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Dienstag, 18. Mai 2021

Unvergessene Kaisertochter Viktoria Luise

Zum 125. Geburtstag von Viktoria Luise, der letzten regierenden Regentin des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg

Holzminden (15.09.17). Die Gardefeldartillerie in Potsdam schoss 21 Schuss Salut. Sie zeigten damit die Geburt einer Prinzessin an. Es war der 13. September 1892. Im Marmorpalais in Potsdam wurde nach sechs Söhnen eine Tochter für Kaiserin Auguste Viktoria und ihren Mann Kaiser Wilhelm II. geboren. Ihre Hochzeit am 24. Mai 1913 mit Prinz Ernst August von Hannover vereinte das gesamte monarchische Europa ein letztes Mal vor der Jahrhundertkatastrophe des Ersten Weltkriegs in Berlin. Die Ehe war eine Liebesheirat, und dennoch diente sie auch der Versöhnung zwischen den Welfen und den Preußen, die das Königreich Hannover 1866 annektierten und den blinden hannoverschen König Georg V., den Großvater des Bräutigams, ins Exil vertrieben hatten.

Auch die Holzmindener, die ja bekanntlich „hinter dem Tunnel wohnten“, ließen sich zur Hochzeit des Herzogspaares etwas einfallen: Gleich zwei Straßen wurden nach den Jungvermählten benannt: die „Ernst-August-Straße“ zwischen Bahnübergang im Osten und „Hopfenstraße“ im Norden sowie ein Weg zwischen Böntalstraße und Bürgermeister-Schrader-Straße, der „Viktoria-Luise-Weg“. Der Viktoria-Luise-Weg verfügt noch heute über das Straßenpflaster aus jener Zeit.

Gegenüber der damals noch vorhandenen Mittelmühle (heute Leclaire’s Mühle) in der Ernst-August-Straße pflanzte die „Alt-Braunschweigische-Vereinigung“ eine Eiche und umgrenzte sie mit einem schmiedeeiseren Zaun. Eiche und Zaun sind noch heute vorhanden.

Das junge Ehepaar bekam zwar nicht das Königreich Hannover, aber nach dem Verzicht von Prinz Ernst August (1845 - 1923), Kronprinz von Hannover und 3. Herzog von Cumberland, Vater des jungen Ehemanns, konnten die Jungvermählten 1913 als regierende Monarchen ins Herzogtum Braunschweig einziehen.

Etwas mehr als ein Jahr nach der Hochzeit wurden aus den Feiernden von 1913 Feinde. Die, die damals den berühmten „Fackeltanz“ im Weißen Saal des Berliner Stadtschlosses mitgemacht hatten, schossen nun aufeinander. Auf Verwandtschaft wurde keine Rücksicht mehr genommen.

Die schweren Jahre des Ersten Weltkriegs ließen keine großen Möglichkeiten, Regententugenden zu entfalten, doch setzten sich Herzog und Herzogin bis zu den bitteren Novembertagen 1918 voll für das Land ein.

Im November 1918 musste der Herzog abdanken. Nach 1918 lebte das Herzogspaar mit seinen Kindern teils in Blankenburg im Ostharz, teils in Gmunden, wo die hannoversche Königsfamilie nach der Vertreibung von 1866 heimisch geworden war.

Zwischen den beiden Weltkriegen hielten sie sich öfter in Kreis und Stadt Holzminden auf. Der Besuch des Herzogpaares bei der Marine-Jugend Holzminden am 6. Juni 1934 ist im Gästebuch des Marine-Vereins Holzminden dokumentiert. Herzog Ernst August und Herzogin Viktoria Luise mussten 1945 aus Blankenburg, das in die sowjetisch besetzte Zone fiel, fliehen. Sie lebten fortan auf der Marienburg, wo Herzog Ernst August am 30. Januar 1953 starb. Die Herzogin zog 1956 nach Braunschweig und wurde dort eine gerngesehene Einwohnerin. Berühmt waren ihre Waldläufe, mit denen sie sich fit hielt. Für jedermann war sie ansprechbar, ihre Geburtstage waren Tage der offenen Tür.

Sie war schon über 70, als Herzogin Viktoria Luise ihre Lebenserinnerungen schrieb. Sie wurden ein so großer Erfolg, dass sie es auf sieben stattliche Bildbände brachte. „Ein Leben als Tochter des Kaiser“, gewidmet „Der Erinnerung an meinen Mann“, erschien 1965. Sie reiste durchs Land wie ein Popstar und saß geduldig in vielen Signierstunden.

Zu mehren Signierstunden ist die Herzogin auch nach Holzminden gekommen. Mitte bis Ende der 1960er Jahre hat sie in der Buchhandlung Wiegand am Haarmannplatz mehrfach ihre Bücher signiert. Sie hielt sich dann bei ihrem Neffen, Prinz Wilhelm-Karl von Preußen (1922 - 2007) und dessen Gemahlin Prinzessin Armgard von Preußen in Holzminden auf.

Bei vielen Festen im ehemaligen Herzogtum Braunschweig war sie gern gesehener Gast. Beim größten Schützenfest der Welt in Hannover nahm sie regelmäßig bis ins hohe Alter in der Ehrenkutsche Platz und machte den kilometerlangen Schützenausmarsch mit.

Am 11. Dezember 1980 starb Herzogin Viktoria Luise im Alter von 88 Jahren. Zum Trauergottesdienst erschienen 1980 über 10.000 Menschen im Braunschweiger Dom, weitere 5.000 Menschen gaben in dichtem Schneetreiben der Herzogin zu Braunschweig und Lüneburg im Park von Hannover-Herrenhausen das letzte Geleit. Vor dem Mausoleum des Hauses Hannover fand sie neben ihrem Mann die letzte Ruhe. Wie ihre Hochzeit 1913, so wurden die Begräbnisfeierlichkeiten ein Gipfeltreffen europäischer Monarchen – regierender, nicht mehr oder noch nicht regierender. (Ditmar Fischer)

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