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Dienstag, 18. Mai 2021

Zwischen Medikamentenmangel und Lebensfreude

Eine junge Holzmindenerin schildert ihre Erlebnisse in Westafrika und gibt Einblick in die Arbeit im togolesischen Klinikum

Liebe TAH-Leser, als ehemalige Holzmindener Campe-Schülerin und jetzige Humanmedizin-Studentin in Göttingen möchte ich von meinem Aufenthalt berichten.

Alles begann am 24. Dezember 2016. Ich erhielt eine E-Mail von der Uni, die mich auf das „Projekt Westafrika e.V.“ in Togo aufmerksam machte. Zwei Monate später saß ich mit acht weiteren Medizinstudenten und dem Vereinsvorsitzenden Akoete Sodogas im Flugzeug nach Lomé. In der Hauptstadt Togos arbeiteten wir in unseren Semesterferien im dortigen Universitätsklinikum.

Vor uns lagen fünf Wochen voller neuer Eindrücke und unvergesslicher Erlebnisse. Das westafrikanische Togo liegt zwischen Ghana und Benin am Golf von Guinea. Wir wohnten in der Drei-Millionenhauptstadt Lomé, die direkt am Meer liegt. Zunächst einmal mussten wir uns an die Temperaturen gewöhnen, denn bei knapp 40 Grad Celsius und hoher Luftfeuchtigkeit schwitzt man schon vom Nichtstun. An ein erfrischendes Bad im Meer war aufgrund der starken Unterströmung leider nicht zu denken, aber die traumhaften Strände waren trotzdem immer einen Ausflug wert.

Eine weitere Umstellung war das togolesische Krankensystem. Meine Erfahrungen sammelte ich im Universitätsklinikum in Lomé, welches immer gut ausgelastet war, obwohl die Patienten in der Regel alle Kosten selbst tragen mussten. Eine Krankenversicherung, wie hier in Deutschland, gibt es nicht. Auch im Notfall muss die Behandlung im Voraus bezahlt werden. Erst dann widmet sich der Arzt seiner Arbeit. Im Zweifel bedeutet dies also: keine Bezahlung – keine Behandlung. Deshalb ist mir zum Beispiel die Wundversorgung eines Unfallopfers besonders in Erinnerung geblieben. Sein Verband wurde nicht vollständig gewechselt, da er nicht genügend eigene Kompressen dabeihatte. So konnte die Weiterbehandlung erst am nächsten Tag erfolgen, als er neues Verbandsmaterial besorgt hatte. Da die Togolesen meist sehr große Familien mit starkem Zusammenhalt haben, legen dann alle etwas von ihrem Geld zusammen, um für die Behandlung des verletzten Verwandten aufzukommen.

Aus der Familiensituation resultiert auch der zweite große Unterschied zum deutschen Krankenhausalltag: Um die komplette Pflege, also das Waschen, Anziehen und zur Toilette bringen des Patienten und das leibliche Wohl, kümmern sich die Angehörigen. Nicht selten nächtigten Verwandte auf den Fluren, um ihren kranken Famillienangehörigen jederzeit zu Hilfe kommen zu können. Die Pfleger des Krankenhauses können sich deshalb durchgehend um die medizinische Versorgung der Patienten kümmern. Je nach Dienstplan waren sie auch im OP-Saal oder zum Blutabnehmen eingeteilt.

Da die behandelnden Ärzte keine Computer haben, ist jeder Patient verpflichtet, ein Heftchen mitzubringen, in das der Arzt Befunde und Untersuchungen eintragen muss. So haben die weiterbehandelnden Ärzte auch die Möglichkeit, die Krankheitsgeschichte des Patienten zu überfliegen. Schon vor Antritt der Reise hörte ich, dass es in Togo an vielen Medikamenten und medizinischen Apparaten mangelt. Jeder Pfleger und Arzt freute sich sehr über ein Fläschchen Desinfektionsmittel, das in Togo nur sehr schwer zu bekommen ist. Auch Patienten waren erleichtert, wenn sie die Handschuhe für ihre Operation oder den Verbandswechsel nicht zahlen mussten, sondern auf unsere in Deutschland gesammelten Spenden zurückgreifen durften.

Erstaunt war ich, als es sogar im Klinikum zu einem Wasserausfall kam und es keine Notversorgung gab. Deshalb konnten zwei Tage lang keine Operationen stattfinden. Die Patienten blieben aber gelassen und kamen einfach später für ihre OP in das Krankenhaus zurück. Diese positive Einstellung der Togolesen hat mich besonders in diesen Augenblicken sehr beeindruckt. Anstatt sich aufzuregen, nahmen sie das Unvermeidliche geduldig hin. Ich arbeitete in der Traumatologie, wo die Behandlung von Wunden und Verletzungen im Vordergrund steht. Und davon gibt es allemal genug in Togo: Die meisten Togolesen können sich aus finanziellen Gründen, wenn überhaupt, nur ein Motorrad leisten. Weil die Straßen schlecht ausgebaut sind, kommt es häufig zu Unfällen. Außerdem scheint es eine ungeschriebene Verkehrsregel zu geben, dass derjenige, der zuerst fährt und laut hupt, Vorfahrt hat. Leider funktioniert das nicht immer. Die Verkehrsteilnehmer tragen zudem oft nur Sandalen, dünne Bekleidung und keinen Helm. Die Station ist voll von Unfallopfern, die oftmals auch erst Wochen nach ihrem Unfall mit starken Entzündungen kommen. Die für sie hohen anfallenden Kosten halten sie zuvor meist davon ab. So waren dort ganz andere Verletzungen zu sehen als die, die man hierzulande kennt, wenn Verwundete direkt einen Arzt aufsuchen und sich unverzüglich behandeln lassen können.

Durch das Projekt hatte ich auch die Möglichkeit, Afrika hautnah mitzuerleben. An den Wochenenden machten wir Ausflüge in das Nachbarland Benin und in den wunderschönen Norden Togos. Wir besuchten ein Gesundheitszentrum, wo sich die Mitarbeiter sehr über einige Sachspenden und Medikamente aus Deutschland freute. Außerdem half ich nachmittags in mehreren Kinderheimen. Der Besuch eines Dorfs für Leprakranke, verdeutlichte mir, wie wichtig die medizinische Aufklärung ist, Erkrankte nicht wie Aussätzige zu behandeln. Neben der medizinischen Hilfe, macht sich das Projekt auch für Waisenkinder, die Umwelt und Zukunftschancen für Benachteiligte stark. So ist zum Beispiel der Aufbau eines Kinderheims in Lomé in Arbeit. Dort werden noch etwa 10.000 Euro für den Dachaufbau und die Möblierung benötigt. Bei Spenden ist sichergestellt, dass diese komplett bei den Bedürftigen ankommen. Der Vorstandsvorsitzende, der gebürtig aus Togo stammt und in Marburg lebt, übergibt die Spenden bei seinen halbjährlichen Hilfseinsetzen persönlich.

Über jede Spende dankbar ist das Projekt West-Afrika (PWA) e.V., das über ein Konto bei der Volksbank Mittelhessen, IBAN: DE76 5139 0000 0019 2274 05, verfügt.

Die Erlebnisse in Togo waren für mich eine große Bereicherung! Ich war beeindruckt darüber, wie dankbar, positiv und freundlich die meisten Togolesen trotz der Widrigkeiten, Armut und Krankheiten waren. Trotz des Materialmangels und Wasserausfälle, ließen sich die Klinikumsangestellten nicht demotivieren und gaben Tag für Tag ihr Bestes, mit den begrenzten Mitteln Leben zu retten. Durch meinen Aufenthalt habe ich Dinge, die mir hier alltäglich erscheinen, zu schätzen gelernt. Unser Gesundheitssystem, das es jedem ermöglicht, sofort behandelt zu werden, sehe ich nun mit anderen Augen. Außerdem habe ich viel von der Freundlichkeit, positiven Einstellung und Herzlichkeit der Menschen dort mitgenommen.  (Pauline Gärtner)

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