Montag, 21. Oktober 2019

Deutlich mehr (Vor)Frühling als Winter

Der Februar 2019 brachte viel Sonne und außergewöhnliche Wärme zum Monatsende

Kreis Holzminden (11.03.19). Der dritte und letzte meteorologische Wintermonat geht als sonnig, trocken und sehr mild in die regionale Klimastatistik ein. Während es im Wesertal an der DWD-Station in Bevern der zehntwärmste Februar seit Messbeginn war, reichte es in der Hochsolling-Messreihe sogar zu Platz drei. Hauptverantwortlich dafür war die zweite Monatshälfte mit den beiden kräftigen und höhenwarmen Hochdruckgebieten Dorit und Frauke, die für viele Sonnenstunden und ungewöhnlich hohe Tagestemperaturen bis hin zu neuen Februarrekorden am 27. sorgten. Die Kehrseite der Medaille waren ein erneutes deutliches Niederschlagsdefizit und – zumindest aus Sicht von Winterfans – die fast durchgehende Abwesenheit von Winterwetter, die sich mit kurzer Unterbrechung in der letzten Januardekade durch die gesamte Jahreszeit zog. Lediglich zu Monatsbeginn fand sich in den höheren Lagen etwas Schnee, in den Niederungen hingegen beendete der komplett grüne Februar einen der drei schneeärmsten Winter seit Aufzeichnungsbeginn.

Mit einer Mitteltemperatur von 4,6 °C war es an der DWD-Station in Bevern im Februar 2019 um 2,8 Grad wärmer als im Durchschnitt der Jahre 1981-2010. Nach einem Start auf jahreszeitüblichem Niveau ging es zum Ende der ersten Woche vor allem mit den nächtlichen Tiefstwerten aufwärts. Frost spielte bis kurz vor Monatsmitte keine Rolle mehr und auch tagsüber war es relativ mild. Viele Wolken und wenig Sonnenschein hinterließen ein trübes Gesamtbild, das schon weite Teile der beiden Vormonate geprägt hatte. Der Spätwinter schien seinem Ende unentschlossen und unspektakulär entgegenzudümpeln und auch das Hochdruckgebiet Dorit, das zur Monatsmitte die Wetterregie in Mitteleuropa übernahm, schien eigentlich wenig geeignet, daran etwas zu ändern.

Zwar zeigten die einschlägigen Apps zu diesem Zeitpunkt viele sonnige Tage in den Vorhersagen, doch waren durchaus Zweifel angebracht: Erfahrungsgemäß unterschätzen diese vollautomatischen Vorhersagesysteme bei Hochdruckwetterlagen im Winterhalbjahr die Bewölkung häufig deutlich, da Prozesse in der Grundschicht und knapp darüber nur unzureichend abgebildet werden. Mit anderen Worten: Ein windschwaches, stationäres Hoch über Deutschland Mitte Februar führt üblicherweise zu einer kalten Grundschicht und einer kräftigen Bodeninversion, die zudem Nebel und Hochnebel gerade in Flusstälern begünstigt.

Doch davon war zur Überraschung vieler Beobachter diesmal nichts zu sehen: Zwar bildete tatsächlich eine Bodeninversion aus, sowohl unter Dorit als auch unter dem nachfolgenden Hoch Frauke, das sich nach kurzem Tiefdruckeinfluss ab 23.02. bei uns festsetzte, doch beschränkte sich diese auf leichten Nachtfrost und kalte Morgenstunden. Nebel blieb völlig aus und so schaffte es die Sonne ab den späten Vormittagsstunden auch die bodennahe Schicht deutlich zu erwärmen. Zwar wurde es mit Sonnenuntergang mess- und spürbar rasch deutlich kühler, dennoch sorgten die warmen Nachmittage zum Monatsende für einen in dieser Form zu dieser Jahreszeit in der Region bisher noch nicht beobachteten Temperaturverlauf: Tage mit Werten von über 15 Grad waren bisher im Februar Wetterlagen mit kräftiger Warmluftadvektion aus Südwesten oder Süden vorbehalten geblieben.

Ein Grund für die ungewöhnliche starke Erwärmung und vergleichsweise schwache nächtliche Abkühlung dürfte darin zu finden sein, dass große Landflächen Mitteleuropas abseits der Gebirgslagen schneefrei waren und so keine eigenständige Kaltluftproduktion in Gang gesetzt wurde, wie sie bei Winterhochs häufig auftritt. Dennoch bleibt unterm Strich neben einer Reihe von neuen Tageshöchstwertrekorden inklusive des neuen Monatsrekords von 18,5 °C vom 27.02. die Frage, wie es unter diesen Rahmenbedingungen so früh im Jahr so warm werden konnte, nur unzureichend geklärt. Auch die Wettervorhersagen, egal ob von Menschenhand oder aus dem Modellcomputer, lagen in diesen Tagen bei den Höchstwertprognosen regelmäßig um drei Grad zu niedrig.

Noch markanter fiel der Temperaturüberschuss im Hochsolling aus: An der privaten Station im Silberborner Kurgarten wurde nicht nur ebenfalls ein neuer Rekord mit 16,2 °C am 27.02. aufgestellt, hier war es sogar und nur ganz knapp hinter 1990 und 1998 der drittwärmste Februar seit Beginn der Solling-Messreihe im Jahr 1936. Zudem lag die mittlere Höchsttemperatur mit 7,7 °C so hoch wie nie zuvor in einem Februar. Die Monatstemperatur erreichte 3,8 °C und übertraf das 30-Jahres-Mittel von 1981-2010 um satte 4,0 Grad. Zwar fielen die Nachmittage höhenlagenbedingt nicht ganz so warm aus wie in den Niederungen, dafür gab es aber seltener Nachtfrost und die Erwärmung am Morgen und Vormittag ging schneller vonstatten als im Wesertal, wo die beschriebene Bodeninversion zu dieser Tageszeit noch wirksam war.

Die beiden Antizyklonen Dorit und Frauke (2019 tragen die Hochdruckgebiete weibliche Namen) sorgten zudem für einen neuen Sonnenscheinrekord in der zweiten Monatshälfte: Ab dem 15. Februar wurden 91 Stunden registriert – weit mehr als der langjährige Durchschnitt des Gesamtmonats von 68 Stunden. Zusammen mit den 22 Stunden der weitgehend trüben ersten Hälfte brachte es der Februar auf insgesamt 113 Stunden, das ergibt zwei Drittel mehr als im Klimamittel und den möglicherweise zweitsonnigsten Februar seit Messbeginn 1951 nach 2003. Möglicherweise deshalb, weil die Datenlage in der Region beim Sonnenschein nicht so belastbar ist wie bei Temperatur und Niederschlag. 1959, 1975 und 1985 finden sich ähnlich sonnige Februarwerte in der Umgebung wie in diesem Jahr.  Außergewöhnlich war zudem, dass es gleich neun Tage während der beiden Hochdruckphasen schafften, die astronomisch mögliche Sonnenscheindauer nahezu oder gar vollständig zu erreichen – die einzigen Wolken, die sich in diesen Tagen gelegentlich am Himmel herumtrieben, waren hohe dünne Schleierwolken (Cirren), durch die die Sonne noch gut hindurchscheinen konnte

Wo viel Sonne ist, da findet sich meist nur wenig Niederschlag – so auch in diesem Februar, der zwar nicht ganz so trocken abschloss wie sein Vorgänger 2018, aber dennoch die 30-Jahres-Mittel klar verfehlte. In Bevern kamen 25,1 mm bzw. 41,8% zusammen, in Silberborn waren es 30,7 mm bzw. 37,8%. Ein Großteil der Monatssumme entfiel dabei jeweils auf den 10.02. mit 17,5 mm in Bevern und 18,1 mm in Silberborn. Entsprechend hoch war die Anzahl der komplett trockenen Tage mit 18 bzw. 16.

Der Winter 2018/19 lässt sich wohl am einfachsten so zusammenfassen: Er bestand aus einem Dezember und einer ersten Januarhälfte auf durchschnittlichem Novemberniveau sowie einem Februar auf leicht überdurchschnittlichem Märzniveau, unterbrochen von einer zweiten Januarhälfte auf Januarniveau, die dann auch die wenigen wirklich winterlich anmutenden Tage mit etwas kräftigeren Frösten nachts, ein paar Tagen Dauerfrost auch in den Niederungen und einer Schneedecke in den höheren Lagen brachte. Dort konnte sich der Schnee zwar noch bis in die erste Februardekade halten, doch die Schneebilanz fiel auch im Hochsolling mit nur 25 Tagen und einer maximalen Höhe von acht Zentimetern klar unterdurchschnittlich aus. Das reichte für den einen oder anderen Spaziergang in weißer Landschaft und vereinzelt auch für eine Rodeltour, an das Spuren der Loipen war aber in diesem Winter nicht zu denken. Dennoch lesen sich die Werte aus dem Solling im Vergleich zum Wesertal geradezu üppig: An der Station in Bevern fiel der Winter in Sachen Schnee auf den 25. und 26. Januar und beschied sich mit jeweils einem einzigen Zentimeter Höhe. Seit 1951 liegen die entsprechenden Messungen in der Klimareihe Holzminden/Bevern vor, nur zweimal – 2007 und 2008 – gab es noch weniger Schneedeckentage. Auch die anderen Parameter wie Eistage und Kältesumme fielen in Bevern deutlich unterdurchschnittlich aus, während die Zahl der Frosttage aufgrund der vielen leichten Nachtfröste im Februar mit insgesamt 40 noch halbwegs im Bereich der langjährigen Mittelwerte landete. Diagramme zu diesen und weiteren Messwerten, die aus Platzgründen hier nicht gezeigt werden können, finden interessierte Leser auf der Internetseite wesersollingwetter.wordpress.com.

Genannt werden sollen an dieser Stelle aber natürlich noch die Bilanzen für Temperatur, Niederschlag und Sonnenschein: In Bevern waren es zwischen dem 1.12.2018 und 28.02.2019 (alle drei Monate werden trotz ihrer unterschiedlichen Anzahl an Tagen gleich gewichtet) 3,75 °C bzw. 2,0 Grad mehr als im Schnitt der Jahre 1981-2010, mit 230,8 mm fiel geringfügig mehr Niederschlag (+4,3%) und dank der außergewöhnlich sonnigen zweiten Februarhälfte gab es trotz der meist trüben ersten elf Wochen auch beim Sonnenschein mit 180 Stunden noch ein Plus von rund 23%. In Silberborn war es bei ähnlicher Sonnenbilanz mit 2,0 °C um 2,2 Grad wärmer als im Mittel von 1981-2010 und die Niederschlagssumme lag mit 352,1 mm um 16% höher. Dennoch dürfte der trockene Februar negative Folgen für die Erholung der strapazierten Wälder haben, zumindest dann, wenn das Frühjahr wie zuletzt häufig auch in diesem Jahr zu trocken ausfallen sollte. (Jürgen Höneke)