Montag, 21. Oktober 2019

Weiterer Rekordmonat zum Start in den Sommer

Wärmster und sonnigster Juni seit Aufzeichnungsbeginn / Nur punktuell viel Regen bei Gewittern

Kreis Holzminden (08.07.19). Der meteorologische Sommer 2019 begann mit einem Paukenschlag: Fast 20 Grad Monatsmitteltemperatur, 35,2 °C Höchsttemperatur und nahezu 300 Sonnenstunden – all das hatte es zuvor in der Region in einem Juni noch nicht gegeben. Nach einem hochsommerlichen Start mit viel Sonne an den ersten beiden Tagen folgte ein längerer wechselhafter, zu Gewittern neigender Witterungsabschnitt. Kühle Phasen suchte man aber auch da vergebens, nur an zwei Tagen wurde die 20-Grad-Marke nicht erreicht. Stattdessen drehte der Sommer in der letzten Woche mit Hitze und Sonne satt so richtig auf. Wie schon im Vormonat fiel die Niederschlagsbilanz an den einzelnen Stationen im Umkreis sehr unterschiedlich aus, allerdings fiel in der dritten Dekade gar kein Regen mehr – und im Zusammenspiel mit der hohen Verdunstung durch Hitze, Sonne und Wind wurde Trockenheit langsam wieder ein Thema.

Mit einer Mitteltemperatur von 19,8 °C war der Juni 2019 an der DWD-Station in Bevern um 3,8 Grad wärmer als im Mittel der Jahre 1981-2010 und zugleich der wärmste seit Aufzeichnungsbeginn. Der alte Rekord aus dem Jahr 2003 (als vor Ort nicht gemessen wurde und die Monatstemperatur errechnet werden musste) wurde deutlich um 0,6 Grad übertroffen. Besonders stark fiel der Kontrast zum vorausgegangenen kühlen Mai aus: Insgesamt war der Juni 8,3 Grad wärmer und die durchschnittliche Höchsttemperatur lag sogar fast zehn Grad höher. im vergangenen Jahr betrug die Differenz zwischen beiden Monaten gerade einmal etwas über 1,5 Grad. Neue Rekorde gab es auch bei der Anzahl der warmen Tage (mindestens 20 Grad Höchsttemperatur) mit 28, der Sommertage (mindestens 25 Grad) mit 17 und bei den heißen Tagen (mindestens 30 Grad) mit sechs.  Dazu kamen drei neue Tageshöchstwertrekorde am 25., 26. und 30., wobei der letzte Tag mit 35,2 °C zugleich einen neuen Monatsrekord aufstellte. Erwähnenswert ist zudem die sehr milde Nacht vom 25. auf den 26.06. mit 19,7 °C Tiefsttemperatur in Bevern, in Holzminden gab es im Innenstadtgebiet sogar eine tropische Nacht mit einem Minimum von über 20 Grad.

Auch in Silberborn stellte der Juni lokale Rekorde auf: An der privaten Station im Kurgarten lag die Monatsmitteltemperatur bei 18,0 °C, das entspricht +4,2 Grad gegenüber dem Klimamittel der Jahre 1981-2010.  Die bisherige Bestmarke aus dem Jahr 2003 wurde im Hochsolling sogar um ein volles Grad übertroffen. 24 warme Tage, elf Sommertage und ein Tageshöchstwert von 32,4 °C am 30. lauten hier die weiteren neuen Rekordwerte.

Damit es so ungewöhnlich warm werden kann, müssen natürlich die entsprechenden Luftmassen zu uns geführt werden, denn nur durch Einstrahlung ist selbst im Zeitraum des Sonnenhöchststandes ein solches Niveau nicht erreichbar. Wie schon im Mai dominierten Großwetterlagen der meridionalen Zirkulationsform, d.h. die Strömungsrichtung lag größtenteils parallel zu den Längenkreisen. Doch anders als im kühlen Vormonat lagen wir im Juni auf der warmen Seite: südwärts ausgreifende, hochreichende Tiefdruckgebiete (Tröge) positionierten sich östlich von uns, führten kühle Luftmassen nach Süden und zapften Luft aus sehr warmen bis heißen Gefilden an, mal aus Südwesten, mal direkt aus Afrika. Diese Luftmassen werden auf ihrem Weg zu uns aber häufig noch abgelenkt und dabei transformiert, so dass Luft polaren Ursprungs erwärmt und solche (sub)tropischen Ursprungs etwas abgekühlt wird. Im Extremfall ist die Anordnung der Druckgebiete so verteilt, dass diese Transformation quasi ausbleibt, so geschehen Ende Juni über dem Süden Frankreichs mit Höchstwerten von über 44 Grad. Es gab zwischenzeitlich sogar Modellrechnungen, die den Hitzepol nicht über dem Nachbarland, sondern über Deutschland ausmachten und Höchstwerte von 41-42 Grad auf den Karten erscheinen ließen – letztlich zeigte sich aber wieder einmal, dass die „magische 40“ bei uns nur erreicht werden kann, wenn „alles passt“, also neben der notwendigen Luftmasse und Sonneneinstrahlung auch die volle vertikale Durchmischung vorhanden ist, keine atmosphärischen Trübungen in Form von Saharastaub im Spiel sind und trockene Böden einen zusätzlichen Temperaturaufschlag (Überdiabaten) ermöglichen. Letztlich blieb es am 30.06. bei 39,6 °C in Bernburg an der Saale als deutschlandweitem Höchstwert an einer Station, die wegen ihrer eingeschränkten natürlichen Durchlüftung nicht unumstritten ist. Doch wie auch immer: bis auf Extremwetterfans und den Wetterboulevard auf der Jagd nach Klicks dürfte kaum jemand das Ausblieben der 40 bedauert haben und es wurden auch so verbreitet neue Junirekordwerte aufgestellt, an manchen Stationen sogar Allzeitrekorde – und das zu einem recht frühen Zeitpunkt im Jahr. Ob dies bereits der Höhepunkt des Sommers 2019 war oder ob nach einer Pause weitere heftige Hitzewellen folgen, kann derzeit niemand seriös beantworten. Ebenso umstritten war bisher, inwieweit einzelne Witterungsphasen in direktem Zusammenhang mit dem Klimawandel stehen: Nicht jede Sommerhitze geht auf das Konto der globalen Veränderungen, heiße Phasen gab es auch früher immer wieder mal – nur eben nicht in dieser Häufung. Mittlerweile tendieren die Forscher aber vermehrt zu der Annahme, dass Hitze wie in diesem Juni (der Osten Deutschlands erlebte bereits in der ersten Monatshälfte eine ausgewachsene Hitzewelle, die unsere Region aufgrund der Nähe zum westeuropäischen Tief noch nicht erreichte) als eine unmittelbare Folge des Klimawandels zu verstehen ist und wir möglicherweise bereits jetzt zeitweise ein Niveau erreichen, das Klimamodelle erst für die zweite Hälfte des Jahrhunderts erwartet hatten.

Doch zurück zum Wetter vor Ort und seiner Entwicklung in der letzten Juniwoche, die auch die Region kräftig ins Schwitzen brachte – allerdings mit einer Unterbrechung am 27. und 28., als der Wind vorübergehend auf Nordwest drehte und deutlich weniger warme Luft heranführte. Durch Kaltluftadvektion an seiner Ostseite wurde der Hochkeil in seinem nördlichen Teil nach Westen zurückgedrängt, so dass wir vorübergehend an seiner kühleren Ostflanke in nordwestlicher Strömung lagen. Am nachfolgenden Wochenende schwappte die Heißluft aber wieder ostwärts zurück, überquerte uns – wenn man so will – ein zweites Mal und sorgte für die bereits genannten Rekorde. Dahinter stellte sich dann zum Monatswechsel erneut eine Nordwestlage mit deutlicher Abkühlung ein.

Große Unterschiede gab es bei der Niederschlagsbilanz aufgrund des meist schauerartigen, gewittrig verstärkten Regens, der an einzelnen Tagen in der wechselhafteren Phase zwischen dem 3. und 19. auftrat. Flächiger Landregen war stattdessen Fehlanzeige. Die DWD-Station in Bevern wurde mehrfach gut getroffen und sammelte mit 81,9 mm 20% mehr als im Mittel der Jahre 1981-2010 ein. Auch in Silberborn setzte es mehrere Starkregenschauer, darunter ein Volltreffer am 19. mit 31,4 mm. Die Monatssumme lag dort mit 95,5 mm um rund 9% über dem Durchschnitt. An den anderen Stationen des Kreises fiel weniger: 56 mm in Hehlen (ebenso in Lüchtringen), 59 mm in Ottenstein, 72 mm in Hellental, 74 mm in Vorwohle. Keinerlei Differenz gab es in der sonnigen und sehr warmen dritten Monatsdekade, in der es in der gesamten Region durchweg trocken blieb, wodurch zumindest in den oberen Bodenschichten das Feuchtedefizit zurückkehrte.

Die Sonnenscheindauer schließlich stieß in bisher im Juni unbekannte Dimensionen vor. Mit 298 Stunden wurde die 300er-Marke nur knapp verfehlt und der bisherige Rekord aus dem Jahr 2010 um 22 Stunden distanziert. Dass der Juni zuvor so deutlich hinter den Bestmarken der Monate Mai und Juli zurücklag, hat wenig damit zu tun, dass ihm im Vergleich ein Tag fehlt (dieser wird durch die längere astronomisch mögliche Sonnenscheindauer mehr als kompensiert). Vielmehr ist der durchschnittliche Bedeckungsgrad höher, was an vermehrter Konvektionsbewölkung im Tagesgang zu tun hat und auch damit, dass stabile Wetterlagen, wie wir sie in der dritten Dekade mit den Hochdruckgebieten Ulla und Vera erlebt haben, zu dieser Jahreszeit nicht oft vorgekommen sind. Vielleicht ändert sich auch dies im Zuge des Klimawandels mit einer Zunahme von quasistationären Druckgebieten. Die Ausnahmestellung dieses Junis zeigt sich jedenfalls im Vergleich zu seinem langjährigen Klimamittel, das um fast 60% übertroffen wurde.

Und manchmal scheint die Sonne sogar nachts – jedenfalls erweckt sie um die Zeit des astronomischen Sommerbeginns den Eindruck, wenn das Phänomen der Leuchtenden Nachtwolken auftritt. Diese NLC (noctilucent clouds) sind Eiskristalle in der Mesopause in über 80 km Höhe. Aufgrund ihrer großen Höhe (Wolken in unserer Troposphäre bringen es auf maximal 13 km) können sie um diese Jahreszeit auch nach Sonnenuntergang oder vor Sonnenaufgang von der schräg unter dem Horizont stehenden Sonne angestrahlt und damit zum „Leuchten“ gebracht werden. Besonders intensiv war das Schauspiel am 21.06.   Das beeindruckende Foto stellte freundlicherweise Thomas Seliger zur Verfügung, der es auf der „anderen“ Seite des Sollings in Moringen aufgenommen hat. (Jürgen Höneke)