Mittwoch, 23. Oktober 2019

Wäre es nicht da, man müsste es neu erfinden

Endet die Erfolgsgeschichte des Jugendfreizeitheims Silberborn nach dem 70-jährigen Bestehen? Gedanken zu einer besonderen Einrichtung

Silberborn (02.07.19). Der Landkreis Northeim als Träger die Einrichtung hat das Jugendfreizeitheim Silberborn am 1. Februar geschlossen und zum Kauf angeboten. Zum Gebäudekomplex gehören Unterkunfts- und Wirtschaftsgebäude für 80 Personen, Mehrzweckhalle und Dienstwohnung und zahlreiche Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Auf dem Grundstück befinden sich eine Multisportfläche, ein Fußballplatz, ein Sinnesparcours, Grillplatz und viele Spielgeräte. Die gesamte Anlage hat ein parkähnliches, gut strukturiertes Gesamtbild mit einer 8.000 Quadratmeter großen Streuobstwiese. Neben dem Kaufpreis sollten weitere Kriterien, wie das geplante Konzept zur Nutzung des Objekts auf dem rund 33.000 Quadratmeter großen Grundstück oder die Schaffung von Arbeitsplätzen, bei der Vergabe Berücksichtigung finden. Am Freitag, 28. Juni, endete nun die Frist für Kaufinteressenten. Doch kein einziges Kauf-angebot wurde abgegeben. Wie es nun weitergeht mit dem Jugendfreizeitheim, ist offen. Heinz-Willi Elter, Vorsitzender des Turnkreises Northeim-Einbeck, hat 30 Jahre lang mit diversen Gruppen Kinderfreizeiten und Lehrgänge im Jugendfreizeitheim Silberborn durchgeführt und es mit seinen Bedingungen und Angeboten sehr schätzen gelernt. Er war auch Mitinitiator des Bürgerbegehrens Jugendfreizeitheim Silberborn. Der Bürgerentscheid scheiterte Anfang des Jahres knapp. Elter hat seine Gedanken im 70. Jahr der Einrichtung in Worte gefasst.

Der Turnkreis Northeim-Einbeck als größter Fachverband mit 18.000 Mitgliedern hat mit dem Unterstützerkreis „Jugendfreizeitheim Silberborn“ versucht, die Entscheidung des Landkreises Northeim durch einen Bürgerentscheid am 27. Januar noch abzuwenden. 22.189 wahlberechtigte Bürger im Landkreis Northeim, die mit „Ja“ gestimmt haben, sind enttäuscht, weil 506 Ja-Stimmen gefehlt haben.

Die ursprüngliche Vorgängereinrichtung des Jugendfreizeitheims Silberborn entstand 1949 in einer Zeit, als der ländliche Raum acht Millionen Flüchtlinge aus dem Osten integrieren musste. Der Wohnraum auf dem Lande war knapp, weil auch viele Bürger aus den zerbombten Städten aufgenommen werden mussten. Die Lebensmittelversorgung bereitete der Bevölkerung große Probleme. Die Arbeitslosigkeit war hoch, weil die Städte und Industrieanlagen zerstört waren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Hochmoore Torfmoos und Mecklenbruch im Solling aus dem Naturschutzgebiet herausgenommen und es wurde wieder Torf abgebaut. Von 1945 bis zum 20. Juni 1948 (Währungsreform mit der Einführung der Deutschen Mark) hat die Stadt Einbeck den Torfbau durchgeführt, weil die Stadt Einbeck Flüchtlinge zugewiesen bekam und die Energie auch knapp war. Für die Unterbringung der Flüchtlinge wurden in Silberborn zwei Holzhäuser und ein Geräteschuppen in Silberborn gebaut.

Der Gründervater des späteren Jugendfreizeitheims Silberborn war der damalige Rektor der Löns-Realschule, Max Siefke, der bis Januar 1963 in der Löns-Realschule unterrichtete. 1949 wurde auf Anregung Siefkes und Junglehrern aus Einbeck die leerstehenden Holzhäuser vom Torfabbau in Silberborn gekauft. Der Oberkreisdirektor Schaefer bezahlte im Auftrag der Stadt Einbeck 14.000 D-Mark. Das war die Geburtsstunde des Schullandheims in Silberborn im waldreichen Solling. Der Ort Silberborn gehörte damals und bis zur Gebietsreform 1974 zum Landkreis Northeim. Die Organisation und Betreuung des Fördervereins „Schullandheim Silberborn e.V.“ lag bis 1961 in den Händen des Schulleiters Rektor Siefke. Die Wirtschaftsleiterin Frau Saalfeld, die liebevoll Tante Sally genannt wurde, verpflegte die Kinder bis 1961. Die Einbecker Junglehrer und der Rektor Max Siefke setzten die Ideen der folgenden Reformpädagogen Pestalozzi, Rousseau, Steiner, Montessorie, Freinet, Kerschensteiener und Lietz im Schullandheim Silberborn um.

Der gewählte Name war schon Programm: SCHUL: Die Erziehung hob den pädagogischen Schwerpunkt hervor. LAND: Drückt die Distanz von der Stadt und die Nähe zur Natur aus. HEIM: Der Ausdruck für die Beheimatung außerhalb der Familie. In dem Schullandheim erfahren die Kinder abseits der gewohnten Lernumgebung neue Erfahrungen bei Exkursionen und Projekttagen. Die Reformpädagogik enstand durch die kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Prozessen der Industrialisierung und der Technisierung. Der Ansatz der Reformpädagogen sieht wie folgt aus: Die Erlebnispädagogik befasst sich mit Gruppenerfahrungen in der Natur, um die Persönlichkeit und soziale Kompetenzen zu entwickeln. Die Arbeitsschulpädagogik basiert auf der Anschauungspädagogik, wo eine aktive Auseinandersetzung und eigenständiges Tun beim Lernen stattfindet. Hier findet das Lernen mit allen Sinnen und aufgrund selbstgemachter Erfahrungen statt. Die Lerninhalte müssen einen Bezug zum realen alltäglichen Leben aufweisen. Kernaussage: Lernen mit Kopf, Herz und Hand (den Gegenstand begreifen).

Zwei noch lebende Schüler der Löns-Realschule aus der Gründerzeit des „Schullandheims Silberborn e.V.“ habe ich zu Silberborn befragt. Ingelore Bues, die am 14. Juni 1933 in Haieshausen geboren wurde, besuchte die Dorfschule in Olxheim. Nach einer Aufnahmeprüfung an der Löns-Realschule fuhr sie täglich mit dem Fahrrad nach Einbeck. 1950 radelten 28 Mädchen der Abschlussklasse mit dem Fahrrad nach Silberborn. Das Gepäck transportierte der Bauer Wille (Waltraud Wille war eine Mitschülerin) aus Odagsen mit dem Pferdefuhrwerk nach Silberborn und zurück. Ingelore Bues erlebte drei unvergessene Wochen mit folgendem Programm in Silberborn: Übernachtung im Holzhaus mit zehn Mädchen in einem Zimmer in Holzbetten auf Strohsäcken war sehr erlebnisreich. Einfache Verpflegung mit Eintopf, Fisch, Kartoffeln, Brot und Marmelade. Schulunterricht, Sport mit Handball und Spiele, Moorwanderung, Natur täglich hautnah erlebt. Die Hirschwanderung mit dem Förster abends im Mondschein durch den Solling, wo das Hirschebrüllen im Klassenverband gemeinsam erlebt wurde, war so prägend, dass sich Ingelore Bues noch heute mit 86 Jahren an das Brüllen der Hirsche gerne erinnert.

Karl Sauthof, der am 2. September 1934 geboren wurde, wohnt in Rittierode. Die Löns-Realschule besuchte er von 1946 bis 1952. 1950 begradigte seine Jungenschulklasse in Silberborn vor dem Holzhaus eine Fläche. Dabei stießen sie auf einen großen Buntsandstein. Die Schüler haben den Stein mit dem Spaten ausgegraben. Ein Referendar der Löns-Realschule kannte sich mit Steinmetz-Arbeiten aus und bearbeitete den Buntsandstein. Heute steht der behauene Buntsandstein in Silberborn noch als Erinnerung an der Stelle, wo die Holzhäuser gestanden haben, mit folgender Inschrift: „Lönsschule Einbeck 1950 9a“. Stolz erzählte Karl Sauthof, wie sie mit dem Mathematiklehrer Walter Holz, der auch gut erklären konnte, die Höhe der Bäume, die draußen einen Schatten warfen, mit dem Pythagoras und Winkelfunktionen ausgerechnet haben. Gerne erinnert sich Karl Sauthof an den Sportunterricht mit Harry Fehrensen, der mit den Jungen im Winter Skilanglauf und im Sommer Waldlauf in der Natur durchführte. Vor dem Frühstück holten zwei Jungen im Sommer mit dem Handwagen und im Winter mit dem Schlitten 20 Liter Milch von der Molkerei in Silberborn. Im Sommer erledigten die Jungen die Körperpflege draußen mit freiem Oberkörper und kaltem Wasser, sodass die frische Morgen- und die milde Abendluft die Körperpflege zu einem besonderen Erlebnis wurde. Der Lehrer Walter Holz, der früher in einer Wetterstation gearbeitet hatte, unterrichtete die Jungen in Wetterkunde. Täglich notierten die Schüler die Temperatur, die Niederschläge, die Luftfeuchtigkeit, den Luftdruck und die Wolken. Die Silberbornaufenthalte haben Karl Sauthof nachhaltig geprägt und erzählt heute mit 84 Jahren noch gerne von den positiven Erlebnissen.

1961 entstand ein festes Gebäude für 695.000 D-Mark, das nach einem Architektenwettbewerb von der Baufirma Melching aus Sievershausen gebaut wurde. Die Bau- und Unterhaltungskosten wurden zur Hälfte von der Stadt Einbeck und dem Landkreis Einbeck finanziert. Seit der Gebietsreform 1974 ist der Landkreis Northeim der Träger vom Jugendfreizeitheim Silberborn bis heute.

1992 gab es Überlegungen der Verwaltung des Landkreises Northeim das Jugendfreizeitheims Silberborn zu verkaufen oder zu verpachten, weil die Übernachtungen rückläufig waren und ein hoher Zuschuss aus dem Kreishaushalt notwendig war. Zufällig gingen der Heimleiter Karl-Heinz Langen und seine Frau Henny Langen 1992 nach 30 Dienstjahren in Rente. Die Politiker setzten sich für eine Weiterführung des Jugendfreizeitheims Silberborn ein. Zur Entlastung des Kreishaushaltes folgte eine Einlage von EON-Aktien im Wert von 4,3 Millionen D-Mark in die Bilanz des Jugendfreizeitheims. Als neuer Heimleiter wurde 1992 Peter Wollschläger eingestellt, der im März 2019 nach 27 Jahren in Rente ging.

Das „Schullandheim Silberborn e.V.“ entstand 1949 in einer Zeit, als die Bürger und Westdeutschland in den westlichen Besatzungszonen in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen lebten. Auch 2019 stehen Deutschland und die Menschheit vor großen Problemen, die die Menschen durch die Industrialisierung selbst verursacht haben. Wir Menschen haben es geschafft, unsere folgenden Lebensgrundlagen selbst zu zerstören. Unsere Kinder und auch viele Erwachsene haben den Bezug zur Natur durch die virtuelle Welt verloren. Und viele Bürger sagen: Das bisschen, wie ich die Umwelt belaste, macht sich nicht bemerkbar. 82 Millionen Bürger in der Bundesrepublik Deutschland ergeben aber ein Umweltproblem.

Durch Bewegungsmangel und falsche Ernährung haben 50 Prozent der Bevölkerung Übergewicht. Durch die Industrialisierung, Arbeitsverhältnisse und Wohnverhältnisse fühlen sich viele Menschen einsam. Gerade in der heutigen virtuellen Zeit müsste ein Jugendfreizeitheim Silberborn neu entstehen, wäre es noch nicht vorhanden, weil das Jugendfreizeitheim Silberborn drei Pluspunkte zu bieten hat.

1. In der Natur, auf den Sport- und Freizeitanlagen und in der Halle können Kinder und Erwachsene vielfältige sportliche Aktivitäten und gemeinsam Spaß an der Bewegung erleben.

2. Gemeinschaft und Abenteuer gemeinsam beim Sport, bei den Mahlzeiten und in den Gemeinschaftsunterkünften erfahren.

3. Die Nähe und die Beziehung zur Natur wieder aufbauen, erfahren oder erweitern durch fachlich gute umweltpädagogische Programme.

Sich im Walde bewegen und „Waldbaden“ in dem Biotop des Waldes: Angenehmes Klima, hoher Sauerstoffgehalt, saubere Luft, Stärkung des Immunsystems, Stressabbau, Bewegung im Walde und Beruhigung des vegetativen Nervensystems.

Der Turnkreis Northeim-Einbeck hofft, dass das Jugendfreizeitheim Silberborn nach seinem 70. Geburtstag noch eine Zukunft im ländlichen Raum haben wird. (Heinz Willi Elter)