Mittwoch, 21. August 2019

Ein Schuss Frühsommer und eine Prise Spätwinter

Der April 2019 war recht warm, trocken und der zweitsonnigste seit Messbeginn

Kreis Holzminden (06.05.19). Der zweite meteorologische Frühlingsmonat glich bei den Temperaturen einer Achterbahnfahrt: Nach einem milden Start gab es bis zur Monatsmitte ein Auf und Ab zwischen wärmeren Abschnitten und empfindlichen Kälterückfällen, bevor sich nach Monatsmitte eine frühsommerliche Witterungsphase einstellte, die auch den ersten Sommertag mit sich brachte. Anschließend ging es mit Beginn der letzten Pentade wieder deutlich abwärts. Regen fiel dabei nur an neun Tagen und meist in unergiebiger Menge, so dass der April 2019 erneut als zu trockener Monat in die Statistik eingeht, während er sich beim Sonnenschein einen Spitzenplatz in der lokalen Klimareihe sicherte: Nur 2007 schien die Sonne noch länger. Damit fallen die drei sonnenscheinreichsten Exemplare seit Messbeginn 1951 in die letzten 13 Jahre. Vom sonnigen und trockenen Wetter profitierte auch das Holzmindener Kükenfest, das am 7. bei bis zu 20 Grad viele Besucher in die Innenstadt lockte – eine Woche später wäre bei maximal sieben Grad wieder warme Kleidung gefragt gewesen.

Mit einer Mitteltemperatur von 10,2 °C war es an der DWD-Station in Bevern im April 2019 um 1,3 Grad wärmer als im Durchschnitt der Jahre 1981-2010. Erstmals gab es damit eine Serie von 13 Monaten in Folge über dem langjährigen Mittelwert – dies gilt regional ebenso wie bundesweit. Bezogen nur auf den April fällt beim Blick in die Aufzeichnungen ab 1935 auf: ein ähnliches Temperaturniveau hatte es zuletzt vor 14 Jahren gegeben, seitdem gab es entweder Durchschnittskost nahe oder knapp unter dem langjährigen Klimawert oder aber markante Ausschläge nach oben mit dem vorläufigen Höhepunkt im Vorjahr, als mit 13,0 Grad sogar das mittlere Mai-Niveau übertroffen wurde. Zusammen mit 2005 und 1959 teilt sich der abgelaufene Monat den 13. Platz in der Rangliste der wärmsten Aprilmonate.

Ebenfalls bis 1935 geht die Messung der Niederschläge zurück, und da sieht es, wenn man nach Trockenheit sortiert, fast genauso aus: Mit 29,4 mm landet der April 2019 auf Platz 15. Gegenüber dem 30-Jahresmittel der Periode 1981-2010 ergibt sich ein Defizit von gut 40%, beim bisherigen Jahresniederschlag sind es rund 14% - für sich betrachtet sind diese Fehlmengen nicht besorgniserregend, im Zusammenspiel mit dem sehr trockenen Jahr 2018 und der bereits seit Mitte März andauernden erneuten Trockenheit würde sich die ohnehin schon angespannte Situation in der Natur allerdings weiter verschärfen, sollte auch der Mai mit Niederschlägen geizen. Dies lässt sich aber ebenso wenig seriös vorhersagen wie der weitere Verlauf im Sommer, auch wenn eine Reihe von Medien zuletzt eine Pressemitteilung des DWD, die sich lediglich in einem Szenario mit den Folgen einer möglichen anhaltenden Trockenheit beschäftigt hatte, genau dahingehend verzerrt wiedergegeben und Schlagzeilen vom drohenden Dürresommer produziert hatten. Die korrekte Aussage des DWD lautete: „Sollte die trockene Witterung in den kommenden Monaten anhalten, könnte sich die Dürre des Jahres 2018 wiederholen oder sogar übertroffen werden.“ Über die Eintreffwahrscheinlichkeit dieses Szenarios wurde hingegen keine Aussage getroffen.

Ebenso wenig ist natürlich darüber bekannt, wieviel Sonnenschein die kommenden Monate bringen werden – wohingegen feststeht, dass nur der April 2007 sonniger war als der 2019er, der mit gut 238 Stunden sein langjähriges Mittel um fast genau 50% übertraf. Dabei waren die wechselhaften ersten zwei Wochen noch durchschnittlich ausgefallen, bevor die Hochdruckgebiete Katharina und Leonore für eine außergewöhnlich beständige und sonnige Wetterlage sorgten, die über elf Tage hinweg anhalten sollte und oft Sonne pur brachte – bei zunächst noch verhaltenen, im Verlauf aber für acht Tage in Folge auf über 20 Grad ansteigenden Temperaturen inklusive des ersten meteorologischen Sommertags mit einem Höchstwert von 25,9 °C am 24.04. Gefühlt war es abseits geschützter Lagen und direkter Sonneneinstrahlung tagsüber ein Stück kühler, da ein böig auffrischender Ostwind und sehr trockene Kontinentalluft für ein gedämpftes Wärmeempfinden sorgten. Die Nächte blieben auch gemessen meist frisch mit Tiefstwerten im deutlich einstelligen Bereich und nur wenig über dem Gefrierpunkt am Boden.

Die nächtlichen bzw. morgendlichen Minima waren zuvor in den Tagen vor Monatsmitte verstärkt in den Fokus gerückt, als sich eine für die Jahreszeit sehr kalte Luftmasse von Nordosten her ausbreitete und bei längerem Aufklaren empfindliche Fröste drohten. Empfindlich deshalb, weil die Vegetation nach der langen milden Phase seit Februar bereits weit fortgeschritten war und viele Obstbäume ihre Blüten bereits geöffnet hatten – eine ganz ähnliche Konstellation wie vor zwei Jahren also, als späte Fröste um den 20. herum die Obstblüten schwer geschädigt hatten und im Südwesten der Republik sogar eine Frostnacht ausreichte, um große Teile der Ernte zu vernichten. Doch diesmal sollte nach einer vorläufigen Bilanz alles gutgegangen sein in der Region: Die Fröste hielten sich zumeist im (sehr) leichten Bereich und dauerten anders als 2017 auch nicht über so viele Stunden an – und mit Eintreffen der kältesten Luft zum zweiten Aprilwochenende zogen auch dichte Wolken auf, die zusammen mit etwas Wind eine noch stärkere Abkühlung der bodennahen Luftschicht verhinderten, so dass die Nächte zum Freitag und Samstag sogar verbreitet frostfrei blieben und es zumindest an der Beveraner Station am Sonntag letztmals in diesem April unter den Gefrierpunkt ging.

An dieser Stelle lohnt es sich, die Entwicklung der jüngeren Vergangenheit etwas genauer zu betrachten: Einerseits ist es im Zuge der Klimaveränderungen der letzten 30 Jahre deutlich wärmer geworden, andererseits sind Vegetationsschäden durch späte Fröste weiterhin ein Thema – wie geht das zusammen? Eine Antwort findet sich auch hier beim Blick auf die Zahlen: Mit der Erwärmung ist der Vegetationsbeginn seit den 1980er Jahren im Schnitt um rund zehn Tage nach vorn gerückt, wie die phänologischen Beobachtungen zeigen, für die der Deutsche Wetterdienst ein eigenes ehrenamtliches Netz betreibt. Die den Beginn des Vollfrühlings markierende Blüte des Kulturapfels ist demnach mittlerweile häufig in der zweiten Aprildekade zu finden, nach sehr milden Spätwintern und Märzen wie 2019 und 2017 durchaus je nach Sorte auch schon am Ende der ersten Dekade – eben dann, wenn die Wahrscheinlichkeit für noch frostige Nächte höher ist als im weiteren Monatsverlauf.

Hinzu kommt aber noch, dass die Anzahl der Frosttage im April trotz der besonders deutlichen Erwärmung dieses Monats (das Mittel seit 1991 ist um 1,6 Grad wärmer als das von 1961-1990, eine so starke Steigerung weist bisher kein anderer Monat auf) keinen Rückgang im Vergleich dieser beiden Zeiträume aufweist, sondern auf den ersten Blick sogar etwas angestiegen ist. Auf den zweiten nivelliert sich dieser Eindruck zwar wieder, da der Auswertungszeitraum des Klimatages heute ein anderer ist als zu Zeiten der manuellen Messungen bis Ende der 1990er Jahre und zudem die Messreihe Holzminden/Bevern bezogen auf die Tiefstwerte eine gewisse Inhomogenität aufweist, da am aktuellen Standort am östlichen Ortsrand von Bevern etwas niedrigere Tiefstwerte auftreten als an den früheren Holzmindener Messplätzen. Zudem bergen die aufgrund der Messlücke zwischen 1996 und 2006 verwendeten, aus Messwerten von Umgebungsstationen berechneten Ersatzwerte gerade bei den Tiefstwerten ein gewisses Fehlerpotenzial. Berücksichtigt man all diese Faktoren, so kommt man zu dem Schluss, dass nach wie vor durchschnittlich an vier bis fünf Tagen im April mit Luftfrost zu rechnen ist. Mit anderen Worten: Die Blüte beginnt früher, die Frostwahrscheinlichkeit ist aber nahezu unverändert.

All diese Aussagen gelten für den Standort Bevern auf 110 m und vergleichbare Höhenlagen im Oberwesertal, für die höheren Regionen des Kreises sind sie nicht übertragbar. Womit wir abschließend noch kurz auf die Aprilbilanz in Silberborn schauen, für die der Autor wegen Urlaubs diesmal auf vorläufige Daten zurückgreifen muss. Demnach betrug die Mitteltemperatur 8,6 °C und die Niederschlagssumme ca. 42 mm. Damit lag die Abweichung zum dortigen Klimamittel bei der Temperatur mit 1,9 Grad um 0,6 Grad höher als in Bevern und fügt sich ins Gesamtbild höher gelegener Stationen in der Nordhälfte ein. Beim Niederschlag liegt sie mit einem Defizit von rund 40% auf demselben Niveau wie im Wesertal. Am zweiten Wochenende wurde es im Solling nochmals weiß mit zeitweise über 5 cm Schnee - und das muss immer noch nicht das letzte Wort in diesem Frühjahr gewesen sein: Zum Redaktionsschluss deuteten die Vorhersagen sogar auf das seltene Ereignis Maienschnee hin. (Jürgen Höneke)

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