktur Fürstenberg, die Dr. Christian Lechelt aufgeschrieben hat und der TAH veröffentlicht. Der erste Teil, der am vergangenen Montag im TAH erschienen ist, behandelte die zeit von 1859 bis 1933. Im Jahr 1933 befand sich die Porzellanmanufaktur in einer schwierigen Situation. Die Weltwirtschaftskrise sorgte dafür, dass viele Kunden ihre Bestellungen annullierten und der Umsatz in dramatischem Ausmaß einbrach. Direktor Mehner erlag den enormen Strapazen zum Jahreswechsel 1933/34. Die Manufaktur stand in schwerster Krise ohne Führung da.

Glücklicherweise fand sich mit Fritz Kreikemeier innerhalb kurzer Zeit eine sehr fähige, wenngleich in der Rückschau etwas zweifelhafte Persönlichkeit. Mit großem Elan setzte er sich für eine umfassende Reform der Manufaktur ein. So ließ er neue technologische Verfahren einführen und er investierte viel Geld in die Optimierung der Produktionsprozesse. Höhepunkt seiner Sanierungsmaßnahmen war die Erweiterung des Schlosses durch einen großen Anbau.

Wegweisend war auch Kreikemeiers Produktpolitik, die auf eine Zurückdrängung der historischen Modelle zu Gunsten zeitgemäßer Formen zielte: Noch im ersten Jahr seines Direktorats initiierte er die Zusammenarbeit mit Wilhelm Wagenfeld, einem der wichtigsten Vertreter des Funktionalismus. Heraus kam ein kompromisslos modernes Geschirr, das heute zu den großen Klassikern der Formgestaltung aus Fürstenberg zählt und seine Gültigkeit bewahrt hat. Nicht umsonst ist es nach wie vor im Sortiment. Bekanntheit erlangte es unter seiner Modellnummer 639 und Kreikemeier engagierte sich stark dafür, diesen Entwurf als neues Standardgeschirr aus Fürstenberg zu propagieren. Durch seine Robustheit, gut sichtbar an kräftigen Henkeln, stabilen Knäufen und den Randwülsten der Flachgeschirre, eignete es sich hervorragend auch als Geschirr für die Gemeinschaftsverpflegung. In großen Mengen wurde es daher auch für staatliche Institutionen des „Dritten Reichs“ und Wehrmachtseinheiten produziert, selbst für den Reichsjägerhof von Hermann Göring in Riddagshausen lieferte man diese Form. Diese Aufträge sind freilich keine Ruhmesblätter der Fürstenberger Geschichte, allerdings brachten sie erhebliche Umsätze und sicherten damit das Überleben der Manufaktur.

Eine weitere Sternstunde der Formgestaltung schlug an, als in der Zusammenarbeit mit Hubert Griemert von der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle die Serviceform Schloss Fürstenberg entwickelt wurde. Griemert gelang das Kunststück, eine moderne Form im Geist der Tradition zu gestalten: Die birnenförmige Kaffeekanne und die kugelige Teekanne sind in ihren Grundformen traditionell. Modern sind sie durch den klaren Durchzug der Konturen, die glatten Oberflächen, den Verzicht auf schmückende Elemente und die funktionale Proportionierung. All diese Kooperationen begleitete der Modellmeister der Manufaktur, Walter Nitzsche. Ihm oblag die Umsetzung der Entwürfe in produktionstaugliche Modelle. Seine Leistung kann daher nicht hoch genug eingeschätzt werden, wenngleich sie auf Grund mangelnder Überlieferung kaum mehr zu ermessen ist. Wie sehr sich Nitzsche den von den externen Kräften in die Manufaktur hineingetragenen innovativen Strömungen anverwandelte, zeigen seine eigenen Entwürfe, insbesondere die für Zierartikel.

Kreikemeiers Betonung von modernen, funktionalistischen Modellen entsprang der Überzeugung, nicht mit der Pflege historischer Modelle und aufwändiger Dekorationen in Schönheit sterben zu wollen. Dennoch zeigt sich in Wagenfelds organisch gemilderter Form 639 und Griemerts Interpretation tradierter Formtypen eine bewusste Auseinandersetzung mit den besonderen Ansprüchen einer alten Manufakturmarke, die radikale Designs nicht zuließen. Als klare Referenz an die herzogliche Epoche wurde das Sortiment noch um die Form Alt-Fürstenberg erweitert. Walter Nitzsche schuf sie nach Vorlagen des 18. Jahrhunderts.

Kreikemeiers ambitionierte Politik erhielt zunächst durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs einen deutlichen Dämpfer, sie endete bei Kriegsende mit dem Tod des Direktors. Wieder einmal war in einer heiklen, historischen Umbruchsituation die Führungsposition vakant. Und wieder erscheint es aus heutiger Sicht wie ein Wunder, dass angesichts der schwierigen und bisweilen chaotischen Umstände der unmittelbaren Nachkriegszeit die Manufaktur überlebt hat.

Mit Otto Wiese war ein hochqualifizierter Flüchtling aus dem Osten zur Stelle, der zunächst alle Hände voll damit zu tun hatte, um nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ die Manufaktur überhaupt wieder in Gang zu bringen. Fürstenberg hoch auf seinem Felsen war von allem abgeschnitten: von den bevorzugten Rohstofflagerstätten in Böhmen und den Kohlengruben im Ruhrgebiet. Trotzdem wurde das 200. Gründungsjubiläum 1947 mit Optimismus begangen, wenn auch verhalten. Wiese verwies auf das Auf und Ab der vorangegangenen 200 Jahre und die oftmals existenzielle Gefährdung der Manufaktur. Dennoch war es Fürstenberg immer wieder gelungen, sich aus den widrigsten Umständen emporzukämpfen. Deshalb glaubte er auch jetzt, dass dem Unternehmen nicht die Totenglocke schlug, sondern eine neue, glanzvolle Zukunft beschieden sei. Wie recht der neue Direktor mit seinen geradezu prophetischen Hoffnungen hatte, zeigte sich alsbald nach der Währungsreform und der Republikgründung: Die Fünfzigerjahre wurden zu einem der erfolgreichsten Jahrzehnte in der Geschichte Fürstenbergs. Das Wirtschaftswunder und der Nachholbedarf der Bevölkerung ließen die Manufaktur florieren. Vollends etablierte sie sich als große Traditionsmarke und wenigstens in der nördlichen Republikhälfte durfte ein Fürstenberger Service auf keinem Hochzeitstisch fehlen. Das restaurative gesellschaftliche Klima bedingte diese Entwicklung und die Kunden favorisierten wieder historische Modelle, die das Bedürfnis nach konservativer Sicherheit bedienten. Doch Otto Wiese war klug genug, sich nicht auf diesen Verkaufserfolgen auszuruhen. Er betrachtete Fürstenberg nicht als beliebige Geschirrproduzentin, sondern er stellte die Manufaktur energisch als kulturtragende Institution heraus. Er unterstrich diese Bedeutung durch die Gründung des Manufakturmuseums, das 1957 seine Pforten öffnete. Aus dieser Haltung folgerte er den immer währenden Auftrag, das Sortiment um zeitgemäße Entwürfe fortzuentwickeln. Dabei hatte er stets die Wichtigkeit eines klaren, eigenständigen Profils der Marke vor Augen. Möglicherweise setzte Wiese im Gegensatz zu seinem Vorgänger deshalb weniger auf die Zusammenarbeit mit externen Künstlern und Designern. Das manufaktureigene Knowhow, vor allem die jahrzehntelange Erfahrung von Modelleur Walter Nitzsche kamen nun zum Tragen. Mit Fürstin schuf Nitzsche den Fünfzigerjahre-Klassiker, der es mit Elfenbeinglasur und Goldrand zu großer Beliebtheit schaffte. Wesentlich innovativer war hingegen die Form von Langen, benannt nach dem ersten Direktor Fürstenbergs, dem Hofjägermeister Johann Georg von Langen. Konservative Kunden stießen sich an den in ihren Augen plumpen Kannenformen, aber zum Ritterschlag geriet die Auswahl des Modells für die Ausstellung „Stadt und Wohnung“ im Deutschen Pavillon auf der Weltausstellung in Brüssel 1958.

Einen ganz außergewöhnlichen Entwurf steuerte Bodo Kampmann bei, damals als Professor an der Werkkunstschule in Braunschweig tätig. Sein Teeservice Form A ließ mit seiner ostasiatisch inspirierten Gestaltungsprägnanz alles andere ziemlich alt aussehen. Die Qualität dieses Entwurfs wurde auch international bemerkt und auf der Mailänder Triennale mit einer Silbermedaille ausgezeichnet.

Da kein Direktorenleben ewig währt, erhielt Wiese mit Hans-Joachim Beyer frühzeitig einen Partner an die Seite gestellt. Beyer wurde schließlich sein Nachfolger Ende der Sechzigerjahre. In dieser Zeit fanden einige tiefgreifende Veränderungen statt, die für die Geschicke der Manufaktur bis heute relevant sind. (fhm)

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