Donnerstag, 04. Juni 2020

Der Februar 2020 war sehr mild mit kräftigen Stürmen und sehr viel Regen

Kreis Holzminden (09.03.2020). Der dritte und letzte meteorologische Wintermonat geht als außergewöhnlich wetteraktiv in die regionale Klimastatistik ein: Sowohl bei der Temperatur als auch beim Niederschlag wurden die zweithöchsten Werte seit Aufzeichnungsbeginn gemessen. Dazu fegten mehrere Stürme über den Kreis hinweg und sorgten für umgestürzte Bäume und gesperrte Straßen. Schnee, bereits in den letzten beiden Wintern Mangelware, gab es diesmal überhaupt nicht in den Niederungen des Wesertals, dort war es nach 2008 der zweite Winter ohne Schnee. Stattdessen setzte es Regen satt, wie man ihn seit dem Sommer 2017 nicht mehr erlebt hatte. Im Solling konnte sich der Winter dagegen in seinen letzten Tagen Ende Februar aufraffen und für eine Schneedecke von gebietsweise bis zu 15 cm sorgen. Ein „Winterwunderland“ wollte sich angesichts des schweren, nassen Schnees aber auch dort nicht einstellen, Schlitten und Ski mussten weiterhin im Keller bleiben. Die vielen Regenwolken ließen zudem nur wenig Platz für die Sonne, die sich deutlich weniger als im langjährigen Durchschnitt zeigen konnte.

Mit einer Mitteltemperatur von 6,2 °C war es an der DWD-Station in Bevern im Februar 2020 um 4,4 Grad wärmer als im Durchschnitt der Jahre 1981-2010. Noch wärmer war es nur vor 30 Jahren, als am früheren Stationsstandort in Holzminden 6,8 °C gemessen worden waren. An 13 Tagen lag die Höchsttemperatur über zehn Grad, am wärmsten wurde es am 16.02. mit einem neuen Dekadenrekord von 16,3 °C. Die hohe Monatsmitteltemperatur ist aber ebenso ein Ergebnis der nahezu völlig ausgebliebenen Kälte: Nur in zwei Nächten fielen die Werte in Bevern leicht unter den Gefrierpunkt. Die durchschnittliche Anzahl an Frosttagen beträgt im langjährigen Vergleichszeitraum fast 16, der Minusrekord aus den Jahren 1961 und 1990 mit je einem Frosttag wurde nur knapp verfehlt.  Das neue Klimamittel für die Monatstemperatur im Februar der Periode 1991-2020 liegt für den Standort Bevern mit Abschluss dieses 30-Jahres-Zeitraums bei 2,43 °C und damit etwas mehr als ein Grad über dem Klimawert 30 Jahre zuvor. Der Februar hatte sich zunächst ein ganzes Stück weniger stark erwärmt als der Januar, im letzten Jahrzehnt aber aufholen können – trotz der beiden sehr kalten Vertreter 2012 und 2018. Kennzeichen des Februars bleibt seine starke Schwankung, die sich statistisch in der höchsten Standardabweichung aller zwölf Monate ausdrückt.

In Silberborn lag die Monatstemperatur mit 3,6 °C um 3,8 K über dem dortigen Mittel der Jahre 1981-2010, es war also nicht nur absolut, sondern auch relativ zum Lokalklima weniger mild als im Wesertal. Der Grund dafür liegt in der tiefdruckgeprägten Westwetterlage, die den Monat mit nur einer kurzen Pause dominierte und in dieser Persistenz im Februar bisher noch gar nicht beobachtet wurde. Eine solche Großwetterlage ist geprägt von einer meist recht glatt verlaufenden atlantischen Frontalzone, an der die Tiefs wie an einer Perlenschnur von West nach Ost ziehen, man spricht von einer zonal ausgerichteten Zirkulationsform. Höhenwinde können meist gut bis in die Grundschicht am Boden heruntergemischt werden, was zwei Folgen hat: Der vertikale Temperaturgradient ist gut ausgeprägt, so dass die Lufttemperatur nach oben pro 100 m um bis zu 0,1 K abnimmt, es in Silberborn auf über 400 m also gut drei Grad kälter ist als im Wesertal auf rund 100 Höhenmetern. Dieser Effekt tritt nicht an jedem Tag gleich stark zutage und ist im Winter mangels Sonneneinstrahlung ohnehin etwas schwächer ausgeprägt als im Sommer, so dass die gemessene Differenz zwischen Bevern und Silberborn zwar „nur“ 2,6 K betrug, was aber deutlich mehr ist als beispielsweise im Dezember 2019, als es in Bevern lediglich 1,4 K wärmer war als in Silberborn.

Die zweite Folge der aktiven Westwetterlage: Es konnten sich gleich mehrere Sturmtiefs bilden, die zwar nicht die Intensität und Schadenshöhe der Sturmserie vor 30 Jahren erreichten (siehe hierzu den Sonderbericht im TAH vom 26. Februar), aber dennoch für gesperrte Straßen im Kreis sorgten, teils wegen umgestürzter Bäume, teils als vorbeugende Vorsichtsmaßnahme aufgrund der Gefahr, die von den trockenheitsgeschädigten Wäldern und Bäumen weiterhin ausgeht. Am stärksten fegte „Sabine“ am 9.2. mit Windstärken von bis zu 10 Beaufort über die Region hinweg, es ist nicht auszuschließen, dass in höheren und freien Lagen auch einzelne Böen mit Stärke 11 (mindestens 104 km/h) dabei waren. Auch wenn die nachfolgenden Stürme weniger stark ausgeprägt waren, blieb das Muster bis zum Monatsende quasi dasselbe: Vor allem an den Wochenenden wurde es stürmisch und vorübergehend sehr mild, anschließend sorgten Kaltfronten für weitere stürmische Böen vor allem in Schauernähe, bevor es um die Wochenmitte etwas kälter und weniger windig wurde. In der Nacht zum 11. Februar weckte sogar ein Wintergewitter mit Blitz und Donner die Bewohner in der Kreisstadt, zudem gab es auch tagsüber kurzzeitig festen Niederschlag bis in die Niederungen, weil sich in höhenkalter Luft Graupelschauer entwickeln konnten. Optisch reizvoll vor allem für Hobbyfotografen ist bei einer solchen gern als „Aprilwetter“ bezeichneten Lage die rasche Abfolge von sonnigen Abschnitten und dunklen Schauerwolken mit schnell wechselnden Lichtstimmungen.

Der anhaltende Tiefdruck sorgte dafür, dass nach zuvor zwei recht trockenen Wintermonaten endlich Zählbares in die Messbecher und vor allem in die Böden fiel. Bis auf die kurze Hochdruckphase nach Monatsbeginn regnete es fast täglich und oft ergiebig, am meisten am 23.2., als in der Region flächig 20 mm und mehr als Tagessumme gemessen wurden. Unterm Strich stand schließlich der zweitnasseste Februar im Wesertal mit einer Summe 143,6 mm in Bevern, was fast der zweieinhalbfachen Menge des Durchschnitts der Jahre 1981-2010 entspricht. In Silberborn regnete (und schneite) es mit 156,7 mm noch etwas mehr, allerdings wurden im feuchteren Hochsolling mit einem Klimamittel von 81,6 mm für die Jahre 1981-2010 seit Messbeginn 1937 immerhin schon fünf Februarmonate mit noch mehr Niederschlag registriert, zuletzt 2002.

Bei so viel Regenwolken hatte die Sonne nur wenig zu melden: Mit ca. 49 Stunden wurden in der Region nur rund 70% des langjährigen Durchschnitts erreicht. Zum Vergleich: in den beiden Jahren zuvor waren es mit 108 und 113 Stunden mehr als doppelt so viele.

Winterbilanz

Über den ausgefallenen Winter 2020 haben wir in dieser Zeitung in den letzten Wochen schon mehrfach berichtet, deshalb und aus Platzgründen sei hier nur das Wichtigste zusammengefasst: An der DWD-Station Bevern lag die Temperatur mit 4,94 °C um 3,2 K über dem Mittel von 1981-2010, gleichbedeutend mit dem zweitwärmsten Winter seit Messbeginn hinter dem Spitzenreiter 2007, der es auf 5,54 °C brachte. Nur 23 Frosttage sind zusammen mit 1975 die zweitwenigsten nach 2007 (16), ebenso gibt es mit 7,3 K die zweitniedrigste Kältesumme (Summe aller negativen Tagesmittel) nach 1975 zu vermelden (6,4 K). Lediglich ein Eistag direkt zu Winterbeginn am 1.12. spielt ebenfalls weit vorn mit (1975 und 1989 blieben ohne einen Dauerfrosttag). Und einen alleinigen Rekord hat sich der Winter 2020 dann doch geholt: Die Tiefsttemperatur von -4,4 °C, gemessen am 2. Januar, lag an der Station Bevern so hoch wie noch nie, der bisherige Rekord von -5,5 °C aus dem Winter 1989 wurde deutlich überboten.

Die Niederschlagssumme in Bevern übertraf mit 248,6 mm das Klimamittel um gut 11%, so dass Trockenheit in den oberen und mittleren Bodenschichten nach dem regenreichen Februar vorerst kein Thema mehr ist. In der Tiefe bleibt aufgrund des verzögerten Einsickerns der Feuchtigkeit noch abzuwarten, wie nachhaltig sich die Situation entspannt. Sonnenscheinreichster Monat war der Dezember trotz seiner geringsten astronomisch möglichen Sonnenscheindauer, der Januar blieb leicht, der Februar deutlich unterdurchschnittlich – die Summe von 143 Stunden entspricht fast genau dem langjährigen Mittel.

Die endgültige Auswertung der Silberborner Messwerte förderte dann noch eine Überraschung zu Tage: Mit einer Mitteltemperatur von 2,98 °C liegt der Winter 2020 bis auf das Hundertstel Grad genau auf dem Niveau des Rekordhalters von 2007. Auf den ersten Blick verwirrend, weil der Rekord in Bevern mit 0,6 K ja recht deutlich verfehlt wurde, doch bei genauer Betrachtung bestätigt sich, dass der Winter 2007 in den mittleren Lagen nicht so weit nach oben vom Klimawert abwich wie in den Niederungen (+3,2 K in Silberborn, +3,8 K in Bevern). Der für den diesjährigen Februar oben im Text beschriebene kräftige Durchmischungseffekt trat damals fast im gesamten Winter auf. Was noch berücksichtigt werden muss: Vor 13 Jahren wurde auf einem gut zehn Meter höher gelegenen Standort mit manuellen Instrumenten in einer englischen Hütte gemessen, so dass keine ganz identischen Bedingungen vorliegen. Auch die Ablesezeiten für die Errechnung des Tagesmittels waren damals andere als heute und zu guter Letzt hatte der aktuelle Winter noch den Vorteil des milden Schalttages am Ende – ein Streit um den wärmsten Winter im Hochsolling würde deshalb eher philosophischer Natur sein und soll daher an dieser Stelle sogleich salomonisch mit dem Schiedsspruch „Unentschieden“ wieder beigelegt werden.  Unverändert ist die Niederschlagsmessung geblieben, diese wird in Silberborn weiter von Hand und per Augenablesung vorgenommen und ergab eine Summe von 309,2 mm, das sind sechs Millimeter oder 2% mehr als im langjährigen Durchschnitt. Historisch niedrig war die Anzahl der Schneedeckentage mit nur sechs zum morgendlichen Messtermin, so zahnlos hatte sich der Winter zuvor im Hochsolling noch nie seit Messbeginn 1937 gezeigt. Dazu passt auch der Tiefstwert von -4,5 °C, der auch dort so hoch lag wie in keinem Winter zuvor.

Diagramme und weitere Messwerte sowie eine Diashow mit einem fotografischen Streifzug durch den lokalen Winter finden interessierte Leser wieder auf der Internetseite https://wesersollingwetter.wordpress.com.  (Jürgen Höneke)