Montag, 21. Oktober 2019

Statt still, satt, sauber – personenzentriert pflegen!

Altenpflege- und Pflegeassistenz-Klassen der Berufsbildenden Schulen Holzminden entwickeln Maßnahmen der basalen Stimulation

Holzminden (13.07.19). Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie liegen im Bett und können sich nicht selbstständig bewegen – Sie verlieren das Gefühl von der Lage Ihres Körpers im Raum – Sie spüren Ihre Körpergrenzen nicht – Sie wissen nicht, wo und wie Ihr Bein aufliegt – Sie fühlen keine Kälte oder Wärme, da der Raum immer gleich temperiert ist – Sie haben den Geschmack Ihrer Lieblingsspeise vergessen, da Sie über eine Sonde ernährt werden. Die Sinneswahrnehmung ist auf ein Minimum reduziert – es gibt keine Reize, Veränderungen und Anregungen mehr – Sie verlieren das Gefühl, lebendig zu sein.

Eine schaurige Vorstellung. Ein Albtraum. Auf jeden Fall sieht dies nicht so aus, wenn Schülerinnen und Schüler der Berufsfachschule Altenpflege (erstes und drittes Ausbildungsjahr) sowie der Pflegeassistenz (zweites Ausbildungsjahr) aktiv sind. Mit dem Projekttag in der Georg-von-Langen Schule zum Thema der personenzentrierten Pflege haben die Schüler dies kennengelernt. Unter Leitung der Fachlehrerin Olena Knedel und in Zusammenarbeit mit der Studienrätin Jessica Ceranic planten die Teilnehmer motiviert und interessiert die Maßnahmen der Basalen Stimulation, die sie schließlich durchführten.

In einer Präsentation gaben die Schüler des dritten Ausbildungsjahres der Berufsfachschule Altenpflege einen Überblick zur Geschichte und Entwicklung der Basalen Stimulation. Symptome und Phänomene, die durch Hospitalismus hervorgerufen werden, indem sie ein selbstgedrehtes Lehrvideo abspielten. Hospitalismus ist das Auftreten von psychischen oder physischen Schädigungen, die durch die Besonderheiten wie beispielsweise mangelnde Zuwendung bei einem längeren Heimaufenthalt bedingt sind.

In den vorausgegangenen Unterrichtsstunden hatten sie speziell auf die Symptome bezogene Maßnahmen erarbeitet, die die Wahrnehmung der Sinneskanäle aktivieren und fördern sollen. Damit wird der sozialen, kognitiven und sensorischen Deprivation, also dem Entzug oder dem Vorenthalten von bedürfnisbefriedigenden Objekten oder Reizen, entgegengewirkt. Besonders bei Menschen, die schwerstpflegebedürftig sind und im Alltag wenig bis keine Anregung erfahren, ist Pflege sehr anspruchsvoll.

Professionelle Pflege umfasst weitaus mehr als die Grundpflege und Behandlungspflege. Bei der Ausbildung in den BBS Holzminden werden daher unterschiedliche Konzepte integriert. Da diese Konzepte auch „gelebt“ werden müssen, erfuhren die Schüler die unterschiedlichsten Ansätze in ihrem Workshop. Die Selbsterfahrung hatte hierbei einen hohen Stellenwert. Denn nur so konnten die Schüler die Perspektive der Klienten einnehmen und individuell und empathisch pflegen. Mit unterschiedlichsten Materialien visualisierten und präsentierten sie schließlich die Ergebnisse ihres Workshops.

Der visuelle Workshop zeigte mittels Schattenbildern an der Wand, wie das Auge wieder Kontraste wahrnehmen kann. Die selbstgebaute Seilbahn beförderte Gegenstände durch den Raum und fördert dadurch die Bewegung der Augen. Das Richtungshören und die unterschiedlichen Klanghöhen und -tiefen wurden mit Klingeln und Glocken gefördert. Weiterhin wurden verschiedene Audiodateien abgespielt: Musik, Stimmen von bekannten Moderatoren und andere Hörbeispiele förderten die auditive Wahrnehmung.

Im praxisorientierten Unterricht bereiteten die zukünftigen Pflegekräfte für die oral-gustatorische Wahrnehmung klein geschnittene Mandarinen, Bananen und Schokolade vor, die in eine Kompresse eingewickelt in den Mund oder auf die Lippen gegeben wurden. Verschiedene Teesorten wurden in kleine Sprühflaschen abgefüllt oder mit Mundpflegestäbchen in den Mund gegeben. Der taktil-haptische Sinn konnte im Rahmen des Workshops durch eine selbstgenähte Decke mit Reißverschlüssen, Knöpfen, Schwämmen, verschiedenen Stoffen, Ketten sowie gefüllten Säckchen zum Fühlen und Tasten gefördert werden. Die Wahrnehmung der Körpergrenzen durch eng an den Körper angelegte Lagerungskissen und -decken hilft dem Klienten, sich selbst wieder zu spüren.

Die vibratorischen Reize wurden mit Klangschalen und Rasierapparat erzeugt. Vestibuläre Stimulation erfuhren die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel über Schaukeln der Beine oder Wippen des Bettes.

In einer abschließenden Reflexion zogen die engagierten Schülerinnen und Schüler Bilanz: „Eine gute Leistung von allen“, fand Seyda Racar aus dem ersten Ausbildungsjahr der Ausbildung Altenpflege. Die Vielfalt der Maßnahmen aus arbeitsteiligen Gruppen hatte sie beeindruckt. Die eigene Kreativität, aus einfachen Mitteln sinnvolle und zielgerichtete Reize zu setzen, wurde angeregt.

Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Bereichen Pflegeassistenz und Altenpflege empfanden alle als wertschätzend und ertragreich. „Die Ausarbeitung zum Projekt hat sehr viel Spaß gemacht. Wir konnten kreativ sein und ich persönlich habe viel mitgenommen“, so Jessica Pfafenrot aus dem zweiten Jahr der Ausbildung Pflegeassistenz.

Konstruktive Kritik äußerte Rouven Magnus aus dem ersten Jahr der Ausbildung Altenpflege: „Die verschiedenen Angebote zu den jeweiligen Stimulationsbereichen sollten in einem Katalog zusammengestellt werden. Damit können wir und auch alle anderen auf die vielen Möglichkeiten der personenzentrierten Pflege immer zurückgreifen.“ Mit dieser Einstellung und Motivation kann die Praxis kommen. (r)