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Mittwoch, 24. Februar 2021

„Wir wissen nie, was auf uns zukommt“

Gewalt richtet sich immer häufiger gegen den Polizeibeamten / Ein  Blick in den Sicherheitsbericht der Polizei

Kreis Holzminden (28.05.18). Es sind meist Männer. Und häufig sind sie betrunken, wenn sie Polizeibeamte angreifen. 1.570 mal ist das im vergangenen Jahr in Niedersachsen passiert. 191 Polizeibeamte der Polizeidirektion Göttingen wurden angegriffen, 26 Polizisten der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden. „Augenscheinlich ist die Bereitschaft, Polizeivollzugsbeamte in Ausübung ihres Dienstes an den Bürgern körperlich anzugehen, weiter ungebrochen“, muss die Polizeidirektion (PI) Göttingen in ihrem Sicherheitsbericht 2017 konstatieren. Zum zweiten Mal tritt die PI damit an die Öffentlichkeit, hat ihn den Samtgemeindebürgermeistern, dem Bürgermeister der Stadt Holzminden und der Landrätin präsentiert (der TAH berichtete), auf Probleme hingewiesen, aber auch darauf, dass die Menschen im Weserbergland sicher leben. Und dass es sich am sichersten im Landkreis Holzminden lebt.

Polizeiarbeit erfordert Mut“

Uwe Lührig, Polizeipräsident Göttingen

Der TAH hat noch weitere Hintergrundinformationen: „Polizeiarbeit erfordert Mut. Immer wieder stellen sich Polizeibeamtinnen und -beamte in ihrem Berufsalltag den bedrohungen für die öffentliche Sicherheit und geraten dabei nicht selten aus selbst in Gefahr. Doch auch in anderer, demokratischer Hinsicht muss eine Polizei Mut beweisen. Es gehört auch zu unseren Aufgaben, den Bürgern über unsere Maßnahmen und Konzepte Rede und Anwort zu stehen und auch mit konstruktiver Kritik umzugehen“, haben Uwe Lührig, Polizeipräsident und Bernd Wiesendorf, Polizeivizepräsident, ins Editorial des Sicherheitsberichts geschrieben.

Und deshalb sitzen Uwe Lührig, Bernd Wiesendorf und Ralf Leopold, der Leiter der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden gemeinsam mit dem Holzmindener Polizeichef Marco Hansmann den Bürgermeistern in Holzminden gegenüber und sprechen auch unangenehme Themen offen an. Zum Beispiel die dünne Personaldecke. 2.418 Polizisten sind für das PI Göttingen tätig. „Nicht mehr und nicht weniger als im Jahr zuvor“, räumt Bernd Wiesendorf ein. Dass sich das ändern soll, hat die Landesregierung signalisiert. 1.500 zusätzliche Stellen sollen niedersachsenweit geschaffen werden. Gleichzeitig müssen die rund 1.000 Pensionierungen pro Jahr ausgeglichen werden. Eine Herausforderung für die Polizeiakademien in Hann.Münden und Nienburg, die beide in den Zuständigkeitbereich der PI Göttingen fallen. „Wir haben eine Studierendenzahl wie noch nie“, erklärt Uwe Lührig. Das bedeutet aber auch: „Wir müssen Personal aus der Fläche an die Polizei-Akademien abgeben“, die die angehenden Polizeibeamten auch umfassend ausbilden. „Wir hoffen auf Verständnis und Zustimmung“, richtet sich Lührig an die Bürgermeister. Die Lehrkräfte auf Zeit, das verspricht er, werden nicht aus dem Einsatz- und Streifendienst abgezogen, sondern aus den Stäben und von den Führungskräften. „Die Ausbildung dauert drei Jahre. Dann sieht es wesentlich besser aus. Aber diese Zeit müssen wir gemeinsam durchstehen“.

Wichtig sei ihm, dass die Region schon jetzt intensiv für sich wirbt, damit die Anwärter sich direkt bewerben. Zum Beispiel auf offene Stellen im Kreis Holzminden. „Wir haben hier vier Stationen, die leisten hervorragende Arbeit vor Ort“, lobt Ralf Leopold. Arbeit, die man nicht zentral abdecken könne. Arbeit, die sich auszahlt: Der Landkreis Holzminden hat eine äußerst geringe Kriminalitätsquote und eine äußerst hohe Aufklärungsquote – weil die Polizeibeamten ihre Pappenheimer kennen...

Kurz geht Leopold auch auf die Organisationsrefom ein und damit auf die Verschiebung des Rund-um-die-Uhr-Dienstes von der Station Stadtoldendorf nach Bodenwerder. „Im Nachhinein gesehen war das die richtige Entscheidung, die Einsatzabdeckung ist besser“, resümiert er. Auch der Verbund Delligsen mit der Polizei in Alfeld habe sich bewährt. Und dann wirft er noch einen Blick auf das Personaltableau für das Polizeikommissariat Holzminden. Hier werden in den nächsten Jahren noch eine ganze Reihe Polizeibeamte in den wohlverdienten Ruhestand treten. „Es wird eine deutliche Verjüngung geben im gesamten Team“.

Die, die weiterhin rund um die Uhr ihren Dienst tun und die, die dazu kommen, müssen sich – leider – verstärkt gegen Angriffe rüsten. Das ist der Gefährdung durch radikalisierte Täter geschuldet, dem Reichsbürgertum, aber auch der Tatsache, dass der Bürger die polizeiliche Arbeit kritischer hinterfragt und eher geneigt ist, sich gegen Maßnahmen auch mit unzulässigen Mitteln zu wehren, wenn sie seiner Ansicht nach ungerechtfertigt sind. Polizeibeamte werden in Teilen der Gesellschaft und situativ nicht mehr nur als „Freund und Helfer“, sondern vielmehr als Gegner wahrgenommen.

Deshalb wurde die Schutz- und Einsatzausstattung auch der Polizisten der PI Göttingen angepasst, reicht von (schweren) Schusswesten über Einsatzhelm und Einsatzmehrzweckstock bis hin zum Reizstoffsprühgerät und den Waffen. Mit welchen Dingen ein Polizeibeamter heute ausgerüstet ist, was er im Einsatzfall tragen muss, auch davon können sich die Bürgermeister überzeugen.

Ein abschließender Satz von Uwe Lührig dazu: „Die Sicherheit und die gesundheitliche Integrität unserer Kolleginnen und Kollegen in den Einsatz- und Streifendiensten und den Ermittlungsbereichen hat oberste Priorität. Die aktuellen Entwicklungen zum Terrorismus oder zu anderen Lagen mit einer besonderen Eigengefährdung haben dazu geführt, dass wir zum Schutz der eingesetzten Kräfte in modernste Ausstattung investiert haben. Wir wissen auch im polizeilichen Alltag nie, was auf uns zukommt. Parallel dazu führen wir eine praxisnahe Fortbildung durch. So erhöhen wir die Handlungskompetenz und die Sicherheit beim Einschreiten. Nicht jede Lage kann über Kommunikation gelöst werden, leider“. (bs)

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