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Montag, 01. März 2021

Kostbare Dokumente der Zeitgeschichte

„Die Fotografen Vater + Sohn Triestram – Ein Bilderbuch“: Eine LiebeserklĂ€rung an den Kreis Holzminden und die Menschen

Holzminden (04.12.2017). „Ich habe die Hoffnung, dass der ,Schatz‘ meines Vaters aufgehoben wird. Die Geschichte dieser Zeit (Stadt, Kreis und Menschen), die mit einem großen gesellschaftlichen Umbruch einherging, zu bewahren, wĂŒrde sich lohnen“, beschreibt Axel Triestram die Idee hinter seinem „Bilderbuch“. Es trĂ€gt den Titel „Die Fotografen Vater + Sohn Triestram“ und ist dieser Tage im Eigenverlag erschienen. Es ist gleichermaßen ein Kaleidoskop und eine LiebeserklĂ€rung geworden an die Stadt und den Landkreis Holzminden und die Menschen, die hier lebten und leben. FĂŒr Zeitzeugen insbesondere der 1950er Jahre ist es eine wahre Fundgrube wachgekĂŒsster Erinnerungen. Es beschreibt in erster Linie das LebensgefĂŒhl einer pulsierenden kleinen Stadt am Strom, eine Zeit des Aufbruchs und des Wandels. Axel Triestram, Sohn und Autor, Archiv-Sortierer und AuswĂ€hlender, Gestalter und Herausgeber, schlĂ€gt mit seinen Fotos die BrĂŒcke ins Farbige, ins Hier und Jetzt, und hĂ€lt sich dezent in zweiter Reihe. Die „große BĂŒhne“ ĂŒberlĂ€sst er seinem Vater Norbert Triestram und seinen einmaligen (Menschen-)Fotos.

Die Bleiche voller WĂ€sche, die Straßen voller Menschen. Sie drĂŒcken sich an den Schaufenstern die Nase platt, stehen am Eiswagen am Haarmannplatz oder vor der „Schauburg“ Schlange. Kinder fahren fröhlich Schlitten in Wintern, die noch voller Schnee waren. Bauer SchĂŒtte fĂŒhrt stolz seinen Bullen durch die Stadt, die Kubersek-Schwestern posieren stolz hinterm Tresen des Kaufladens Reichenbach, und auf dem Wochenmarkt ist kein Durchkommen, weil so viele Menschen sich hier mit Obst und GemĂŒse eindecken. Ein SchĂŒtzenfest oder die Kirmes waren noch Attraktionen mit großer Anziehungskraft, Altendorf noch dörflich. Die prachtvolle alte katholische Kirche am Mittleren Teich durfte noch ihren spitzen Turm in den Holzmindener Himmel recken, am Weserkai machten noch eine Handvoll Schiffe hintereinander fest, und die Hafenbahn dampfte. Triestram fuhr auch â€žĂŒber Land“, fotografierte in Stadtoldendorf und Eschershausen, in den Weserdörfern und in Bevern. Der Omnibus bei SteinmĂŒhle könnte auch am Gardasee aufgenommen worden sein.

Diese Bilder sind ein Fest, und der Betrachter spĂŒrt: Fotografieren war damals noch etwas ganz Anderes und Norbert Triestram ein seltener Meister seines Faches, der die Nischen des Fotografenhandwerks mit eindrucksvollen Ergebnissen zu nutzen wusste. Seine Bilder dokumentieren eine Zeit, in der die Menschen seltsam aus der Bahn geworfen waren, in der sie aber auch das Leben in vollen ZĂŒgen genossen.

Von seinem Vater Norbert besitzt Axel Triestram etwa 100.000 Negative aus der Zeit von 1948 bis Anfang 1970. Die in diesem Buch veröffentlichten Bilder sind zwischen 1948 und etwa 1956 entstanden. Viele Bilder schoss Norbert Triestram fĂŒr den TĂ€glichen Anzeiger und die Neue Presse. Sie sprechen fĂŒr sich, was ein starkes Indiz fĂŒr ein gutes Foto ist. Norbert Triestram, 1918 in Breslau geboren, wusste seine Bilder meisterhaft zu inszenieren. Er hatte dabei ein „gutes Auge“ fĂŒr das Wesentliche und wusste die Menschen gleichzeitig wĂŒrdevoll in Szene zu setzen in all diesen Alltagsszenen, die alles andere als belanglos sind. Sein Wunsch, Kameramann bei der UFA zu werden, erfĂŒllte sich nicht. WĂ€hrend des Krieges in einer LuftaufklĂ€rungskompanie eingesetzt, fĂŒhrte ihn der Weg zur Fotografie. Holzminden wurde nach dem Krieg seine zweite Heimat, hier grĂŒndete er eine Familie und fotografierte weiter. Sein Sohn Axel, Jahrgang 1948, hat diese Gene von ihm mitbekommen. Manchmal durfte er als kleiner Junge mit seinem Vater mit auf „Fotopirsch“. Auch er wurde Fotograf, arbeitete lange fĂŒr Stiebel Eltron und ist bis heute, mit und ohne Kamera, Lobbyist seiner Stadt geblieben, von der er „manchmal den Eindruck hat, dass sie trotz aller positiven EinflĂŒsse ihre UrbanitĂ€t verliert“. „Hoffentlich nicht!“, schiebt er schnell hinterher.

Seine Fotos von Landschaft, Stadt und Menschen zeigen ebenfalls einen geschulten Blick fĂŒrs Detail und die Liebe zur Heimat. „Bildgestalter“ im besten Sinn sind Vater und Sohn, und manchmal rĂ€tselt man, welcher Triestram welches Foto aufgenommen, wer Regie gefĂŒhrt hat. Axel Triestram war dieses Bilderbuch voller fotografischer Dokumente der Zeitgeschichte eine Herzensangelegenheit, und das ist auf jeder einzelnen Seite zu spĂŒren. Er sagt: „Ich freue mich, ganz allein dieses Projekt in der Hand gehabt zu haben. Ich wollte es unbedingt umsetzen.“ Das fotografische Erbe seines Vaters zu bewahren, dessen Bilder es zurecht ins Archiv des Hauses der Geschichte nach Bonn geschafft haben, trieb ihn dabei ebenso an wie der Gedanke, die Erinnerung an Holzminden in seiner vielleicht quirligsten Zeit wach zu halten. (Nicht nur) Alt-Holzmindenern machen Vater und Sohn Triestram mit diesem Buch ein kostbares Geschenk.

Das 92-seitige Buch ist erschienen in einer Auflage von zunĂ€chst 100 Exemplaren (ein Nachdruck ist bei entsprechender Nachfrage innerhalb von zwei Jahren möglich) und ausschließlich erhĂ€ltlich bei Foto-Liebert (Schruhl) in der Oberbachstraße in Holzminden. Der TAH wird in den nĂ€chsten Wochen einige Fotos aus diesem Buch in einer kleinen feinen Serie veröffentlichen. (spe)

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