Mittwoch, 21. August 2019

85 Jahre Wetterbeobachtungen

Teil 2: Die WST III in Bevern seit Juli 2006

achdem die Wetterbeobachtungen am Holzmindener Bergblick Ende Juli 1991 endeten und die Boffzer Ersatzstation ab Mai 1992 nur für gut vier Jahre bis Juli 1996 in Betrieb war, begann eine lange Zeit ohne Klimabeobachtungen im Holzmindener Oberwesertal. Lediglich Niederschlags- und Schneehöhenmessungen gab es in diesen Jahren in der Umgebung, so in Stahle (bis 2001) und Höxter (heute in Lüchtringen). Dass es nach fast zehn Jahren doch noch klappte und der DWD seit Juli 2006 eine Klimastation in Bevern als offiziellen Nachfolgestandort der Zeitreihe 2323 betreibt, ist letztlich einem glücklichen Umstand zu verdanken.

Ortstermin in der Münchhausenstraße in Bevern an einem sehr warmen Nachmittag Mitte Juni, kurz nach 17 Uhr wird erstmals in diesem Jahr die 30-Grad-Marke geknackt. Manfred Springer öffnet die Tür und bittet zunächst ins Wohnzimmer. Auf den ersten Blick deutet nichts darauf hin, dass der Deutsche Wetterdienst hier eine seiner gut 290 Klimastationen im nebenamtlichen Messnetz betreibt. Nur ein schon etwas in die Jahre gekommenes Gerät auf dem Tisch gehört im Inneren des Gebäudes zur offiziellen Ausstattung – und erlebt gerade seine letzten Tage im „Dienst“. Für die kommende Woche hat sich der technische Service des DWD angemeldet, auf dem Programm steht der Austausch des Niederschlagsmessers und die Außerbetriebnahme des Eingabeterminals, über das Manfred Springer bisher seine manuellen Beobachtungen an die Zentrale gemeldet hat. Diese erfolgen in Zukunft am heimischen PC über das Internet, so wie es an vielen Stationen seit Jahren praktiziert wird.

Viel von Hand einzugeben gibt es heute allerdings nicht mehr. Temperaturen, Luftfeuchte und Niederschlagsmenge werden seit der Inbetriebnahme am 1. Juli 2006 (so zumindest der offizielle Starttermin, zuvor wurde zur Qualitätsprüfung der Daten für gut zwei Wochen intern gemessen) automatisch ermittelt und in einem Datensatz abgelegt. Alle zehn Minuten wird ein neuer Datensatz geschrieben und direkt an die DWD-Zentrale in Offenbach übertragen, wo eine erste, ebenfalls automatische Prüfung und dann die Weiterverarbeitung und -verbreitung erfolgt.

Die Grundausstattung ist an allen nebenamtlichen Stationen identisch: Jeweils zwei Sensoren messen in einer Strahlungsschutzkonstruktion aus Lamellen mit integrierter Dauerbelüftung unabhängig voneinander die Luftfeuchte und die Temperatur in zwei Metern Höhe über kurz geschnittenem Gras. Genutzt werden in die Daten des jeweiligen Hauptsensors, der zweite dient als Ersatz bei Ausfall und um mögliche Fehlmessungen schnell aufspüren zu können. Ein drittes, baugleiches PT100-Widerstandsthermometer ist über einem unbewachsenen Erdmessfeld bodenparallel angebracht und misst die Temperatur in 5 cm Höhe, hauptsächlich zur Feststellung von Bodenfrost.  Vervollständigt wird die AMDA (Automatische Meteorologische Datenerfassungs-Anlage) durch einen Niederschlagsmesser (Ombrometer), der mittels Wägetechnologie die Niederschlagsmenge ermittelt und dessen Öffnung sich einen Meter über Grund befindet. An manchen nebenamtlichen Stationen werden zusätzlich noch weitere Parameter wie Sonnenscheindauer, Wind und Temperatur im Erdboden gemessen, dies ist in Bevern nicht der Fall.

Neben den automatischen Messungen bestand das Programm in den ersten Jahren noch aus einer Reihe von Augenbeobachtungen, die Manfred Springer täglich zu mehreren Terminen penibel protokolliert und an den DWD gemeldet hat.

Doch der Reihe nach: Wie ist er überhaupt zum offiziellen Wetterbeobachter geworden? Springer erinnert sich: Sein Interesse am Thema wurde früh in der Schulzeit in Fürstenberg geweckt, wo Schüler der jeweils ältesten Jahrgänge Wetterdaten mit einfachen Instrumenten aufzeichneten. Ab 1957 sammelte der heute 74jährige dort seine ersten Erfahrungen, und später wurde auch die nächtliche Sternenbeobachtung sein Hobby, dem er bis heute mit einem Teleskop nachgeht, wenn es das Wetter zulässt. 2004 schließlich, Springer war gerade in Ruhestand gegangen, wurde er auf ein Gesuch des DWD nach einem Nachfolger für die Niederschlagsstation in Ottenstein aufmerksam: „Ich habe mich trotzdem beworben“ erzählt er, auch wenn Bevern ja ein ganzes Stück von Ottenstein entfernt liegt und die Voraussetzungen somit gar nicht erfüllte. Zunächst kam keine Reaktion aus der zuständigen Regionalzentrale in Hamburg. „Ich dachte schon, die hätten mich vergessen“ berichtet er - doch im Frühjahr 2006 meldete sich doch noch jemand bei ihm. Kurz darauf fand eine Besichtigung vor Ort mit Vermessungen statt und schließlich gab der DWD grünes Licht: Der Standort in Springers Garten erfüllte die Anforderungen an eine nebenamtliche Klimastation gemäß des Konzepts „Messnetz 2000“ und so bekam der Raum Holzminden auf Umwegen „seine“ Station nach fast fünfzehn Jahren zurück, denn mit genau gemessenen 4,91 Kilometern Entfernung zum früheren Holzmindener Standort konnte Bevern nach den Richtlinien des DWD an die bestehende Zeitreihe 2323 angeschlossen werden – so die offizielle Bezeichnung der Fortführung von Messungen nach einer Stationsverlegung.

Ein Nachfolger für die Niederschlagsstation Ottenstein wurde einige Jahre später übrigens auch noch gefunden, doch wer weiß, ob es die Klimastation in Bevern heute geben würde, wenn Manfred Springer sich damals nicht auf das Ottenstein-Gesuch gemeldet hätte?

Schließlich wurden die beschriebenen Messinstrumente im Garten aufgebaut, Schaltkästen installiert, Stromkabel verlegt und das Bodenmessfeld angelegt. Nach den Vorschriften des DWD ist es „frei von Bewuchs“ zu halten, wobei es manche Betreuer damit nicht so genau nehmen. Anders in Bevern: Springers Ehefrau Inge sorgt dafür, dass sich das Bodenmessfeld stets in einem vorbildlichen Pflegezustand befindet. Der ist wichtig, da sonst die Messungen der Temperatur in 5 cm über Grund verfälscht werden könnten. Und die 5 cm Höhe sind auch im Winter einzuhalten: Wenn also doch einmal Schnee liegt, was in den letzten Jahren nur selten vorkam, muss der Temperaturfühler von Hand nach oben verschoben werden.

Die offiziellen Messungen begannen am 1. Juli und gleich der erste Monat wurde ein historischer: Mit 22,2 °C Mitteltemperatur ist der Juli 2006 der bis heute heißeste Monat in der Region seit Aufzeichnungsbeginn. In den ersten Jahren war das Ehrenamt für Manfred Springer mit umfangreichen Beobachtungsaufgaben verbunden, damals wollte der DWD noch viel über das Wetter wissen, was die Automatik nicht erfassen konnte: Bedeckungsgrad des Himmels, Sichtweite, Art des Niederschlags, bei Schneefall die Neuschneemenge und besondere Wettererscheinungen mussten protokolliert und gemeldet werden, manche davon an bis zu drei festen Terminen pro Tag, 365 Tage im Jahr. Zur Urlaubszeit sprang ein Nachbar als Vertreter ein, denn wichtig ist eine möglichst lückenlose Erfassung. Selbst Windstärke und -richtung gehörten zum Beobachtungsumfang, ohne dass der DWD dafür Geräte stellte. „Da habe ich gefragt, wie ich das denn machen soll“, erzählt Springer.  „Na so! hat die Dame, die mich eingewiesen hat und zufällig auch Springer hieß, gesagt“ fährt er schmunzelnd fort und hebt einen Finger in die Höhe. Das Element Wind wurde in jenen Jahren tatsächlich geschätzt im nebenamtlichen Messnetz. Springer wollte es aber gerne etwas genauer machen und legte sich dafür einen privaten Windmesser und einen Mast zu, den er in seinem Garten ein Stück entfernt von den DWD-Instrumenten aufstellte.

Heute sind die aufwändigen manuellen Beobachtungen längst Geschichte, mit Ablauf des Jahres 2011 beendete der DWD diese an seinen Nebenämtern. Zunächst sei er darüber enttäuscht gewesen, heute jedoch recht froh, dass ihn die Tätigkeit für den DWD nicht mehr so stark beanspruche und er mehr Zeit für andere Aktivitäten habe, zieht Springer ein letztlich positives Fazit der Veränderungen. In seinem privaten Beobachtungsbuch notiert er aber weiterhin erinnernswerte Wettererscheinungen. Die offiziellen Aufgaben für den DWD bestehen seit Anfang 2012 neben der Pflege der Instrumente und des Stationsumfeldes noch aus der Meldung der Schneehöhe am Morgen zwischen Oktober und April und dem Auswiegen des Schnees bei größeren Mengen.

Den Rest erledigt die Elektronik, und um diese kümmern sich die DWD-Techniker, die in der letzten Juniwoche mit neuen Sensoren und Geräten anrücken. Während der Umrüstung ist die Station bis zum Nachmittag vom Netz genommen worden und meldet nicht, ab 15.50 Uhr sendet sie dann wieder aktuelle Werte. Am Tag danach bittet Manfred Springer noch einmal kurz in den Garten und ermöglicht zur Fertigstellung dieses Berichts aktuelle Fotos vom neuen Niederschlagsmesser und den neuen Luftfeuchtesensoren. Und das Wetter steuert zum Abschluss des 13. Betriebsjahres der Beveraner Station auch noch einen neuen Rekord bei – es wurde der wärmste Juni seit Aufzeichnungsbeginn. (Jürgen Höneke)

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