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Mittwoch, 24. Februar 2021

2018-12 Als der Winter plötzlich eiskalt zuschlug

Auch in der regionalen Wetterhistorie ragt der Jahreswechsel 1978/79 heraus

Kreis Holzminden (31.12.18). Vor 40 Jahren, zum  Jahreswechsel 1978/79, legte einer der extremsten Wintereinbrüche seit Aufzeichnungsbeginn das öffentliche Leben im Norden und Osten der damals zwei Republiken tagelang lahm, anhaltende Schneestürme sorgten für Katastrophenalarm und forderten mehrere Menschenleben.  Auch wenn unsere Region von diesen Auswüchsen verschont blieb, notierten auch die lokalen Wetterbeobachter einen markanten Temperatursturz am Tag vor Silvester und kräftige Schneefälle, die den Auftakt zu einer der längsten Schneedecken in der Region bilden sollten: Über zwei Monate blieb es im Wesertal damals weiß, im Solling sogar fast drei Monate bis Ende März.

Blicken wir zunächst auf den Verlauf des Dezembers 1978 zurück: Wenige Wochen zuvor hatte die Wetterstation Holzminden in Diensten des Deutschen Wetterdienstes DWD nach fünfmonatiger Unterbrechung zum 1. November ihren Betrieb am neuen Standort im Süden der Stadt am Bergblick auf 128 m Höhe aufgenommen, ehrenamtlicher Beobachter war bis zur Schließung Ende Juli 1991 nun Martin Bleicher.

Im Verlauf des Dezembers konnte er deutlich schwankende Temperaturen notieren, auf eine erste frostige Phase um Nikolaus folgte eine deutliche Milderung und ein erneuter Wintervorstoß mit Schnee und Frost ab Monatsmitte, bevor der Witterungsregelfall Weinachtstauwetter die dünne Schneedecke pünktlich zu Heilig Abend beseitigte und die Temperaturen nach den Feiertagen auf über zehn Grad anstiegen ließ. Auch im Solling musste der Schnee zu Weihnachten weichen, anschließend wurde es bis zu acht Grad mild.

Für die dortige Kurklimastation im DWD beobachtete damals Felicitas Steingaß das Wetter in Neuhaus, wo ebenso wie in den tieferen Lagen ergiebige Regenfälle registriert wurden. Auch die nächtlichen Tiefstwerte lagen deutlich über dem Gefrierpunkt in jenen Tagen.

Doch abseits des Geschehens vor Ort hatte im Norden und Nordosten Europas bereits eine Entwicklung eingesetzt, die die entscheidenden Weichen für die nachfolgenden Tage stellte: Von der Barentssee erstreckte sich eine kräftige Kaltluftzunge bis nach Jütland, eine scharfe Luftmassengrenze über der südlichen Ostsee trennte diese eisige Arktikluft mit Temperaturen von bis zu unter -30 °C im Norden Skandinaviens und Russlands von subtropischen Luftmassen über weiten Teilen Mitteleuropas. Nicht nur die Temperatur-, sondern auch die Luftdruckgegensätze waren dabei markant ausgeprägt und sorgten für die nachfolgende verheerende Sturmentwicklung.

Der Ablauf „zwischen den Jahren“ liest sich auch 40 Jahre später noch wie ein Wetterkrimi:

Am 28.12. setzt in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern Schneefall ein, die Temperaturen sinken dort rasch in den Frostbereich, während bei uns noch über zehn Grad gemessen werden. Der eisige Wind aus Nordost erreicht im Norden und Osten bereits Sturmstärke, die Schneeverwehungen schneiden ab 29.12. ganze Ortschaften von der Außenwelt ab, Die Ostsee vor Sassnitz friert innerhalb weniger Stunden vollständig zu, gleichzeitig bildet sich ein seltenes Ostseesturmhochwasser, in Ostholstein werden Schneehöhen bis 70 cm gemessen. Die Kaltfront mit der Luftmassengrenze kommt aber zunächst kaum nach Süden voran. Zum Mittag des 29. erreicht die Frostgrenze Hannover, in Holzminden hingegen wird an diesem Tag mit 10,9 °C der höchste Wert des gesamten Monats gemessen, dazu schüttet es wie aus Eimern.

24 Stunden später hat die Kaltluft den Kampf gegen die Warmluft im Landkreis gewonnen: Die Temperaturen rauschen nun auch in unserer Region in den Keller und der Regen geht in Schneefall über. Am Morgen werden in Holzminden noch knapp drei Grad plus gemessen, im Laufe des Vormittags sinkt das Quecksilber unter den Gefrierpunkt und am späten Abend herrscht mit -13 Grad bereits strenger Frost. Zu Silvester wacht der Landkreis in einer tiefverschneiten Landschaft auf, 16 cm notiert Beobachter Bleicher in Holzminden, 20 cm sind es in Neuhaus. Es herrscht strenger Dauerfrost, die Höchstwerte am letzten Tag des Jahres betragen -11,4 °C in Holzminden und -12,4 °C in Neuhaus. Die Luftmassengrenze liegt am Silvestermorgen mittlerweile nördlich von Frankfurt: Während Gießen -8 Grad meldet, sind es auf dem Kleinen Feldberg im Taunus auf über 800 m Höhe noch + 3 Grad – und sechs Stunden später dann -11,2 °C.

In der Neujahrsnacht herrscht verbreitet sehr strenger Frost von teilweise unter -20 Grad in Deutschland, in Holzminden sind es fast -18 und in Neuhaus sogar -22 Grad. Nur gen Alpenrand und Bodensee halten sich noch letzte Reste der wärmeren Luft für ein paar Stunden, und ganz im Norden ist es etwas weniger kalt – dort allerdings wütet der Schneesturm weiter, erst im Laufe des Neujahrtages setzt langsame Wetterberuhigung ein. Das ganze Ausmaß der Schäden im Norden der Bundesrepublik wird erst Tage und Wochen später erkennbar, im Nordosten verhindert die Staatsführung der DDR bis zur Wende, dass eine breitere Öffentlichkeit von der Katastrophe und dem Zusammenbruch der Infrastruktur erfährt. Mindestens 22 Menschen verlieren in Ost und West ihr Leben.

Ein langjähriger Wetterbeobachter des DWD schreibt später in einem Rückblick von einem „Blizzard nordamerikanischen Ausmaßes“. Und der Winter schlägt nach vorübergehender Beruhigung erneut zu: Mit einem ähnlichen Wetterlagenablauf im Februar, der erneut zu Katastrophenalarm auch in Teilen Niedersachsens führt, und nochmals im März, allerdings nicht mehr so ausgeprägt.

Angesichts des Verlaufs weiter nördlich kam unsere Region letztlich glimpflich davon. Doch auch hier stand eines der extremsten Winterereignisse seit Messbeginn zu Buche. Die Schneedecke erreichte in Holzminden bis Mitte Januar mit bis zu 49 cm den bis heutige gültigen Rekordwert, in Neuhaus wurden mit bis zu 51 cm zwar keine Rekorde aufgestellt, dort hielten sich aber über 40 cm bis Anfang März und erst am 25.03. wurde erstmals kein Schnee mehr gemeldet; in Holzminden war dies 20 Tage früher der Fall. Doch auch in der Kreisstadt findet sich nur eine noch länger anhaltende Schneedecke seit Wiederaufnahme der Messungen nach dem Krieg: Im Strengwinter 1962/1963 waren es noch elf Tage mehr, allerdings nehmen sich die Mengen mit maximal 19 cm im Vergleich zu 1979 doch recht bescheiden aus.

Vor dem Hintergrund der Extremwetterlage vor 40 Jahren liest sich die weitere lokale Wetterstatistik zu Silvester und Neujahr deutlich unspektakulärer, dennoch soll noch kurz an weitere Jahreswechsel erinnert werden: Am längsten zurück reichen die täglichen Beobachtungen in Torfhaus, wo von 1937 bis 1966 an der Revierförsterei gemessen wurde. Dort waren bis Mitte der 1950er Jahre schneefreie Tage zum Jahreswechsel die Ausnahme, Schneehöhen über 20 cm hingegen keine Seltenheit, am meisten lag am Neujahrsmorgen des strengen Kriegswinters 1941 mit 65 cm.

1951 setzten die täglichen Beobachtungen in Holzminden ein, manchmal war es grün zum Jahreswechsel, manchmal lag Schnee, aber meist nur wenige Zentimeter. Erstmals zweistellig wurde es am Neujahrsmorgen 1970 mit elf Zentimetern, der Winter 1969/70 war ungewöhnlich lang und schneereich selbst im Wesertal, er zog sich bis weit in den März und ist der bis heute drittkälteste Nachkriegswinter der Region – hinter den Strengwintern 1946/47 und 1962/63, aber vor dem Winter 1978/79.

Nach Mitte der 80er Jahre nahmen die Fälle von Schnee am Neujahrsmorgen in den Niederungen der Region deutlich ab, mit einem vorübergehenden Anstieg um die Jahrtausendwende. Betrachtet man alle Fälle seit Messbeginn, so finden sich in fast 50% der Fälle Schnee zu Neujahr im Hochsolling und zu knapp 30% in Holzminden und Bevern – Tendenz der letzten 30 Jahre klar abnehmend.  Der letzte weiße Start ins neue Jahr liegt mittlerweile wie auch das letzte weiße Weihnachtsfest bereits acht Jahre zurück.

Und zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Artikels deutet nichts darauf hin, dass sich daran zu Neujahr 2019 etwas ändert. (Jürgen Höneke)

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