Sonntag, 20. Oktober 2019

Über die Wahrheit

Von den Lügen, die gesellschaftsfähig geworden zu sein scheinen

Kreis Holzminden (18.02.19). Die Zeitschrift Washington Post hat in einer umfassenden Datenanalyse untersucht, in welchem Umfang der amerikanische Präsident lügt. Im Juni und Juli letzten Jahres kam er auf knapp 1.000 Lügen. Offensichtlich stört dies seine Anhänger nicht oder nur wenig. Es erscheint schon sehr erstaunlich, dass jemand mit diesen Qualitäten nicht nur zum mächtigsten Mann der Welt aufsteigen konnte, sondern sich auch in dieser Position halten kann. Er selbst geißelt unliebsame Nachrichten als Fake News. „Lügenpresse“ ist nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland zu einem polemischen Schimpfwort für freie und liberale Medien geworden. Der Begriff hat es sogar zum Unwort des Jahres 2014 geschafft. In dieser Situation macht es Sinn, sich einmal vertieft mit dem Thema Wahrheit zu befassen.

Im Duden wird Wahrheit folgendermaßen definiert:

– das Wahrsein; die Übereinstimmung einer Aussage mit der Sache, über die sie gemacht wird; Richtigkeit

– wirklicher, wahrer Sachverhalt, Tatbestand

Diese Definition kann allerdings die Tiefe und Komplexität, die dem Begriff anhaftet, nicht annähernd ausdrücken.

Ob ein Sachverhalt wahr ist oder nicht, kann dabei von existentieller Bedeutung sein. Daher hat die Evolution uns Menschen mit Werkzeugen ausgestattet, die es uns unbewusst ermöglichen, Wahrheit und Lüge unterscheiden zu können. Das funktioniert auch vielfach ganz gut, leider bei weitem nicht immer. Die gleichen Fähigkeiten setzen wir nämlich auch manchmal bewusst ein, um unsere Umgebung zu täuschen. So stehen wir immer wieder erneut vor der Frage, unseren Mitmenschen zu glauben oder nicht.

Dass das Thema seit jeher die Menschen bewegt, wird besonders deutlich an Aussagen bekannter Persönlichkeiten, die schlaglichtartig einige Aspekte verdeutlichen:

• „Ich unterscheide drei Stufen der Wahrheit: die einfache Wahrheit, die reine Wahrheit und die lautere Wahrheit (Konrad Adenauer)“. Adenauer unterschied nach Publikum, für wen welche Wahrheit gedacht war.

• Zwei Wahrheiten können sich nie widersprechen (Galileo Galilei). Fakten und alternative Fakten können nicht gleichzeitig gelten.

• Genauigkeit ist noch lange nicht die Wahrheit (Henri Matisse). 2,000 + 2,000 = 5,000 ist immer noch nicht wahr.

• Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben (Andre Gide). Gefährlich sind Ideologien und von ihnen geleitete Menschen, die von einfachen Glaubenssätzen ausgehen,  diese mit großem Eifer verkünden und anderen aufzwingen wollen.

• Es gibt drei Arten von Lügen: Lügen, verdammte Lügen und Statistiken (Benjamin Disraeli). Statistiken sind wertvolle Instrumente – sie lügen allerdings nur, wenn die Basis der zugrunde liegenden Daten und/oder die Auswertung fehlerhaft sind.

• Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd (Otto von Bismarck).

• Die Lüge ist wie ein Schneeball: Je länger man ihn wälzt, desto größer wird er (Martin Luther).

• Tatsachen muss man kennen, bevor man sie verdrehen kann (Marc Twain).

• Jeder meint, dass seine Wirklichkeit die richtige Wirklichkeit ist (Hilde Domin). Wir konstruieren uns die Welt in unserem Kopf. Der Wert von Augenzeugenberichten wird daher von Kriminalisten immer mehr in Zweifel gezogen.

Ein eigenes Kapitel sind Lügen in der Politik. „Fake News“ werden gezielt zur Desinformation eingesetzt. 89 Prozent der Teilnehmer einer Umfrage in Deutschland glauben, dass „Fake News zur Diskriminierung von Gruppen führen können“ und 83 Prozent glauben, dass durch „Fake News  Wahlen beeinflusst werden können“ (Quelle: You Gov , 2017).

Bedeutung des Kontextes

Wahrheit ist nicht gleich Wahrheit. Es kommt darauf an, in welchem Zusammenhang der Begriff gebraucht wird. So kommt die Lüge als Gegenpol der Wahrheit in ganz unterschiedlicher Nuancierung daher, als Täuschung, Desinformation, Alternative Fakten, Hoax oder Fake News. Auch in unterschiedlichen Disziplinen werden ganz verschiedene Definitionen für den Begriff Wahrheit gebraucht. Hier eine kleine, stark vereinfachte Auswahl:

• Mathematik: Die Aussage 2 + 2 = 4 ist unmittelbar einleuchtend, beruht aber auf Axiomen – das sind nicht beweisbare, aber plausible Grundsätze, in diesem Fall die Existenz der natürlichen Zahlen und dass auf die Zahl n immer eine Zahl n+1 folgt. Kompliziertere Aussagen lassen sich beweisen und sind dann „wahr“.

• Naturwissenschaften: Eine Theorie gilt als wahr, wenn sie mit dem Experiment oder den Beobachtungen in der Natur übereinstimmt. Eine bessere Theorie macht eine weniger gute obsolet.

• Jura: Ein Sachverhalt ist wahr, wenn es Beweise gibt.

• Medizin: Die Wirksamkeit eines Medikamentes ist durch das Evidenzprinzip belegt, zum Beispiel durch einen Doppel-Blind-Versuch mit korrekter statistischer Auswertung.

• Religion: Der Glauben entspricht für den Gläubigen der absoluten Wahrheit, die von einem höheren Wesen offenbart wurde.

Bedeutung der Komplexität

Die Welt ist unendlich komplex. Da verwundert es nicht, dass es in komplexen Systemen schwierig ist zu unterscheiden, ob Sachverhalte wahr oder falsch sind. Einige Beispiele:

Klimawandel: Die Simulation der physikalischen Zusammenhänge über lange Zeiträume und vielen Einflussfaktoren ist mit Unsicherheiten behaftet, so dass die anthropogenen Ursachen nur als wahrscheinlich eingestuft werden können.

Der menschliche Organismus: Warum wir beispielsweise krank werden oder nicht, lässt sich nicht vorhersagen, allenfalls Risikofaktoren können benannt werden.

Ökosysteme: Wie sich Ökosysteme entwickeln, wenn das Gleichgewicht verschoben wird, lässt sich vielfach nicht vorhersagen. Die Auswirkungen eingeschleppter fremder Tier- und Pflanzenarten sind nicht kalkulierbar.

Ökonomische Systeme: Keine Theorie konnte die bisherigen Wirtschaftskrisen vorhersagen. 

Turbulenz: Die Vorgänge bei turbulenter Strömung können bis heute nur näherungsweise beschrieben werden.

Wetter: Vorhersagen sind zwar besser geworden, Voraussagen für Wochen nach wie vor sehr unsicher.

Quantenphysik: Je tiefer wir in die Welt der kleinsten Abmessungen vorstoßen, desto mehr stößt unser Verstand an Grenzen. Er hat sich so entwickelt, dass wir unsere unmittelbare Umwelt begreifen können. Wir können die Vorgänge zwar mathematisch beschreiben, sie verschließen sich jedoch unserem Gefühl der Plausibilität. Sie sind wahr, aber nicht begreifbar, was eine völlig neue Erfahrung für uns Menschen war und ist.

Selbst für Experten ist daher die Wahrheitsfindung äußerst problematisch, ja manchmal sogar unmöglich. Umso mehr sind daher einfache Wahrheiten bei komplexen Zusammenhängen suspekt.

Wahrheit als Thema der Philosophie

Wie bereits an den Ausführungen in „Kontext“ und „Komplexität“ deutlich wurde, hängt die Definition des Begriffes „Wahrheit“ vom Zusammenhang ab, in dem er gebraucht wird. Am leichtesten ist der Begriff in der sogenannten Korrespondenztheorie dem philosophischen Laien zugänglich. Bereits Aristoteles, Thomas von Aquin und Kant haben sich mit dem Thema befasst. Die praktisch einleuchtende Definition geht von Wahrheit aus, wenn die gedankliche Vorstellung mit der Realität übereinstimmt.

Beide Seiten der Gleichung „Gedankliche Vorstellung“  = „Realität“ stehen allerdings auf schwachen Beinen. Unsere gedankliche Vorstellung ist nicht präzise, darüber hinaus ist sie noch nicht einmal konstant. Unser Gedächtnis, eine wesentliche Stütze der Vorstellung, verändert sich bei jeder Anwendung. So war früher in unserer Vorstellung alles besser. Zeugenaussagen sind nicht verlässlich, durch einen geschickten Verhörspezialisten können sie manipuliert werden. Aber auch der vermeintlich sichere Boden der Realität ist fragwürdig. Wenn unser Verstand begrenzt ist, können wir die Realität nicht oder nur annähernd begreifen. Wir wissen noch nicht einmal, was Realität überhaupt ist. Das ist die Position des Skeptizismus, die uns im Alltag aber auch nicht unbedingt weiter hilft.

Am deutlichsten wird dies in den Naturwissenschaften: Wir versuchen, die Phänomene unserer Umwelt durch Theorien immer besser zu beschreiben, wohl wissend, dass auch unsere besten Theorien nur Annäherungen sind. Selbst die Sprache ist nach Nietzsche nicht wahrhaftig, da Worte die Realität auch nur unvollkommen beschreiben können.

Sind Lügen strafbar?

Im täglichen Leben sind Lügen nicht strafbar. Vor Gericht darf ein Angeklagter als Selbstschutz lügen, ein Zeuge allerdings nicht. Auch in Bewerbungsgesprächen darf gelogen werden, beispielsweise zu Fragen nach einer bestehenden Schwangerschaft.

Markante Beispiele des Missbrauches der Wahrheit

So wird und hat uns die Lüge als Antipode der Wahrheit schon immer begleitet. Im Folgenden sind ein paar besonders hervorstechende Fälle beschrieben. Die Auflistung ist absolut willkürlich und könnte beliebig erweitert werden.

– Die Konstantinische Fälschung: Nach einer Urkunde aus dem Jahr 800 schenkte  Kaiser Konstantin im vierten Jahrhundert nach Christus die Oberherrschaft über die Westhälfte des damaligen Römischen Reiches mit Rom und Italien sowie über den Rest der Welt an den damaligen Papst Silvester I. Die Urkunde war gefälscht, aber überaus nützlich im Kampf der Kirche um die weltliche Herrschaft. Der Zweck heiligte die Mittel.

– Der Bau der Berliner Mauer: Am 15. Juni 1961 verkündete Walter Ulbricht auf eine Frage einer westdeutschen Journalistin auf einer Pressekonferenz: „Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Mir ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft dafür voll ausgenutzt wird, voll eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“.

Am 13. August 1961 wurde mit dem Bau der Mauer begonnen.

– Die Hitler-Tagebücher: Die Zeitschrift „Stern“ erwarb 1983 für 9,3 Millionen D-Mark angebliche Hitler-Tagebücher. Man veröffentlichte bereits Teile davon, bevor das Ergebnis einer Echtheitsprüfung des Bundeskriminalamtes vorlag. Die Tagebücher erwiesen sich eindeutig als Fälschung.

– Der österreichische Weinskandal: 1985 wurde aufgedeckt, dass viele Weine aus Österreich mit dem als Frostschutzmittel bekannten Diethylenglykol versetzt waren. Durch unzulässigen Verschnitt waren in der Folge auch einige deutsche Weine betroffen. Die Chemikalie täuscht mehr Körper und Süße vor, so dass auch minderwertige Qualitäten aufgehübscht werden konnten. Offensichtlich wurde in großem Stil gefälscht.  Nach der Aufdeckung brach der Export aus Österreich für einige Jahre zusammen. Heute hat Österreich eines der strengsten Weingesetze.

– Die Clinton-Lewinsky-Affaire: In einer Pressekonferenz im Januar 1998 erklärte Bill Clinton:“ ...I did not have sexual relations with that woman, Miss Lewinsky...“

Im August 1998 musste Clinton zugeben: „...Indeed, I did have a relationship with Miss Lewinsky that was not appropriate. In fact, it was wrong. It constituted a critical lapse in judgment and a personal failure on my part for which I am solely and completely responsible...“.

Offensichtlich galt ihm Oralsex nicht als ein sexuelles Verhältnis. – Die Amtseinführung von Donald Trump: Präsident Trump ließ durch seinen ehemaligen Sprecher Spicer verkünden „Die größte Zuschauerzahl, die jemals einer Amtseinführung beigewohnt hat.“ Konfrontiert mit dem klaren Bildbeweis zwischen der Einführung von Barack Obama im Jahr 2009 und Trump 2017, bemühte seine Beraterin Conway „Alternative Fakten“.  Das ist der Klassiker der Lüge, den schon Galileo formulierte (siehe oben): „Zwei Wahrheiten können sich nie wiedersprechen“.

Ausblick

Die stete Frage „Ist es wahr?“ ist von größter Bedeutung, sei es im privaten Umfeld oder in der Politik. Daher ist eine kritische Sicht auf unsere Umwelt angebracht. Wissen ist besser als glauben, auch wenn unser Wissen, unsere Erkenntnis, begrenzt ist. „Sapere aude – habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ war der Leitspruch der Aufklärung (Kant, 1784). Um Lügen zu erkennen, bedarf es eines gewissen gedanklichen Aufwandes. Unser Gehirn analysiert permanent ankommende Aussagen, hierzu ist jedoch ein gewisser Energie- und Zeitaufwand erforderlich. Werden Lügen vielfach wiederholt, so tritt ein Gewöhnungseffekt auf. Vielleicht ist es doch wahr? Dieser Mechanismus ist umso stärker, wenn die Lüge aus angeblich kompetentem Mund kommt und man auch noch gerne an sie glauben möchte. Was wappnet unsere Gesellschaft gegen Lügen? Wir müssen Lügen erkennen können. Hierzu ist ein wacher Verstand und eine ausreichende Bildung erforderlich. Der Schlüssel zur Wahrheitsfindung liegt daher in der Erziehung zu kritischem geistes- und naturwissenschaftlichem Denken. Bildung bedeutet etwas zu kennen und zu können, nicht zuletzt kritisches Denken. Wir sind damit eher in der Lage, Lüge von Wahrheit zu trennen. (Dr. Norbert Kalkert)