Mittwoch, 21. August 2019

„Holzminda sei’s Panier“

Bei Stadtführung unerwartet auf die Verewigung der Burschenschaft „Holzminda“ im Göttinger Karzer gestoßen

Kreis Holzminden/Göttingen (20.05.19). Kürzlich hatte ich anlässlich einer Stadtführung in Göttingen Gelegenheit, die alte Aula der Georg-August-Universität zu besichtigen. Sehr eindrucksvoll waren natürlich die ehrwürdigen geschichtsträchtigen Räume, in denen zahlreiche Nobelpreisträger und hervorragende Wissenschaftler gearbeitet haben. Besonders hat mich aber erfreut, bei dieser Gelegenheit den Karzer der Universität betreten zu können.

Viele Menschen kennen heute den Begriff „Karzer“ nicht mehr, deshalb eine kurze Beschreibung: Neben der staatlichen Strafgesetzordnung gab es eine zusätzliche Rechtsprechung für den universitären Bereich. Strafbare Handlungen waren Schlägereien zwischen Studenten, nächtlicher Lärm, öffentliches Tabakrauchen, zu schnelles Reiten auf den Straßen, Einwerfen von Fensterscheiben, verbotene Duelle, Streitereien wegen nicht bezahlter Schulden, Beleidigungen, Unzucht, verbotene Glücksspiele, Trunkenheit und so weiter. Als Strafen wurde, jeweils nach der Schwere der Tat, Stuben-Arrest, Geldstrafe, Stadt-Arrest, Karzerhaft, das Consilium abeundi (der Rat, freiwillig abzugehen) oder als höchste Strafe der Verweis von der Uni verhängt. Der Karzer war also ein Gefängnis, in dem Studenten oft wochenlang eingeschlossen wurden. Der Hausmeister (Pedell) der Universität war häufig auch gleichzeitig der Wächter des Karzers, er versorgte dann die Insassen mit Lebensmitteln.

Einen solchen Karzer hatten früher alle Universitäten. In Göttingen ist ein Karzer schon für das Jahr 1737 mit vier Arrestzellen nachgewiesen. Allerdings hielten die Räumlichkeiten nicht dem schnellen Anstieg der Studentenzahlen stand, die Zellen mussten mehrfach verlegt werden. Karzer waren spartanisch möbliert: Bett mit Kopfstütze, Tisch, Stuhl, Bänkchen, Ofen, Abort- und Wasch-Schale. Die Wände waren ursprünglich kahl, Bilder gab es nicht. Die Studenten verewigten sich stattdessen mit ihren Namen, ihren studentischen Verbindungen und manchmal sogar mit ihrem Konterfei an den Wänden, eine frühe Form der heutigen Graffiti.

Die Besichtigung der Karzerzellen in ihrem originalem Zustand war der Höhepunkt der Göttinger Stadtführung! In einer der Zellen stand ich unerwartet plötzlich vor den Verewigungen der Burschenschaft „Holzminda“, und damit war die Verbindung zu unserer Weserstadt hergestellt. Wieder nach Holzminden zurückgekehrt, suchte ich sofort nach Informationen über diese Studenten-Verbindung. Im Stadtarchiv wurde ich fündig. Im Jahr 1985 ist eine Festschrift der Burschenschaft Holzminda erschienen. Das ist ein Buch zum 125-jährigen Jubiläum, wer hätte das gedacht! Es ist interessant, sich in das Gründungsjahr der Holzminda im Jahr 1860 zurück zu versetzen. Im Frühjahr 1860 trafen sich in Göttingen acht Studenten – alle waren Schüler des herzoglichen Gymnasiums in Holzminden gewesen –, um einen landsmannschaftlichen Freundesbund zu schließen. In den Gründungs-Statuten wurde die Pflege von Freundschaft und Geselligkeit als Ziel genannt.

Aus der Festschrift „Burschenschaft Holzminda 1860-1985“ zitiere ich aus dem Beitrag von Wolfgang Arste: „Die Stadt Holzminden als unsere gemeinsame Heimat wurde 1860 zusammen mit seiner Vorstadt Altendorf als kleiner Ort von nur 3.500 Einwohnern beschrieben. Die Stadt zeichnet sich aber durch breite, schön gepflasterte und reinliche Straßen aus und erfreut den Besucher durch das Bild des Gewerbefleißes und daraus entspringender Wohlhabenheit. Holzminden war braunschweigische Exklave und wegen seiner geopolitischen Lage, an Westfalen und das Königreich Hannover grenzend, für politische und wegen seiner unmittelbaren Nähe zu Kloster Corvey auch für religiöse Auseinandersetzungen seit Jahrhunderten eine bevorzugte Stätte. Nicht zuletzt daraus resultierte das Ziel des herzoglichen Gymnasiums in Holzminden, seine Schüler zu einer gewissen äußeren Freiheit zu erziehen und ihnen eine humanistische Bildung zu vermitteln.

Die politische Unruhe der studentischen Jugend in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts griff von den Universitäten auch auf die Schülerschaft über. ,Burschikose Bewegungen‘ traten in Holzminden in besonders starkem Maße hervor. Das lag zum einen daran, dass die im Jahre 1831 gegründete Baugewerkschule wegen ihrer damals einzigartigen Ausrichtung in Deutschland weit über die Grenzen des Herzogtums Braunschweig hinaus bekannt war und daher auch von Studenten aus allen Teilen des Reiches besucht wurde. Zum anderen hatte aber auch das herzogliche Gymnasium überörtliche Bedeutung. Viele seiner Schüler stammten aus den benachbarten Ländern Hannover, Westfalen und Hessen. Zu der Unruhe innerhalb der Schülerschaft von Holzminden trugen auch gegensätzliche Strömungen im herzoglichen Gymnasium bei. Zwischen einer humanistischen und einer christlichen Gruppierung wurden unter den Schülern in Arbeitsgemeinschaften ohne Beaufsichtigung der Lehrer heftige Dispute ausgetragen.“ Soweit die Festschrift der „Burschenschaft Holzminda“.

Die Streitigkeiten sind nicht immer friedlich verlaufen. Sie mögen Grund dafür sein, dass auch am herzoglichen Gymnasium Holzminden noch im Jahr 1894 beim Neubau der Schule an der Wilhelmstraße ein Karzer benötigt wurde. Während meiner eigenen Zeit am Gymnasium, etwa bis 1958, war der Karzer am heutigen Campe-Gymnasium noch vorhanden. Ich konnte nicht mehr herausfinden, in welcher Zeit dort Schüler letztmalig inhaftiert waren.

Die Lateinschule des Klosters Amelungsborn ist schon im Jahr 1569 gegründet worden, wurde 1760 nach Holzminden verlegt und feiert zur Zeit unter dem Namen Campe-Gymnasium ihr 450-jähriges Jubiläum. Es ist schade, dass Informationen über den Karzer nicht mehr vorliegen und deshalb auch in der umfangreichen Festschrift fehlen.

Abschließend ist festzustellen, dass Karzerstrafen schon um 1900 an Bedeutung verloren. Mancher Student soll nur deshalb randaliert haben, um endlich einmal für 14 Tage in den Karzer zu kommen. Es wurde als Jux empfunden, es dem Reichskanzler Otto von Bismarck gleichzutun, der in Göttingen mehrfach mit Karzer bestraft worden war. Der Studentenkarzer diente bis zum Jahr 1933 als Gefängnis für die Georg-August-Universität. (Hartwig Drope)

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