Donnerstag, 04. Juni 2020

Ein weiterer sehr milder Dezember ohne Schnee

Auch 2019 bleibt es über Weihnachten unten grün und oben grau

Kreis Holzminden (11.01.20). Dass sich der Traum vieler Winterfans von der weißen Weihnacht vor der eigenen Haustür in den Niederungen nur selten erfüllt und die Wahrscheinlichkeit dafür auch in den Zeiten vor der aktuellen Erderwärmung nicht einmal bei 20 Prozent lag – darüber ist spätestens ab dem zweiten Adventswochenende jedes Jahr regelmäßig und ausführlich zu lesen, sei es im Netz oder in den Printmedien.

Auch der TAH berichtete zu Heiligabend 2018 ausführlich über die statistisch geringen Chancen in der Region und erinnerte daran, dass das letzte Fest im Schnee im sehr kalten Dezember 2010 mit seiner fast durchgängigen Schneedecke eine Ausnahme bleiben dürfte, zumal damals selbst im Wesertal über zehn Zentimeter lagen. Dass sich aber der gesamte Dezember seither nahezu durchgehend als Wintermonat abgemeldet hat, das Temperaturniveau oft dem eines Novembers ähnelt und Schnee bis in tiefe Lagen ein Ereignis von wenigen Stunden geworden ist (wenn überhaupt) – diese Entwicklung verläuft in einem bemerkenswerten Tempo, und auch der Dezember 2019 reiht sich nahtlos in diese Serie ein. Dazu war er trockener und sonniger als im langjährigen Durchschnitt.

Mit einer Mitteltemperatur von 4,25 Grad Celsius war der Dezember 2019 an der DWD-Station in Bevern um 2,16 Grad wärmer als im Mittel der Jahre 1981 bis 2010. Selbst gegenüber dem Mittel der letzten 30 Jahre betrug das Plus noch stattliche 1,6 Grad, womit er auch aus Sicht des aktuellen Klimas als sehr milder Monat einzustufen ist. Besonders markant fällt der Temperatursprung des ersten meteorologischen Wintermonats jedoch seit 2011 aus: Der Durchschnittswert der letzten neun Jahre ist auf 4,5 Grad hochgeschnellt und liegt nur noch vier Zehntelgrad unter dem Novembermittel der Periode von 1961 bis 1990, so dass der Dezember mittlerweile gern als vierter Herbstmonat bezeichnet wird. Nun muss man zwar vorsichtig sein, wenn man Phasen von knapp zehn Jahren mit vollwertigen Klimaperioden von 30 Jahren vergleicht, da zufällige Häufungen bei recht kurzen Betrachtungszeiträumen eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen können, aber im Kontext der gesamten Erwärmung fällt es schwer, an eine nur vorübergehende und eher zufällige Entwicklung zu glauben.

Von Kritikern und Skeptikern wird in diesem Zusammenhang gerne auf eine Reihe sehr milder Dezember vor gut 100 Jahren verwiesen – und in der Tat findet sich das bis heute wärmste Zehnjahres-Dezembermittel mit etwas über 2,3 Grad Celsius im deutschen Gebietsmittel in den Jahren 1908 bis 1917 (lokale Daten aus jenen Jahren gibt es leider nicht). Allerdings ist selbst dieser Wert noch über ein Grad niedriger als im laufenden Jahrzehnt (und wird somit im Jahr 2020 sicher abgelöst werden) und vor allem gab es damals keinen anderen Monat mit einer vergleichbaren Häufung positiver Anomalien, geschweige denn ein nachhaltig ansteigendes Jahresmittel, wie wir es seit 1988 beobachten.

Im Gegenteil: in diesen Zeitraum fallen gleich drei bis heute rekordkalte Monate: August und September 1912 sowie April 1917. Die milden Dezember jener Jahre waren somit ein vorübergehendes und wohl tatsächlich eher zufälliges Ereignis, während die Lage gut 100 Jahre später eine ganz andere ist: Heute fügen sich die vielen sehr milden Dezember ein in die globale Erwärmung sowie in einen seit Sommer 2013 andauernden, nochmals verstärkten Temperaturanstieg in Mitteleuropa.

All das bedeutet jedoch nicht, dass der Dezember zukünftig immer so oder so ähnlich verläuft wie in den letzten sieben Jahren (2012, so viel Zeit und Platz muss sein, reichte es ja durchaus noch einmal für eine winterliche erste Monatshälfte), dazu ist das mitteleuropäische Klima nach wie vor viel zu variabel. Auch weiße Weihnachten und selbst ein Dezember wie 2010 sind weiterhin möglich, die Wahrscheinlichkeit hierfür nimmt aber weiter ab. Nicht bestätigt hat sich bisher hingegen die Theorie, wonach die Winter im Zuge der globalen Klimaentwicklung in Mitteleuropa wieder kälter werden, weil aufgrund der Erwärmung und der Eisschmelze in der Arktis der die atlantische Tiefdruckentwicklung anfachende Temperaturgegensatz zwischen den polaren Breiten und den Subtropen abnimmt und damit milde Luftmassen vom Atlantik seltener den Weg zu uns finden. Gegenwärtig kann weder eine über die normalen Schwankungen hinausgehende Veränderung der Westwetterlagen (zonale Zirkulation) festgestellt werden noch eine Zunahme kalter Großwetterlagen, im Gegenteil: In den letzten Wintern kam es eher zu vermehrten südlichen Strömungen.

Zu beachten ist zudem, dass selbst ein sehr milder Dezember Frost und Schnee keinesfalls ausschließt, womit wir zurückkehren zum lokalen Wettergeschehen im vergangenen Monat. Der begann nämlich durchaus winterlich mit einem Dauerfrost- oder Eistag an der Station des DWD in Bevern. Die Nacht zum Ersten war mit Frost bis minus 2,9 Grad die drittkälteste des Monats, und am Morgen hatte sich über dem Wesertal Hochnebel gebildet, der sich den gesamten Tag über hartnäckig halten sollte. In der ausgekühlten Grundschicht verharrte die Temperatur daher unter dem Gefrierpunkt. Bis zum Nikolaustag gab es unter Hochdruckeinfluss regelmäßig leichten Nachtfrost, und es blieb trocken, die Sonne gab es allerdings erst am 5. Dezember zu sehen und bis Monatsmitte nur an zwei weiteren Tagen.

Die Großwetterlage stellte sich ab Nikolaus um auf eine längere, tiefdruckgeprägte Phase mit Wolken, Wind und Niederschlägen, die nur in den hohen Lagen des Kreises vorübergehend auch mal als Schnee oder Schneeregen fielen. Bis Monatsmitte herrschte eine vorwiegend westliche, anschließend bis zu den Feiertagen eine meist südliche Strömung, in der die Nächte durchweg frostfrei blieben und tagsüber oft Höchstwerte um zehn Grad erreicht wurden. Heiligabend und der erste Feiertag waren mild und verregnet, anschließend brachte eine Front aus Nordwesten kältere Luft mit, die schnell unter Hochdruckeinfluss geriet, so dass der Wettercharakter nach Weihnachten ein ganz anderer war: Nun konnte sich die Sonne häufig zeigen, es blieb trocken, nachts wurde es regelmäßig frostig und selbst tagsüber ging es zumindest am 28. und 29. kaum noch über den Gefrierpunkt, bevor an den letzten beiden Tagen des Jahres wieder mildere Luftmassen eingesteuert wurden.

Auch wenn der Monat vielen insgesamt grau und verregnet vorgekommen sein mag, stand am Ende ein deutliches Plus beim Sonnenschein und ein Defizit beim Niederschlag. Bei der Sonnenscheindauer ist zu berücksichtigen, dass das langjährige Mittel nur wenig über 30 Stunden liegt und auch eine große prozentuale Abweichung mehr für die Statistik ist als etwas, das man in dieser Größenordnung tatsächlich wahrnimmt. Konkret heißt das: Die Sonne zeigte sich rund 52 Stunden lang, das sind mehr als 150 Prozent des Mittels der Jahre 1981 bis 2010, aber umgerechnet immer noch weniger als zwei Stunden pro Tag. Die reale Verteilung sah natürlich anders aus: Sonne von früh bis spät, zur Zeit der „kürzesten Tage“ reicht das im Wesertal noch für knapp sieben Stunden, gab es nur am 5. Dezember, an vier weiteren Tagen wurde immerhin die Marke von fünf Stunden überschritten, aber 19 Tage zeigte sich die Sonne weniger als eine Stunde und davon an 15 überhaupt nicht.

Niederschlag fiel mal mehr und mal weniger zwischen dem 6. und 25. Dezember, am meisten vor Monatsmitte und zu Beginn der Feiertage, während die erste und letzte Pentade nahezu trocken blieben. Unterm Strich waren es in Bevern 64,2 mm oder knapp 77 Prozent des Mittels der Jahre 1981 bis 2010. Auch an den anderen Messstellen im (Um)-Kreis waren es meist etwas unter 80 Prozent des Durchschnitts. An der höchstgelegenen Station der Region im Silberborner Kurgarten auf 428 Metern fielen mit 89,7 mm ebenfalls 77 Prozent des langjährigen Klimawertes – fast, aber nicht vollständig als Regen, so dass zumindest eine Station im Kreis ein wenig Schnee vermelden konnte. Am Nachmittag des 11. wurde es langsam etwas weiß im Solling, der 12. und 13. gehen mit einer morgendlichen Schneedecke von rund 3 cm in die Statistik ein – immerhin also kein schneeloser, aber ein für diesen Standort signifikant schneearmer Dezember. Die Monatstemperatur betrug 2,9 Grad Celsius und die Abweichung lag im Vergleich zum lokalen Klimamittel mit plus 2,7 Kelvin noch etwas höher als im Wesertal. Auch im Hochsolling war der Dezember 2019 deutlich mehr Herbst als Winter. (Jürgen Höneke)