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Dienstag, 18. Mai 2021

Vor 30 Jahren: Schneerekord im Solling

Am 8. und 9. März 1988 lagen in Silberborn 79 Zentimeter Schnee / Die Geschichte der Wetterbeobachtungen im Hochsolling

Kreis Holzminden (12.03.18). Hand aufs Herz, liebe Leser: Stellen Sie sich vor, Sie sind in einer Quizshow zu Gast und in der Kategorie Wetter wird Ihnen die Frage gestellt, wann die bis heute höchste Schneedecke im Hochsolling gemessen wurde. Je nach Lebensalter würde Ihnen vielleicht der Januar 1979 einfallen, auch der Eiswinter 1963 wäre vermutlich ein Kandidat und so mancher würde sogar an die drei strengen Kriegswinter zu Beginn der 1940er Jahre denken.

Und in der Tat: All diese Winter brachten für heutige Maßstäbe außergewöhnliche, teils unvorstellbare Verhältnisse und natürlich auch viel Schnee in der Region – und doch sticht ein Messwert aus der jüngeren Vergangenheit und zudem noch aus dem meteorologischen Frühjahr all diese historischen Winter, wenn es um die Rekordschneehöhe im Solling geht: Am 8. und 9. März 1988 notierte Alwin Schrader, der von 1983 bis 2001 im Auftrag der Stadt Holzminden und des Deutschen Wetterdienstes täglich das Wettergeschehen in Silberborn im Garten des Grundstücks Ecke Anemonenweg/Sollinger Landstraße protokollierte, jeweils 79 cm Schnee auf dem Beobachterblatt. Anders als heute gab es damals keine öffentlich zugänglichen Messwerte und ohnehin war das Wetter kaum Gegenstand der lokalen Berichterstattung in den Tageszeitungen. Daher schlummerte dieser Rekordwert lange Zeit unentdeckt in den Datenbanken des DWD, bis schließlich mit der Datenfreigabe im Sommer 2014 die Möglichkeit zur Recherche im riesigen Fundus der zahlreichen Klimareihen geschaffen wurde.

Blicken wir also 30 Jahre zurück: Der Winter 1987/88 war nach zuvor drei kalten Vertretern ungewöhnlich mild und schneearm ausgefallen. Selbst im eigentlich schneesicheren Solling hatte sich erst um die Februarmitte vorübergehend eine Schneedecke bis 15 Zentimeter ausbilden könne, die aber schon wenige Tage später wieder verschwunden war. An der DWD-Station in Holzminden, damals auf 128 Metern Höhe am Bergblick beheimatet, war der Winter bis kurz vor Ende Februar sogar ein Totalausfall in Sachen Schnee gewesen. Erst am 25. Februar wurde dort die erste Schneedecke gemeldet. Sie wuchs bis 1. März auf 20 cm an, um dann unter den in Regen übergehenden Niederschlägen in nasskalter Witterung im Lauf der ersten Dekade wieder abzutauen.

Ganz anders die Entwicklung im Solling: Hier sorgte die Höhenlage dafür, dass sämtliche Niederschläge dieser 14 Tage als Schnee fielen, und es waren beachtliche Mengen, die nach und nach zusammenkamen: Die Niederschlagsmenge betrug über 90 mm und da es bei Höchstwerten um den Gefrierpunkt kaum zu Tauwetter kam, legte auch die Schneehöhe Tag für Tag zu. Zum Monatswechsel lagen bereits 51 Zentimeter, tags drauf schon 60 Zentimeter, die Marke von 70 Zentimetern wurde am 6. März überschritten und der Gipfel schließlich zwei Tage später mit 79 Zentimeter erklommen. Ab 10. sorgte leichtes Tauwetter für einen Rückgang auf 62 Zentimeter, bevor nochmalige Schneefälle einen Wiederanstieg auf 73 Zentimeter am 15. März brachten. Erst danach setzte massives Tauwetter ein, dabei verschwanden allein in den ersten 24 Stunden 33 Zentimeter, doch erst am 24. März, vier Tage nach dem kalendarischen Frühlingsbeginn, notierte Beobachter Schrader erstmals wieder eine Null im Feld für die morgendliche Schneehöhe.

Sucht man in den Ausgaben des TAH aus jenen Tagen nach Berichten und Fotos über dieses historische Wetterereignis, stellt man zunächst einmal fest, wie sehr sich die Aufmachung der Tageszeitung vor 30 Jahren von der aktuellen unterscheidet – nicht nur das Klima hat in dieser Zeit einen merklichen Wandel erlebt: Statt sechs Spalten gab es fünf deutlich breitere, Fotos kamen im Lokalteil kaum zum Einsatz und wenn, dann klein und in schwarzweiß. Nach etwas längerer Suche tauchen dann aber doch noch mehrere Hinweise auf den Schneemärz 1988 auf: Da ist zum einen ein Foto einer Wandergruppe im tief verschneiten Solling zu sehen und an anderer Stelle wird über eine Biathlonveranstaltung im Kreis berichtet, die dank des späten Schnees nun doch noch stattfinden kann.

Es lohnt sich aber auch, in den überregionalen Teil zu schauen: Auf der Niedersachsenseite wird über die Schneelast im Harz berichtet, unter der viele Bäume zusammenzubrechen drohen. Mit ungewöhnlichen Maßnahmen versucht man dies zu verhindern: Es werden Hubschrauber zum Einsatz gebracht, die bis in die Nähe der Baumkronen hinuntergehen und mit dem durch die Rotorblätter erzeugten Wind versuchen, die Bäume freizuwehen – ein sicher nicht ungefährliches und aus heutiger Sicht etwas kurios anmutendes Unterfangen.

Anlässlich dieser Erinnerungen an ein fast vergessenes Ereignis soll die Gelegenheit genutzt werden, noch etwas ausführlicher auf die Geschichte der Wetterbeobachtungen im Solling einzugehen: Vermutlich bereits seit 1891 wurden in Neuhaus Messungen durchgeführt, in historischen Quellen taucht eine Station auf 353 Metern Höhe und als Beobachter der damalige Revierförster Fricke auf. Diese Station soll bis 1936 bestanden haben, Daten aus jenen Jahren liegen leider nicht vor. Von September 1936 an wurde dann vom Revierförster Prigge eine Klimastation in Torfhaus auf 491 m Höhe betreut, ab 1937 liegen die Messwerte in der Datenbank des DWD unter der Stationsnummer 5067 in digitaler Form vor. Diese Klimareihe ist auch deshalb so wertvoll, da anders als in vielen anderen Messreihen keine Lücken in den letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren vorhanden sind. Von 1946 bis zum Ende der Messungen im Herbst 1966 hatte der Revier- und spätere Oberförster Wilhelm Kruse das Amt des Beobachters inne.

Parallel dazu gab es noch zwei weitere Beobachtungsstellen mit Niederschlags- und Schneemessungen im Solling im 20. Jahrhundert: Zum einen in Schießhaus, wo bis Ende 1975 gemessen wurde, wobei die Datenlage bezüglich des Beginns unklar ist: Digitalisierte Werte liegen seit 1931 vor, beobachtet wurde aber wohl schon ab 1878. Und am Forstamt Lakenhaus bei Dassel wurde von 1940-1970 gemessen.

Anfang der 1970er Jahre begann dann der Aufbau einer neuen Klimastation im Solling unter Federführung der Stadt Holzminden. Damals mussten, um den begehrten Status „Luftkurort“ in den gerade eingemeindeten Sollingortschaften führen zu dürfen, meteorologische Messungen vor Ort vorgenommen werden. Dies geschah zunächst in Neuhaus in der Derentaler Straße auf 365 m Höhe. Ab Juni 1975 wurde die Station im Status einer Kurklimastation ins Netz des Deutschen Wetterdienstes aufgenommen.

Im Juli 1978 erfolgte eine Verlegung in den Waldwinkel auf 390 Metern Höhe und zum Juli 1983 schließlich nach Silberborn an den eingangs erwähnten Standort auf 440 Metern Höhe. Dort wurde schließlich bis zum 30. September 2008 ohne Unterbrechung gemessen, die Beobachtertätigkeit übernahm im Jahr 2001 die damalige Stadtangestellte Marlies Melching. Zu ihren Aufgaben und denen des Vorgängers Alwin Schrader gehörten das Ablesen der Messinstrumente und das Beobachten und Notieren des Wetterzustandes an mehreren festgelegten Terminen am Tag. Gemessen wurden Temperatur und Luftfeuchte in zwei Metern Höhe in einer klassischen weißen englischen Wetterhütte mit mehreren Thermometern sowie die Temperatur über dem Erdboden, die Niederschlagsmenge in einem genormten Messgefäß, wie er noch heute unter dem Namen seines Erfinders „Hellmann“ an vielen offiziellen und privaten Stationen zum Einsatz kommt, die Sonnenscheindauer (bis 2006) mittels einer Glaskugel und einem Papierstreifen, auf dem das gebündelte Sonnenlicht Brennspuren hinterließ, sowie die Schneehöhe mit Hilfe eines Schneepegels oder ersatzweise eines handelsüblichen Zollstocks.

Das Ende dieser für das lokale Klima so wertvollen Beobachtungen kommt einem Trauerspiel gleich: Im Rahmen der Neustrukturierung des DWD-Netzes unter dem Projektnamen „Messnetz 2000“ spielte der Standort Silberborn trotz der über 25 Jahre bestehenden lückenlosen und homogenen Messungen keine Rolle mehr, so dass die Station Ende September 2008 aufgegeben und schließlich abgebaut wurde. Alle Versuche, den DWD zur Wiederaufnahme der Messungen zu bewegen, sind bisher gescheitert und stießen bei der RZ Hamburg auf offenes Desinteresse. Selbst die Messwerte, die unter der Stationsnummer 2324 geführt wurden, sind in der Datenbank des DWD mittlerweile gesperrt beziehungsweise nur noch die Jahre der Neuhäuser Messungen vorhanden. Auf Rückfrage erklärte der DWD dies mit nicht vorliegenden Wartungs- und Kalibrierungsbescheinigungen der Messinstrumente.

Immerhin konnte auf eine private Initiative hin und mit Unterstützung der Stadt Holzminden im November 2016 ein Teil der Messungen am neuen Standort im Kurgarten wieder aufgenommen werden, doch ohne die erforderliche finanzielle Unterstützung für die Erweiterung des Messprogramms und einen Internetanschluss zur automatischen Datenübertragung bleiben die Möglichkeiten dieses Projektes begrenzt. Vielleicht finden sich anlässlich dieses Berichts über die lange Geschichte der Wetterbeobachtungen im Hochsolling ja neue Sponsoren und Helfer für die Fortführung der Klimareihe in den kommenden Jahren. (Jürgen Höneke)

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