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Samstag, 27. Februar 2021

Post aus Nahost

Luisa Meyer aus Dielmissen hat Beirut als Studienort ausgewählt – und die Stadt im Libanon als pulsierende Metropole kennengelernt

Beirut/Dielmissen (29.01.18). Der Libanon ist nicht unbedingt der naheliegendste Ort für ein Studium im Ausland. Luisa Meyer zog es trotzdem dorthin. Sie ist in Dielmissen aufgewachsen und hat 2012 ihr Abitur an der Paul-Gerhardt-Schule in Dassel gemacht. Seit vergangenem Herbst studiert sie Nahoststudien in Beirut. Sie hat die Stadt als eine pulsierende, liberale Metropole kennengelernt. 

Es hat nicht lange gedauert, da hat Beirut mich für sich eingenommen. Die Stadt übt eine Faszination aus, der sich kaum jemand entziehen kann. Vor knapp einem halben Jahr habe ich in Beirut mein Masterstudium begonnen. Hier widme ich mich der Geschichte und Politik des Nahen und Mittleren Ostens und lerne den melodischen arabischen Dialekt der Libanesen.

Warum ausgerechnet Libanon? Seit drei Jahren lerne ich Arabisch, und spätestens seitdem ich im Bachelor ein Jahr in Marokko studiert habe, bin ich begeistert von der Sprache und der unglaublichen Vielfalt der arabischen Länder. Als ich von dort wiederkam, sehnte ich mich bald nach der Ferne und ich entschied, ein Land am anderen Ende des arabischsprachigen Raums kennenzulernen. Ich zog also in den Nahen Osten.

Als ich meinen Eltern berichtet habe, dass ich für zwei Jahre nach Beirut gehe, waren sie anfangs nicht begeistert, haben mich aber auch nicht davon abgehalten. Es wäre ihnen sicher lieber, wenn ich in Bayreuth statt in Beirut studieren würde. Das kann ich verstehen: Im Nachbarland Syrien tobt seit Jahren Krieg. Außerdem haben meine Eltern als Jugendliche im Fernsehen täglich Bilder des 1975 bis 1990 im Libanon herrschenden Bürgerkrieges gesehen. Beirut ist für sie synonym mit Gewalt, Trümmern, Bomben. Für sie ist es sicher schwer, sich vorzustellen, dass sich die Lage gewandelt hat. Die Stadt am Mittelmeer ist inzwischen berühmt für seinen Hedonismus, die nicht enden wollenden Partys auf Hausdächern oder sogar in einem umgebauten Bunker, bei denen eine Flasche Champagner 200 Dollar kostet. Im Nahen Osten ist Beirut sicher die Stadt mit dem größten Bling-Bling-Faktor – und Libanon eins der stabilsten Länder.

Dennoch merke ich manchmal, wie fragil der Frieden ist. Als im November Premierminister Saad Hariri in Riad seinen Rücktritt verkündete und alle Welt einen Komplott von Saudi-Arabien gegen den Iran vermutete, merkte ich, wie meine libanesischen Mitbewohner unruhig wurden. „Morgen entscheidet sich, ob es im Libanon wieder Krieg geben wird oder nicht“, mutmaßten sie. Kurz sah ich mein ganzes Studium hier gefährdet, mich meine Koffer packen und zurück nach Deutschland kehren. Dann merkte ich, wie egoistisch der Gedanke ist. Mit meinem deutschen Pass kann ich jederzeit einfach ausreisen – im Gegensatz zu den meisten Libanesen. Der Premierminister ist dann jedenfalls nach Beirut zurückgekehrt und hat seinen Posten wieder eingenommen, als wäre nichts gewesen.

Die Amerikanische Universität, an der ich studiere, ist stark orientiert am amerikanischen Hochschulsystem. In zahlreichen Clubs können sich die Studierenden engagieren. Bei der Auftaktveranstaltung am Semesterbeginn schritten die Dekane in prunkvollen Mänteln hinein, was mich etwas an Harry Potter erinnerte, und es wurde die Universitätshymne gesungen: „Weit, weit über den Wassern des tiefen blauen Ozeans, liegt der Campus der Hochschule, wo wir gerne sind“. Tatsächlich kann man von der Universität auf das Mittelmeer herunterblicken, doch so eine Zelebrierung der Universität kenne ich aus Berlin, wo ich zuvor studiert habe, überhaupt nicht.

Die verschiedenen historischen Epochen lassen sich im Stadtbild genauso ablesen wie die Narben und Wunden, die der Bürgerkrieg hinterlassen hat. Nach dem Krieg wurde Beirut teilweise lieblos mit einförmigen Hochhäusern, viel Glas und glatten Fassaden wiederaufgebaut. Dabei ging etwas von dem früheren Glanz der Stadt verloren, der Beirut einst den Ruf als „Paris des Nahen Ostens“ verschaffte. Viele der prachtvollen alten Häuser aus der Zeit des Osmanischen Reiches oder der französischen Mandatszeit sind zerstört oder zerfallen langsam. In den neuen, teuren Häusern in der Innenstadt wohnt fast niemand. Gleichzeitig entdeckte man beim Wiederaufbau zahlreiche archäologische Städten direkt im Stadtzentrum, aus römischer, byzantinischer Zeit und sogar aus der Zeit der Phönizier.

Wenn ich durch Downtown spaziere, sehe ich zwischen den Hochhäusern immer wieder Ausgrabungsstätten. Oder das Gerippe des Holiday Inn Hotels, einst eines der nobelsten Hotels der Stadt, dann im Bürgerkrieg Schauplatz für eine der heftigsten Episoden des Krieges, die heute als „Hotel-Schlacht“ bekannt ist.

Wenn ich durch Beirut laufe, sehe ich in einem Stadtviertel an jeder Straßenecke einen kleinen Schrein mit einer Marienfigur oder einer kleinen Skulptur des libanesischen Heiligen Charbel. Im nächsten Viertel wartet ein „Froher Ramadan“ in Leuchtschrift auf einer Moschee darauf, im Fastenmonat wieder angeknipst zu werden. Noch ein paar Straßen weiter wehen Flaggen der schiitischen Partei und Miliz Hizbollah im Wind. Manchmal frage ich mich, wie es sein kann, dass in so ein kleines Land so viel kulturelle Diversität gestopft sein kann. Etwa 41 Prozent sind Christen, rund 54 Prozent Muslime. In dem Land, dessen Fläche kleiner als Schleswig-Holstein ist und in dem etwa sechs Millionen Menschen leben, gibt es 18 anerkannte Konfessionen. Ein ziemlicher Religionswirrwarr.

Auch kulturell ist das Land divers. Vor über hundert Jahren flohen viele Armenier vor dem Völkermord in den Libanon und noch heute gibt es eine große armenische Gemeinschaft. Palästinenser leben teilweise in dritter Generation im Exil in Libanon. Aktuell haben knapp eine Million Menschen aus Syrien hier Schutz vor dem Bürgerkrieg in ihrem Heimatland gesucht. Dazu kommen die zahlreichen Frauen aus Südostasien, die für wenig Geld putzen oder in den Restaurantküchen kochen.

In vielerlei Hinsicht erinnert mich Beirut an Berlin. Ähnlich wie in Kreuzberg oder Neukölln gibt es Stadtviertel, die voller kreativer Energie stecken, in denen innerhalb kurzer Zeit zig Bars, Restaurants und Galerien geöffnet haben. Alles wandelt sich in einem rasanten Tempo. Die krummen Treppenstufen im Viertel Mar Mikhael, die Künstler erst vor ein paar Jahren mit bunter Farbe bemalt haben, werden gerade ersetzt durch neue graue Steinstufen. Genau wie in der deutschen Hauptstadt gibt es überall Baustellen, vieles wirkt provisorisch. Und wie in Berlin haben die schicken neuen Bars den schalen Beigeschmack der Gentrifizierung. Das heißt, dass das neue Angebot das Viertel zwar aufwerten, aber diejenigen, die schon lange dort leben, sich bald die steigenden Mieten nicht mehr leisten können.

Die beste Möglichkeit, um die neuen Kenntnisse aus dem Arabischkurs anzuwenden, ist eine Fahrt mit dem Taxi, die hier viel bezahlbarer ist als in Berlin. Ein Fahrer erzählte mir mal, er habe 40 Jahre in der Schweiz und in Deutschland gelebt. Er habe es nicht mehr aushalten können, immer nur als Araber abgestempelt worden zu sein und sei darum zurück in den Libanon gekommen. Dann erzählt der Taxifahrer, dass er mal mit dem Rapper Bushido höchstpersönlich gefeiert habe. „40 Jahre, jetzt ist die Party vorbei“, sagte er wehmütig.

Zur Universität nehme ich auch oft den Bus. Geregelte Abfahrzeiten und Haltestellen gibt es nicht. Sobald ich den Bus mit der Nummer 15 kommen sehe, winke ich kurz und springe hinein. Die Tür lässt der Busfahrer meist einfach offen. Wenn er laut arabische Musik aufdreht und an der Küste entlang brettert, wehen meine Haare im Fahrtwind und ich möchte an keinem anderen Ort sein als hier, in der pulsierenden Metropole am Mittelmeer. (Von Luisa Meyer)

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