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Samstag, 06. März 2021

Ein Gymnasium als Vagabund

Der aktuell geplante Schul-Ringtausch greift in mancher Hinsicht alte Traditionen wieder auf

Kreis Holzminden (26.11.18). Mit der Gründung der Amelungsborner Kloster-Schule im Jahr 1569 begann die Geschichte des Campe-Gymnasiums. Herzog Julius von Braunschweig ging es um die qualifizierte Förderung des Theologienachwuchses, genau wie an den Universitäten und gelehrten Schulen seit der frühen Neuzeit.  200 Jahre lang etablierte sich so eine kleine renommierte Lateinschule auf dem Odfeld.

"Die Stadt gibt dazu sehr wenig und das Closter sehr viel."

Herzog Julius von Braunschweig

Gründer der Amelungsborner Kloster-Schule

Der Siebenjährige Krieg war Anlass für den Herzog von Braunschweig, Carl I., die Schule zu bewahren und in die Stadt Holzminden zu verlegen. Im Zug der Aufklärung hatte er schon länger beabsichtigt, die Elitenbildung für Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft zu fördern. Er hielt daher die  Zusammenlegung der Klosterschule mit der im Gebäude am Kirchplatz 11 untergebrachten kleinen städtischen Höheren Schule für Jungen für eine ausgezeichnete Idee, bekam aber für sein Vorhaben von der Stadt kaum Unterstützung. Schon 1749 musste er entnervt feststellen: „Die Stadt gibt dazu sehr wenig und das Closter sehr viel, es ist und bleibt eine Closter-Schule.“

Unbeirrt kaufte er dennoch den Mansberg’schen Hof an der Uferstraße,  ließ die wertvolle Klosterbibliothek dorthin verbringen und bestellte die Lehrer. 1760 war es dann so weit: Die neue „Herzogliche Kloster- und Stadtschule“ in Holzminden nahm ihre erfolgreiche Arbeit auf. Wegen hoher Schülerzahlen, einhergehend mit Platzmangel, und auch zunehmenden Verfalls des Schulgebäudes wurde etwa 60 Jahre später der Mansberg‘sche Hof in der Uferstraße abgerissen und 1826 an seiner Stelle ein klassizistischer Neubau erbaut  (unter Bauleitung des Altschülers, des späteren Baugewerkschul-Gründers Haarmann und dessen Vater! Heute befindet sich dort die „Schule an der Weser“) mit der Inschrift über dem Portal „DEO ET LITTERIS“, „für Gott und die Wissenschaften“. Zu dieser Zeit hatte die Schule etwa 200 Schüler.

Sechzig Jahre später platzte die erfolgreiche Schule erneut aus allen Nähten und hatte einen erheblichen Sanierungsbedarf – ein Neubau sollte her.

Bis es dazu kommen konnte, waren allerdings viele Verhandlungen und Schreiben der Schulleitung an die „Oberschul-Commission“ notwendig. Der Finanzausschuss rechnete der Schule „in der äußersten Ecke des Herzogthums“ 1889 vor, sie werde „stets das am wenigsten besuchte unter den Gymnasien des Herzogthums“ sein und sie sei deshalb für maximal 220 Schüler und im einfachen Stil eines Industriegebäudes neu zu bauen. 1894 war es dann soweit – der Schulneubau in der Wilhelmstraße, der heutige Altbau, wurde eingeweiht.  Den Leitspruch aus der Uferstraße DEO ET LITTERIS hatte man mitgenommen und um PATRIAE,  für das Vaterland, ergänzt, entsprechend dem deutschnationalen Zeitgeist und Bildungsauftrag im Kaiserreich.

„Schule unterwegs“

Vermutlich waren wir jetzt schon zu lange an demselben Ort: Für das Jahr 2021 steht wieder ein Umzug an – dieses Mal an die Peripherie der Stadt in die Gebäude des Schulzentrums – ehemals Standort des Mädchengymnasiums. Und das hatte ein viel umfangreicheres Vagabunden-Dasein bis zur Zusammenlegung mit dem Jungengymnasium, weshalb die Autorin Käthe Neumann 1990 ihrem Buch über die Höhere Mädchenschule den vielsagenden Titel „Schule unterwegs“ gab.

Noch privat organisiert (erst ab 1908 dann öffentliche  „Städtische höhere Mädchenschule“), zogen Schülerinnen und Lehrerinnen 1896 in das frei gewordene Schulgebäude an der Uferstraße. Dass sich dieses in einem Zustand befand, der sich nicht mehr für einen Schulbetrieb eignete – siehe oben – störte offenbar nicht so sehr, so gab es einige Umbaumaßnahmen und los ging‘s mit dem Unterricht.

Später wurde die  Mädchenschule zehn Jahre lang in einem Teil  des Gebäudes der „Bürgerschule“ an der Karlstraße untergebracht, danach folgte eine regelrechte Odyssee mit verschiedenen Standortwechseln innerhalb der Stadt, bis die Schule vorübergehend im Kasernengebäude Am Grimmenstein eingerichtet werden konnte.

1931 musste die Schule erneut umziehen  –  zurück in das alte Gebäude in der Uferstraße! Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Schulgebäude von der Wehrmacht  beschlagnahmt; das Mädchengymnasium erhielt erneut  „Asyl“  in Räumen der „Bürgerschule“ und in der „Schule an den Teichen“, im Gemeindehaus der Pauli-Kirche und der Lutherkirche, im Gebäude der „Oberschule für Jungen“ an der Wilhelmstraße sowie in Räumen der Baugewerkschule am Haarmannplatz. Die Lehrerinnen liefen kreuz und quer durch die Stadt, um zu ihren Klassen zu gelangen. 1945 zog die Schule dann zum dritten Mal in ihr Gebäude in der Uferstraße zurück und blieb dort 22 Jahre. Die hohen Anmeldezahlen und die räumliche Enge führten dazu, dass ab 1963 ein Neubau geplant wurde und 1967 das Mädchengymnasium in sein neues Domizil an der Liebigstraße umziehen konnte. Am 1. August 1990 kam es wegen zurückgehender Schülerzahlen im Gymnasium Liebigstraße zur Zusammenlegung der beiden Gymnasien am Standort Wilhelmstraße. Die gelungene Wahl eines identitätsstiftenden Schulnamens – Campe-Gymnasium –   sollte die Konflikte dieses Prozesses abmildern und der neuen Schule eine Richtung weisen. Joachim Heinrich Campe aus Deensen hatte nämlich als einer der ersten Schüler von 1760 bis 1765 die „Herzogliche  Kloster-  und Stadtschule“ in Holzminden besucht und war später als aufklärerischer Bildungsreformer, Sprachwissenschaftler, Gründer eines Schulbuchverlags und Jugendbuchverleger bekannt geworden.

Seit 2009 hat es wegen des erheblichen Sanierungsbedarfs der Schulgebäude einige nicht umgesetzte Kreistagsbeschlüsse zur Sanierung und/oder Neubau am Standort gegeben. Das alte ehrwürdige Gebäude mitsamt seinen Anbauten ist mittlerweile sehr heruntergekommen und in einem äußerst unwürdigen und bedauernswerten Zustand. Das Zauberwort des Landkreises seit 2016 lautet nun: Schulringtausch! Zwei Schulen sollen 2021 zeitgleich ihre Gebäude tauschen, die Oberschule zieht aus dem Schulzentrum an den Standort Billerbeck in einen Neubau, alle jetzigen Campe-Gebäude sollen abgerissen werden. Das Gymnasium wechselt dann in die renovierten Gebäude an der Liebigstraße – was die zweitbeste Lösung ist. (Jette Piper)

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