Weiter zum Inhalt
Freitag, 23. April 2021

Als der Rohrstock tagtäglich den Takt angab

Schmerzhafte Erinnerungen an die Schulzeit in den frühen 1950er Jahren in der Teichenschule in Holzminden

Holzminden (03.04.17). In einem Internet-Portal, in dem man alte Schulfreunde suchen und auch seine ehemalige Schule bewerten kann, berichtet ein Teilnehmer, dass er bis heute unter dem Trauma seiner Schule leidet, und seine Lehrer beschreibt er als eine „Ansammlung von Hosenbodenschlägern“. Er war im Jahr 1951 in der Volksschule an den Teichen in Holzminden eingeschult worden, damals natürlich eine reine Jungenschule. An dieselbe Schule war ich schon ein Jahr zuvor gekommen.

Es waren dies die letzten beiden Jahrgänge mit besonders vielen Kindern, deren Papas von der Kriegsfront nicht heimgekehrt waren und die allein von ihren Müttern durchgebracht wurden, den stillen Helden der Nachkriegszeit. Andere, so wie ich, hatten mit ihrer Familie am Ende des Krieges Flucht und nach dem Krieg Vertreibung miterlebt. Viele davon lebten noch in Notunterkünften oder waren wie wir bei mehreren einheimischen Bewohnern gleichzeitig zwangsweise als Untermieter einquartiert. In der frühen Schulzeit hatte ich noch kein eigenes Bett, geschweige denn einen Tisch oder gar ein eigenes Zimmer. Selbstständig eine bessere Unterkunft zu suchen, war unmöglich, wer eine eigene Wohnung haben wollte, musste zum Wohnungsamt gehen und kam auf eine Warteliste.

An Empathie für die Kinder unter all diesen Voraussetzungen oder an Maßnahmen zu deren Förderung kann ich mich in der Schule nicht erinnern. Probleme, die die Jungen bereiteten, wurden durch Prügel erledigt und solche drohten, bevor man auch nur den Klassenraum betreten hatte. Wenn nach der großen Pause die Schulglocke zum ersten Mal ertönte, bedeutete das zunächst Antreten vor dem Eingang an der dem Jahnplatz abgewandten Seite. Das geschah in Zweierreihen und nach Schulklassen geordnet. Bevor der Einzug in die Klassenräume beginnen konnte, sollte es nach den Worten eines Aufsicht führenden Lehrers möglich sein, eine Stecknadel fallen zu hören. Er wurde dabei jeweils von einem älteren Schüler aus der oberen Klasse unterstützt, dieser hatte mich erwischt, wie ich noch gesprochen hatte. Ich musste heraustreten, die nachfolgenden Schüler schlossen die Lücke, und neben dem Eingang warten, bis alle Schüler im Gebäude verschwunden waren. Dann ging es in einen Raum, es muss wohl das Lehrerzimmer gewesen sein, wo es Prügel mit dem Rohrstock gab. Diese Prozedur hatte immerhin den Vorteil, dass einem die Demütigung vor den Mitschülern erspart blieb.

Die Klassenzimmer waren unterschiedlich ausgestattet, in manchen Räumen bestand das Mobiliar noch aus einteiligen, durchgehenden Bänken. In deren oberem Teil waren neben einer Ablage Tintengläser eingelassen. Die Schreibfläche war pultähnlich schräg, horizontal zweigeteilt und konnte mittels eines Scharniers nach oben umgeklappt werden. Auf diese Weise wurden immer alle Tornister (so hieß damals die Schultasche) zugleich verstaut oder entnommen.

Einheitlich zum Inventar jeden Klassenraumes gehörte der Rohrstock, und Prügel damit war an der Tagesordnung. Lediglich „das Fräulein“ (so begann seinerzeit eine korrekte Anrede), das in der 2.Klasse „Rechnen“ unterrichtete, bevorzugte, ins Gesicht zu schlagen, wenn man nicht unverzüglich tat, was die Lehrerin verlangte.

Um mit dem Rohrstock Bekanntschaft zu machen, bedurfte es mitunter einer Lappalie. Einmal war ein Lehrer für eine Stunde verhindert und ein junger Kollege, der sonst nicht zu unseren Lehrern gehörte, übernahm die Vertretung. Alle Kinder bekamen die Aufgabe, ein Bild zu malen: „Der gestiefelte Kater“. Der Lehrer arbeitete am Lehrertisch und durfte nicht gestört werden. Nach einiger Zeit zeigte mir der Junge, der vor mir saß, sein Bild mit einem wurstförmig geratenen Kater und flüsterte „guck mal, sieht aus wie ’n Tausendfüßler“, da muss ich wohl gekichert haben, und nun reichte es: Ich musste nach vorn kommen, mich bücken, und der Rohrstock trat in Aktion. Die Bilder wurden natürlich nicht angeschaut. – Irgendwie fast schon wieder lustig: Ich hatte später immer eine Fünf im Zeichnen, weil ich kein Bild mehr zustande brachte, und bis zum heutigen Tage vermeide ich, etwa wenn ich mit Kindern zusammen bin, ein Bild malen zu müssen.

In den ganz frühen Fünfzigerjahren bestand die Winterbekleidung der Schulkinder nahezu einheitlich aus einem simplen dicken Trainingsanzug, ähnlich dem, der in den Sechzigern bei der Bundeswehr im Sport für Mannschaftsdienstgrade üblich war, und der zusätzlich über den sonstigen Sachen getragen wurde. Da nun die mehrfache Textilschicht als Rohrstockbremse wirkte, ging die Erniedrigung mitunter soweit, dass vor der ganzen Klasse die Hosen heruntergezogen wurden. Wer aus heutiger Sicht in der Prügelstrafe einen positiven Aspekt vermutet, indem die Kinder vielleicht frühzeitig Empathie für ihre Schulkameraden entwickelt haben, wird enttäuscht sein. Es gab wohl eher sadistische Freude, sofern man nicht selbst betroffen war.

Die Schüler wurden von den Lehrern stets mit dem Familiennamen aufgerufen, und überwiegend sprachen sich die Jungen auch gegenseitig auf diese Art an. So erinnere ich mich an den Klang eines Namens, und wenn ich eine Liste hätte, würde ich diesen Mitschüler eventuell herausfinden, der einmal für längere Zeit nicht zum Unterricht erschien, es mögen ein paar Wochen gewesen sein. Die Kinder erzählten sich untereinander, er sei von zu Hause weggelaufen. Wie ein Kind von neun oder zehn Jahren solange verschwunden sein soll, kann ich nicht erklären. Jedenfalls herrschte eines Tages betretene Stille im Klassenraum, der Junge saß wieder an seinem Platz. Während der Stunde holte ihn der Lehrer nach vorn und verprügelte ihn minutenlang. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, er verlor dabei die Selbstkontrolle. Dann kam die große Pause und wir durften den Raum verlassen. Der Lehrer sagte zu dem soeben verdroschenen Kind: „Du bleibst hier!“ Nach der Pause hätte ich den Jungen nicht wiedererkannt.

Derselbe Lehrer machte uns Kinder wohl zum ersten Mal im Leben mit dem Wort „Kultur“ bekannt. Den Begriff erklärte er so: „Die Deutschen haben eine hohe Kultur, alles was es gibt, haben die Deutschen erfunden“ (davon war ich lange überzeugt), „...die Russen haben eine mittlere Kultur“ (die Belege dazu erinnere ich nicht sicher), „...und die Neger in Afrika haben eine niedrige Kultur, die haben da ’ne alte Blechbüchse und da machen sie hä hä hä...“ (großes Gelächter unter den Kindern, indem der Lehrer das Schlagen einer Trommel imitierte).

Für Menschen von heute muss es unbegreiflich erscheinen, wieso damals bei alldem nie jemand eingeschritten ist, und auch mein Erklärungsversuch überzeugt wohl nicht. Nun, zum einen sprechen Jungen nach meiner Beobachtung nicht über ihre Demütigungen. Vor allem aber war ein Lehrer in den Fünfzigerjahren eine unfehlbare Autorität, und mancher Mitschüler, der zuhause über Prügel vom Lehrer berichtete, hätte womöglich von seinem Vater Nachschlag bekommen. Überhaupt war die Obrigkeitsmentalität ausgeprägt, es kam vor, dass der Rektor den Raum betrat, da erstarrten Schüler und Lehrer gleichermaßen vor Ehrfurcht. Einmal hatte sogar der Schulrat seinen Besuch avisiert, da wurde vorher geübt, wie man aufspringt und strammsteht.

Vielleicht vermissen manche Leser dieser Zeilen trotzdem die Perspektive auch der Lehrerschaft. Nun gut, es gab auch beliebte Lehrer, da war ein Herr Schimmel, dem der Ruf vorausging, niemals zu schlagen. Immer wenn ein neues Schuljahr begann, hofften alle, diesen Lehrer zu bekommen, unsere 1a bis 5a hatte aber leider nie das Glück. Dann war da allerdings die Anzahl der Schüler. Die Population in den Fünfzigern kann man sich in etwa umgekehrt proportional zu heute vorstellen, das heißt trotz des bescheidenen Wohlstandes hatten die Deutschen viele Kinder, und Hunde waren eher selten. Für die Freizeit brauchte es keine besondere Verabredung, denn wo immer sich im Stadtbild ein freier Platz bot, spielten und tobten nachmittags Kinder, zuweilen zum Leidwesen der Anwohner. In der Schule spiegelte sich das in Klassengrößen, die von heutigen Lehrkräften vielleicht als unzumutbar angesehen würden, und der chemische Rohrstock Ritalin war damals noch unbekannt.

Im Jahr 1955 konnte ich nach einem einwöchigen Probeunterricht auf die „Mittelschule für Jungen“ wechseln, die damals neben der Paulikirche im Stadtteil Altendorf residierte. An die ersten Tage in der neuen Schule erinnere ich mich, als wenn es vorige Woche gewesen wäre. Aber meine Empfindungen, dieser Horrorschule an den Teichen entkommen zu sein, kann ich schwer mit eigenen Worten wiedergeben, ich tue es mit einem Zitat aus Beethovens „Fidelio“: „Oh welche Lust, in freier Luft den Atem leicht zu heben.“ Hier wurde hin und wieder auch noch spontan zugeschlagen, was jedoch eher zur Belustigung der Schüler führte, und was der eine oder andere Lehrer hier auszustehen hatte, wäre mal eine eigene Betrachtung wert.

Die Gravitationswellen des tausendjährigen Reiches waren sowohl hier als auch im Freizeitbereich noch nicht ganz abgeklungen. Ein Lehrer sprach wiederholt darüber, auf welche Weise rassisch Verfolgte selber zu ihrem Schicksal beigetragen hätten. Ein älterer Kollege legte Wert darauf, kein Nazi, sondern Mitglied im „Stahlhelm“ gewesen zu sein. Auf einer Klassenfahrt nach Hann.Münden brachten wir unterwegs dem Schriftsteller Hans Grimm („Volk ohne Raum“) ein Ständchen. Gern erinnere ich an einen Lehrer, der nach 1945 wohl dazugelernt hatte und uns riet, bei Massenbewegungen jeglicher Art skeptisch zu bleiben und sich lieber eine eigene Meinung zu bilden – ein Rat, den man aktuell gelegentlich weitergeben kann.

Die Freizeit verbrachte ich teilweise mit dem Deutschen Wanderbund. Dieser war nach einem früheren Vorbild in Altersgruppen – ich gehörte anfangs zu den „Pimpfen“ – sowie regional in Gaue eingeteilt. Für die Heimabende hatte ein Gewerbetreibender in Altendorf einen schlichten Raum zur Verfügung gestellt. Die Mitglieder begrüßten sich hier mit „Heil“. Führer des Gaues Holzminden war der Rektor der Mädchen-Mittelschule, der hatte eine antiautoritäre Attitüde und ließ sich von den Jungen und von den Mädchen außerhalb der Schule duzen und mit „Karl“ anreden. Jüngere Leute werden sich jetzt bestimmt denken: „na und“, in den Fünfzigerjahren war das aber geradezu exotisch. Es wurde kolportiert, dass er ganz nach dem Vorbild Hitlers lebe und deshalb Vegetarier sei. Einmal hatte er zum Heimabend ein Buch mitgebracht. Die erste Seite mit einem großformatigen Portrait überblätterte er mit den Worten: „Den darf ich euch nicht zeigen.“ Einer der älteren Jungs amüsierte sich: „Höhö, Adolf.“ Für seine Verdienste wurde er später zum Schulrat in Osterode befördert.

Zu den Aktivitäten gehörte 1956 eine Tour per Fahrrad zum Gau Hameln. Höhepunkte im Jahr waren aber die Sonnenwendfeiern im Gelände. Da wurden Pärchen gebildet und ein, na sagen wir, patriotischer Spruch aufgesagt. Sodann sprang man gemeinsam über das Lagerfeuer hinweg. (Rudolf Preuss, Gehrden)

Kontakt

Telefon: 05531/9304-0
E-Mail: info@tah.de

 

Öffnungszeiten
Montag bis Freitag:
8.00 bis 16.00 Uhr
Samstag:
8.00 bis 11.00 Uhr