Mittwoch, 21. August 2019

Lebensraum für besondere Pflanzen

Studierende entwickeln Konzept für die Landesgartenschau in Höxter

Höxter (22.07.19). Studierende der Landschaftsarchitektur der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe haben in den vergangenen Monaten die Artenvielfalt in der Stadt Höxter untersucht. Sie entwickeln ein Konzept, wie die kulturhistorisch gewachsenen Strukturen für die Landesgartenschau 2023 Gewinn bringend genutzt werden können.

Der verwitterte Kalkmörtel in den Höxteraner Stadtmauern bietet Lebensraum für Pflanzen, die sonst nur in den Tieflagen des Mittelmeerraumes oder den Hochlagen der Alpen vorkommen. Das violett-blühende Zimbelkraut etwa wächst normalerweise vor allem in der Adria. Solche und weitere Besonderheiten der Flora und Fauna haben Studierende der TH OWL aufgespürt und in Karten dokumentiert.

Im Rahmen eines Studienprojektes entwickeln sie Vorschläge, wie die über viele Jahrhunderte gewachsene Artenvielfalt der Stadt erhalten werden kann. Die Studierenden möchten bei den Machern und Besuchern der Landesgartenschau 2023 ein ökologisches Bewusstsein schaffen und so den Lebensraum für Insekten, Spinnen, Vögel und Kleinsäuger erhalten.

Zehn Studierende aus dem vierten Semester Landschaftsarchitektur haben in den vergangenen Wochen Kartenmaterial der Stadt Höxter gesichtet und an mehreren Stellen vor Ort eingehend die Pflanzenwelt untersucht. Dazu haben sie die Arten bestimmt und ihre exakten Standorte sowie die Größen der Vorkommen in den Karten dokumentiert. Außerdem haben sie die historische Entwicklung der Stadt recherchiert, um so nachzuvollziehen, wie die einzigartige Flora und Fauna in Höxter über die Jahrhunderte entstanden ist.

Ausgangspunkt dabei ist das Kloster Corvey aus dem 9. Jahrhundert. „Höxter blickt auf eine vergleichsweise lange Geschichte zurück. Diese lässt sich durch zahlreiche kulturhistorisch gewachsene Strukturen erfahren. Beispielsweise wachsen heute noch einige Heil- und Gartenpflanzen in der Stadt, die vermutlich schon damals in den historischen Plänen des Klosters Corvey wuchsen“, sagt Ronja Westphal aus der Projektgruppe. Das studentische Team hat für sein Konzept drei Schwerpunkte herausgearbeitet.

Grünflächen entlang der Weserpromenade

Die Studierenden haben die Grünflächen entlang der Weser kartiert. Die dortigen Pflanzen sind zum Teil charakteristische Arten der Steppenlandschaften. „Die Flächen sehen auf den ersten Blick nicht spektakulär aus, bieten aber wichtige Lebensräume für Insekten und Kleinsäuger. Damit haben sie einen großen ökologischen Wert“, erklärt Student Matthias Schneider. Die Flächen liegen in den Weserauen und sind somit regelmäßig Hochwassern ausgesetzt. „Deshalb würde sich im Sinne der Nachhaltigkeit eine aufwändige Umgestaltung für die Landesgartenschau, zum Beispiel durch Pracht-Staudenbeete, nicht rentieren“, sagt Simeon Wiedem.

Stattdessen schlagen die Studierenden vor, die Flächen ökologisch wertvoll und ästhetisch ansprechend aufzuwerten: Mit neugepflanzten standortgerechten Frühblühern können weitere Lebensräume für Insekten entstehen. Außerdem würde eine später durchgeführte erste und eine ausgelassene letzte Mahd der Flächen den Insekten beim Überwintern helfen.

Mauer- und Pflasterfugen in der Innenstadt

In den Fugen der Stadtmauern wachsen seltene Pflanzen: beispielsweise das aufrechte Glaskraut, der Braunstielige Streifenfarn und die Mauerraute. Zwischen den alten Pflastersteinen der Gassen findet zum Beispiel das niederliegende Mastkraut Lebensräume. Diese Arten haben die Studierenden bestimmt, kartiert und dadurch Unterschiede festgestellt. Auffallend: In leicht verwitterten Mauern mit älterem Fugenmaterial kommen deutlich mehr seltene Arten vor als in restaurierten Mauern.

Die Studierenden schlagen vor, die historischen Mauern in der Höxteraner Innenstadt zu erhalten und das Säubern in Form von Auskratzen der Fugen zu unterlassen. Mauern sollten nur restauriert werden, wenn dies – etwa wegen Einsturzgefahr – dringend nötig ist. „Den Bürgerinnen und Bürgern muss vermittelt werden, dass dieses Vorgehen keine mangelhafte Pflege ist, sondern einen ökologischen Wert verfolgt“, sagt Studentin Tatjana Gressler. Denn die historischen Strukturen bieten auch Lebensraum für Tiere, etwa Nistplätze für die Gebirgsstelze.

Alte Bäume an der Weser und entlang
des Stadtwalls

An der Weser sowie entlang des Stadtwalls haben die Studierenden bei ihrer Kartierung alte und ökologisch wertvolle Bäume entdeckt: Rosskastanien, Rotbuchen, Eschen, Linden, Ulmen und Platanen. Für die Landesgartenschau schlägt das Projektteam vor, diese zu inszenieren, ohne sie dabei zu schädigen: durch passende Begleitpflanzungen, durch ein Spiel mit Licht und Schatten, durch eine Verkleidung der mächtigen Stämme im Rahmen einer Kunstaktion.

Ausblick: Infotafeln und geführte Rundgänge

„In den historischen Strukturen der Stadt Höxter sind speziell angepasste und optimal abgestimmte Kreisläufe zwischen den Tier- und Pflanzenarten entstanden. Diese gilt es zu erhalten, um das ökologische Gleichgewicht nicht zu stören“, fasst Student York Schamuhn zusammen. Die Studierenden sehen dabei Chancen für die Landesgartenschau: Die besonderen Strukturen und Flächen sollten erhalten und in das Gesamtbild der Veranstaltung integriert werden.

Mit Infotafeln und Führungen könnten die Besucher für die Bedeutung historischer Strukturen sensibilisiert werden. „So erhält die Landesgartenschau in Höxter einen individuellen Charakter und auch eine Vorbildfunktion für den heimischen Garten der Besucher“, betont Chantal Wöllner. Das Studierenden-Team unter Leitung von Professor Winfried Türk vom Fachgebiet Vegetationskunde der TH OWL steht dazu im Kontakt mit dem Organisationsteam der Landesgartenschau.

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