Montag, 21. Oktober 2019

Das Bauhaus lebt (auch) im Kreis Holzminden

Im Kragstuhlmuseum in Lauenförde erscheinen Gropius und Breuer ganz nah

Lauenförde (04.03.19). Ein Jubiläum, an dem im Jahr 2019 wohl kaum jemand vorbeikommt, ist die Gründung des Staatlichen Bauhauses vor 100 Jahren. Selbst wer sich nicht aktiv mit dem Bauhaus, seinen namhaften Gründern und Schülern auseinandersetzt, hat doch zumindest schon einmal von der Weimarer/Dessauer Kunstschule gehört, die bis heute die moderne Architektur, moderne Kunst und modernes Design prägt wie keine andere Strömung. Den Blick auf das Bauhaus zu richten ist wegen der Bestehenszeit der Schule (1919 bis 1933) spannend und beeindruckt allein wegen der revolutionären und dauerhaften Wirkung, die von einer Einrichtung ausging, die lediglich 14 Jahre bestand. Außerordentlich interessant ist das Jubiläum für die Region Südniedersachsen aber deshalb, weil ein lebendiges Stück Bauhaus im Landkreis Holzminden lebt.

Die Firma Tecta mit Sitz in Lauenförde ist (nach eigenen Angaben) der größte Anbieter von Original-Bauhaus-Modellen und verfügt über 30 lizensierte Entwürfe für Stühle, Tische, Sessel und Sofas, die originalgetreu gebaut und als Bauhaus-Reeditionen verkauft werden.

Tecta steht aber auch für Innovation und das lebendige Bauhaus, denn das Unternehmen denkt die Modelle weiter und entwickelt stetig neue, zeitlose Möbel, inspiriert von den Ideen der Bauhaus-Designer.

Ein Gedanke, der die Künstler wie Walter Gropius, Marcel Breuer und Mart Stam, die untrennbar mit dem Bauhaus verbunden sind, faszinierte und in ihrem Schaffen antrieb, war der, die Schwerkraft der Erde im (Möbel-)Design scheinbar zu überwinden. Aus dieser Idee, die sich später zum Jahrhundertthema der Kunst und Architektur entwickeln sollte, brachten die Bauhaus-Künstler in den 1920er-Jahren einen hinterbeinlosen Stuhl hervor, der Designgeschichte schrieb: der Kragstuhl. Sein Name und sein Konstrukt sind angelehnt an die Vorkragungen von Fachwerkhäusern, bei denen das Obergeschoss über das Erdgeschoss hervor“kragt“. Beim Kragstuhl ist es die Sitzfläche, die durch das Fehlen von Hinterbeinen wie schwerelos erscheint.

Zwar optisch schwebend, waren die ersten Kragstühle in ihrer Konstruktion doch immer noch starr und unbeweglich. Die Weiterentwicklung des Kragstuhls ist der federnde Freischwinger, dessen Gerüst aus gebogenem Stahl geformt ist und ein leichtes Wippen des Stuhls erzeugt.

Wie die Entwicklung zu einem noch freieren, gleichsam schwebenden Sitzmöbel voranschritt, faszinierte auch Axel Bruchhäuser, der bis 2016 Geschäftsführer der Firma Tecta war.

Er sammelte Stühle und Sessel aus den vergangenen 100 Jahren, die die Genese vom Kragstuhl zum Freischwinger dokumentieren. Auf 3.000 Quadratmetern Fläche werden diese über 1.000 Sitzmöbel im Kragstuhlmuseum auf dem Gelände der Firma ausgestellt.

Beim Gang durch die Hallen sind es nicht nur Marcel Breuers zusammenklappbarer Stahlrohr-Klubsessel (D4) und Walter Gropius‘ Sessel für das Direktorenzimmer (F51), die den Geist der Bauhaus-Künstler erhaschen lassen. Es sind auch die Museumsgebäude, die – ganz im Sinne der Tecta-Möbelnovitäten – die Ideen der Künstler aufgreifen und an heutige Bedürfnisse anpassen. Das Museum ist vollständig verglast und kommt ohne weiße Wände aus. Durch die Licht- und Sichtdurchlässigkeit von innen nach außen und andersherum scheinen die Gebäude (fast) zu schweben und die Exponate in Bewegnung zu sein.

Das Raumgefühl ist durch die Wechselwirkung von Schlichtheit, Eleganz und modernem Stil im Inneren und beackerten Feldern draußen – ein Anblick, der vor 100 Jahren kaum ein anderer war – beeindruckend und inspirierend zugleich.

Da können Besucher schnell den Eindruck gewinnen, dass das Weserbergland genau der richtige Ort für gutes Design ist. (Berlind Brodthage)