Mittwoch, 03. Juni 2020

Wildbienen sind anders – aber wie eigentlich?

„Majas wilde Schwestern“ fördern und schützen

Weserbergland (12.08.19). In Deutschland leben etwa 600 Wildbienenarten – doch die Hälfte aller heimischen Arten stehen auf der roten Liste gefährdeter Tierarten. Einige von ihnen sind bereits ausgestorben oder unmittelbar vom Aussterben bedroht. Wildbienenschutz und Insektenschwund sind daher zu Recht in aller Munde, denn im Gegensatz zu Vögeln und Kleinsäugern können die meisten Insekten kein Jahr warten, um Nachwuchs zu produzieren. Ihr Lebenszyklus beträgt oft nur wenige Monate oder gar Wochen im Jahr. Sie sterben, bevor sie eine Chance haben, sich fortzupflanzen. Nicht nur daher sind sie gesetzlich geschützt und dürfen nicht gefangen oder beeinträchtigt werden. Ohne Frage muss sich in Landwirtschaft und Politik noch viel bewegen, um den Artenschwund zu bremsen und die Artenvielfalt zu erhalten.  Doch was kann der Einzelne angesichts einer solchen Mammutaufgabe tun?

In der NABU-Regionalgeschäftsstelle Weserbergland klingelt oft das Telefon und die Frage, was man selbst tun kann, ist der Leiterin nicht neu. „Viele Anrufer sind frustriert,“ sagt Britta Raabe und freut sich daher besonders, wenn sie neben Aufklärung zur Lebensweise der kleinen Insekten auch mit praktischem Rat zur Seite stehen kann. „Wildbienen sind nicht etwa, wie man vielleicht erstmal annehmen könnte, entflohene Honigbienen,“ klärt Raabe die Anrufer zunächst auf.

Hinter dem Begriff „Wildbienen“ verbergen sich in Deutschland vielmehr etwa 560 Arten; auch die rund 40 Hummelarten gehören dazu. Weltweit gibt es sogar mehr als 16.000 Wildbienenarten!  Die meisten Wildbienen leben solitär, also auf sich allein gestellt – und nicht als Volk. Jedes Weibchen legt Eier und sorgt selbst für die Brut vor. Allen Wildbienen ist gemein, dass sie für ihre Ernährung auf Blüten angewiesen sind. Sie ernähren sich nicht nur als „erwachsene“ Tiere von Pollen und Nektar, sie versorgen auch ihre Brut damit. Daher sind Wildbienen effizientere Bestäuber als Tiere, die nur für den Eigenbedarf Blüten besuchen, wie zum Beispiel Schmetterlinge. Wildbienen sind aber nicht nur besonders wichtig für die Bestäubung unserer Obst- und Gemüsepflanzen, sondern auch für den Erhalt vieler Wildpflanzen. Dagegen gehören zu den sogenannten staatenbildenden Wildbienen die meisten Hummelarten, welche in einjährigen Völkern leben. Ihre besonders wirksame Arbeitsweise wird teilweise gezielt eingesetzt: die Dunkle Erdhummel (Bombus terrestris) bestäubt in vielen Gemüsebaubetrieben zum Beispiel Tomatenpflanzen. Die Honigbiene hingegen ist eine domestizierte Art, die vom Menschen schon lange als Honig- und Wachslieferantin genutzt wird – sozusagen ein nützliches Haustier.

Anders als Honigbienen oder Hummeln sind alle Solitärbienen vollkommen friedfertig: „Sie stechen nur, wenn sie ihr Leben bedroht sehen, beispielsweise wenn man sie mit den Fingern drückt oder wenn man auf sie tritt,“ führt Raabe aus. Ihre Stiche sind weitaus weniger schmerzhaft als die von Honigbienen oder Wespen. Da der Stachel nicht abreißt – und somit nicht in der Haut bleibt – und nur eine geringe Menge an Gift abgegeben wird, hinterlässt der Stich keine Schwellung. Und doch: längst nicht alle Wildbienen können stechen. So ist der Stachel beispielsweise bei Sandbienen viel zu schwach, um die menschliche Haut zu durchdringen. Bei vielen Arten ist der bedrohlich aussehende Stachel nur ein Legestachel, der zur Eiablage dient – und nicht zum Einspritzen von Gift. Wildbienen sind für ihre Ernährung auf Blüten angewiesen. Zum einen sammeln sie dort Nektar, den sie selbst als „Flugbenzin“ brauchen. Zum anderen sammeln sie Pollen, mit dem sie ihren Nachwuchs versorgen. „Wenn Sie die Nahrungssituation der Wildbienen verbessern wollen, müssen Sie nicht gleich eine Blumenwiese anlegen,“ weiß die Naturschützerin. Auch die Ergänzung bestehender Beete und Rabatten durch geeignete Pflanzen erweitert das Blütenangebot. Einige Pflanzen lassen sich auch in Blumenkübeln oder -kästen kultivieren. Idealerweise sollte in einem wildbienenfreundlichen Garten von Frühjahr bis Herbst immer etwas blühen.

Biene sucht Bleibe

Die meisten Wildbienen leben solitär, also allein. Jedes befruchtete Weibchen sucht sich selbstständig einen Platz für die Eiablage. Einige Arten, wie beispielsweise die Mauerbienen, bevorzugen für ihre Kinderstube hohle Pflanzenstängel. Darin legen sie mehrere Brutzellen hintereinander an, in die jeweils ein Ei auf ein Gemisch aus Pollen und Nektar gelegt wird. Die einzelnen Brutzellen werden durch Zwischenwände aus Lehm, kleinen Steinchen oder Pflanzenfasern und Speichel voneinander getrennt. Die Larven, die aus den Eiern schlüpfen, entwickeln sich in wenigen Wochen zu fertigen Bienen, die, je nach Art und Zeitpunkt im Jahr, entweder sofort ausfliegen oder in den Brutzellen überwintern und erst im nächsten Jahr das Nest verlassen. Daher müssen alle Insektennisthilfen über den Winter draußen bleiben, sonst würden die Tiere zu früh ausfliegen und auf Grund des Blütenmangels verhungern.

Auf vergleichbare Weise legen einige Arten ihre Brutzellen in Holz an, beispielsweise in alten Käferfraßgängen, so wie die Garten-Wollbiene (Anthidium manicatum). Manche Arten nagen sich ihre Nestgänge auch selbst in abgestorbenes Holz. Ursprünglich in den Uferabbrüchen natürlicher Flussläufe nisten die Steilwandbewohner. Einige von ihnen sind unsere Nachbarn geworden: Sie nutzen beispielweise mit Lehm verputztes Mauerwerk oder Fachwerkhäuser zum Nisten, so wie etwa die Gemeine Pelzbiene (Anthophora plumipes). Doch diese Strukturen werden leider immer seltener. In hartem Zementmörtel können Wildbienen keine Nestgänge anlegen. In unseren aufgeräumten Gärten – wie auch in der freien Landschaft – werden natürliche Elemente, die Wildbienen zum Nisten nutzen können, immer seltener: abgestorbene Pflanzenstängel werden umgehend beseitigt und Totholz hat in einem „ordentlichen Garten“ auch nichts zu suchen. Mit ein wenig Hintergrundwissen können diese Strukturen aber als Nisthilfen nachempfunden werden. Wer Wildbienen Nistmöglichkeiten anbieten möchte, muss sich keine riesige Insektenwand in seinen Garten stellen. Auch kleinere Angebote werden gern angenommen. Doch nur ein Viertel der in Deutschland vorkommenden Bienenarten legt ihre Eier in Hohlräume, wie sie Insektenhotels anbieten.

Bienen im Boden

Etwa drei Viertel der in Deutschland vorkommenden Wildbienen nisten im Erdboden. Offene oder nur lückig bewachsene Flächen, auf die diese Arten angewiesen sind, werden jedoch immer seltener. Attraktives „Bauland“ sind für sie auch künstlich angelegte Strukturen, wie zum Beispiel Sandkästen, was manchmal zu Konflikten führen kann.

Wer keinen Platz für eine Sandfläche hat, kann auch Blumenkästen oder -töpfe mit Sand füllen. Egal, wie groß die Sandfläche werden soll: gewaschener Sand ist nicht geeignet, da ihm die Bindigkeit fehlt und gegrabene Gänge in ihm keine Standfestigkeit haben.

Naturnah gärtnern - nicht nur für Wildbienen

Wildbienen lassen sich relativ einfach im eigenen Garten fördern. Viele Nist- und Nahrungshabitate entstehen wie von allein durch eine hohe Strukturvielfalt. Dazu muss man seinen Kleingarten aber nicht völlig verwildern lassen: eine naturnahe Gartengestaltung kommt nicht nur Wildbienen zu Gute, auch andere Tiere profitieren davon. Wildbienen lassen sich am einfachsten fördern, den eigenen Garten nicht allzu sehr aufzuräumen und bestimmte Pflanzen, die wir gern als „Unkräuter“ wahrnehmen, auch stehen zu lassen. Disteln sind ein solches Beispiel – oder auch Brennnesseln, Schafgarbe, Habichtskraut und Löwenzahn gehören dazu. Ein kurz geschnittener Rasen ohne andere Wildkräuter wie zum Beispiel Weißklee, Günsel oder auch das bekannte Gänseblümchen, mit Torfmulch abgedeckte Beete und immergrüne Pflanzen sind der Tod von Wildbienenpopulationen.  Von neuerdings immer öfter angelegten „Steingärten“ ganz zu schweigen. (r)