Mittwoch, 21. August 2019

Mit langem Anlauf zum Hitzerekord

Der Juli 2019 pendelte zwischen unterkühlt und extrem heiß / Trockenheit verschärfte sich wieder

Kreis Holzminden (05.08.19). Nach dem rekordwarmen und außergewöhnlich sonnigen Juni ließ es der zweite meteorologische Sommermonat zunächst deutlich gemäßigter angehen, zwischenzeitlich sogar ausgesprochen kühl und grau. Doch die Schlagzeilen gehörte am Ende wieder einmal den Ausschlägen nach oben: Sowohl in Deutschland als auch in der Weser-Solling-Region wurden im Zuge einer markanten Hitzewelle in der dritten Dekade neue Temperaturrekorde aufgestellt. Da dieser Abschnitt auch mehrere Tage mit kaum einer Wolke am Himmel brachte, fiel die Sonnenscheinbilanz trotz der längeren trüben Phase zuvor noch fast ausgeglichen aus. Beim Niederschlag hingegen gab es ein recht deutliches Defizit, so dass sich die Trockenheit zum Monatsende im Zusammenspiel mit der erhöhten Verdunstung durch Sonne und Hitze weiter verschärfte.

Mit einer Mitteltemperatur von 18,7 °C war der Juli 2019 an der DWD-Station in Bevern um 0,5 Grad wärmer als im Mittel der Jahre 1981-2010, in Silberborn waren es an der privaten Station im Kurgarten 16,6 °C bzw. 0,6 Grad mehr als im Referenzzeitraum. Wie sehr sich der Juli in den letzten 30 Jahren erwärmt hat, zeigt der Vergleich mit den Durchschnittswerten der Jahre 1961-1990 sowie seit 1991: Gegenüber dem alten Klimamittel war er in diesem Jahr 1,6-1,7 Grad „zu warm“, gegenüber dem aktuellsten und ab 2021 offiziell gültigen Wert der vergangenen 30 Jahre hingegen mit einer Abweichung von nur +0,1 Grad „völlig normal“. Die Anführungszeichen sind bewusst gesetzt, da Schwankungen innerhalb einer gewissen Bandbreite üblich sind und Begriff wie „zu warm“ oder „zu kalt“ meist irreführend. Für eine Trendaussage ist immer die Betrachtung eines längeren Zeitraums nötig, das heißt: Auch ein kühler Monat würde den langfristigen Erwärmungstrend nicht in Frage stellen. Gleichzeitig können sich aber hinter einem unter dem Strich durchschnittlichen oder „normalen“ Monat auch sehr kühle und sehr heiße Abschnitte verbergen, während solche Tage, die dem Durchschnitt entsprechen, nur vereinzelt auftreten. Genau dies war im Juli der Fall und es lohnt sich, beide Abschnitte etwas genauer zu betrachten.

Nachdem die Hitzewelle von Ende Juni genau zum Monatswechsel ihr Ende gefunden hatte, ging es nach einem Übergangstag mit einer zunächst vorübergehenden deutlichen Abkühlung weiter. Aus Nordwesten war eine spürbar kältere Luftmasse eingeflossen, die selbst mit Sonnenschein vom 2. bis 4.  Höchstwerte von nur noch etwas über 20 Grad zuließ, in den Nächten ging es sogar bis in den einstelligen Bereich bis etwa 6 Grad abwärts. Nach zwei wieder etwas wärmeren Tagen machte der Hochsommer dann ab 7. eine längere Pause. Diese dauerte immerhin elf Tage an und war neben niedrigen Temperaturen von teils nur 16 Grad durch viele Wolken und kaum Sonnenschein geprägt. Sucht man in den Aufzeichnungen nach einem vergleichbaren Abschnitt im Juli, muss man immerhin schon 17 Jahre zurück ins Jahr 2002. Allerdings sind solche Ausreißer nach unten seit Mitte der 1980er Jahre zunehmend selten geworden, während sie zuvor immer wieder einmal auftraten. Für die Natur brachte dieser Witterungsabschnitt, der einer tiefdruckgeprägten (zyklonalen) Nordwestlage entsprach, zumindest etwas Entspannung, führten die dichten Wolken doch zunächst auch einiges an dringend benötigtem Regen mit sich und sorgten gleichzeitig für weniger Verdunstung. Für den Marktsommer in Holzminden hingegen kam er weniger gelegen, dort musste ein Auftritt wegen Regens sogar vorzeitig beendet werden.

Ab 18. stellte sich dann für ein paar Tage tatsächlich der Jahreszeit entsprechendes Durchschnittswetter mit Sonne und Wolken im Wechsel und Höchstwerten von 24 bis 30 Grad ein. Viele Wolken zeigten sich noch einmal am 22., diese gehörten zu einer Warmfront, die die nachfolgende Hitzewelle einläutete, und lösten sich im Laufe des Nachmittags und Abends auf.  Anschließend hatte uns die zweite Hitzewelle des Jahres fest im Griff. Sie dauerte bis zum Wochenende und erreichte ihren Höhepunkt am denkwürdigen 25.07. mit neuen lokalen und deutschlandweiten Rekorden. Diesmal wurde es tatsächlich so heiß, wie es schon für Ende Juni berechnet worden war: An insgesamt 26 Stationen des Deutschen Wetterdienstes und des Geoinformationsdienstes der Bundeswehr wurden an diesem Tag Höchstwerte von 40 Grad und mehr gemessen bis hin zum sehr umstrittenen Rekordwert von 42,6 °C im emsländischen Lingen, auf den der DWD weiterhin beharrt, während zum Beispiel der private Wetterdienst wetteronline.de ihn nicht anerkennt und aus seinen Toplisten entfernt hat – aus den bereits im TAH vom 27.07. erläuterten Gründen, wonach der hohe Bewuchs im direkten Umfeld der Messinstrumente für einen Wärmestau und eine künstliche Überwärmung sorgt. Diese tritt dort übrigens nicht erst seit diesem Sommer auf, war aber bisher kein Thema für eine breitere Öffentlichkeit, so lange keine Rekorde gemessen wurden. Auch im Ausland, zum Beispiel im hitzegeplagten Frankreich, sorgte der Lingener Wert für Verwunderung.

Von solchen fragwürdigen Messbedingungen sind zum Glück weder die DWD-Station in Bevern noch die private im Silberborner Kurgarten betroffen, so dass die dort aufgestellten neuen Rekorde als validiert betrachtet werden können. 37,2 °C waren es an jenem Donnerstag in Bevern, auch darüber wurde bereits kurz berichtet: Verschiedene Randbedingungen wie Feuchte im Wesertal und Ostwind sorgten dafür, dass es nicht noch heißer wurde (vorhergesagt und möglich waren rund 38 Grad), so dass zwar ein neuer Stationsrekord am Standort in der Münchhausenstraße aufgestellt, der regionale Allzeitrekord aus Boffzen mit 37,9 °C vom 09.08.1992 im Wesertal aber nicht erreicht wurde. In Alfeld-Gerzen und Hameln-Hastenbeck, den beiden nächstgelegenen DWD-Standorten auf etwa vergleichbarer Höhe, wurde es mit 37,7 bzw. sogar 38,5 °C noch ein Stück heißer.

Klar ist die Sache hingegen im Hochsolling: Dort wurde der alte Rekord von 34,2 °C, ebenfalls vom 09.08.1992, sogar um gut 1 Grad übertroffen: Bis zu 35,3 °C wurden in Silberborn am 25.07. gemessen und selbst wenn man der von der im DWD verwendeten abweichenden dortigen Messtechnik einen Strahlungsfehler von ein paar Zehntelgrad zugesteht, steht die Grundaussage außer Frage: einen solch heißen Tag gab es im Solling bisher noch nie. Auch die vier heißen Tage in Folge vom 23. bis 26. sind ein außergewöhnliches Ereignis, nur im August 2003 gab es noch mehr Hitze am Stück. Dazu kamen noch zwei Tropennächte mit Tiefstwerten nicht unter 20 Grad in Silberborn, während es im Wesertal zumindest für kurze Zeit am frühen Morgen auf etwas unter 19 Grad abkühlte. Das ist dann doch deutlich weniger unangenehm als Minima von über 25 Grad, wie sie teils im Westen und Rhein-Main-Gebiet gemessen wurden, selbst in freier Umgebung. In den dortigen Häuserschluchten war es sogar noch ein ganzes Stück wärmer.

Solch hohe Temperaturen, die dann nach und nach bis zum Monatsende auf warme, aber nicht mehr heiße Werte zurückgingen, bedeuten natürlich zusätzlichen Stress für die noch unter den Folgen des Trockenjahres 2018 leidende Natur, vor allem in den Wäldern, wo neben der vom Borkenkäfer bedrohten Fichte auch die Buche zunehmend Probleme bekommen hat. Der Niederschlag im Monat Juli war da leider auch keine große Hilfe. Auch wenn mehr Regen fiel als im rekordtrockenen Vorjahresjuli, wurden die langjährigen Mittelwerte meist deutlich verfehlt und das seit Mitte März bestehende erneute Defizit weiter vergrößert. Zudem fehlte weiterhin anhaltender Landregen, ein Großteil des gefallenen Regens stammt aus den wenigen Schauer- und Gewitterereignissen, von denen das erste am 12. hauptsächlich den Süden des Kreises traf, das zweite am 20. vorwiegend den Norden. In Summe ergaben sich in Bevern mit 58,5 mm gut 78% des Durchschnitts der Jahre 1981-2010, welcher in Silberborn bei 100,3 mm liegt, wovon immerhin rund 82%fielen. Dort zeigte sich das Tief mit dem Namen Quinctilius vom 11.-13. sehr spendabel, davor und danach dominierten auch im Hochsolling die trockenen Tage. Bei der Sonnenscheinbilanz glichen sich die sehr trübe Phase ab dem 7. und die sehr sonnigen Tage während der Hitzewelle nahezu aus, so dass die Summe von rund 197 Stunden noch auf gut 98% des Mittels der Jahre 1981-2010 kam.

Abschließend noch zwei Korrekturen zu den vorangegangenen Monatsrückblicken: Das Diagramm für den Mai im TAH vom 08.06. enthielt versehentlich die Überschrift „April 2019“, die genannten Werte waren aber korrekt. Und in der Ausgabe vom 08.07. zum Juniwetter hieß es fälschlicherweise: „hochreichende Tiefdruckgebiete (Tröge) positionierten sich östlich von uns“ – tatsächlich lagen sie natürlich westlich, denn nur so können sie auf ihrer Vorderseite warme bzw. heiße Luftmassen nach Mitteleuropa führen. (Jürgen Höneke)

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