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Samstag, 28. November 2020

Barcelona und das Coronavirus

In der Mittelmeermetropole herrscht Ausgangssperre – ein Holzmindener ist mittendrin

Barcelona/Holzminden (14.04.2020). Das Coronavirus wirbelt das Leben im Landkreis ganz schön durcheinander. Auch in anderen Teilen der Welt herrscht Chaos. In Italien und Spanien gilt bereits seit einigen Wochen eine strikte Ausgangssperre. Wie sieht die Lage vor Ort in Barcelona aus, wenn man direkt betroffen ist und in einer der Touristen-Hochburgen der Welt wohnt? Der Holzmindener Christoph Streicher lebt seit vielen Jahren in der spanischen Metropole und berichtet für den TAH über das Leben mit der Ausgangssperre.

In der Traumstadt Barcelona trotz Ausgangssperre

Die Frühlingssonne lockt an einem Wochenende normalerweise tausende Besucher und Einheimische an die Promenade vom Stadtstrand in Barcelona zum Flanieren. Doch wo sich sonst um den besten Platz in der Strandbar gestritten wird, streiten zurzeit nur ein paar Möwen. Vereinzelt schicken ein paar Polizisten diejenigen, die unbedingt noch das perfekte Foto am menschenleeren Strand haben wollen oder einfach sich mal die Beine vertreten wollen, mit scharfem Ton nach Hause.

Hotels in Barcelona müssen schließen

Eine Szene wie aus einem Endzeitfilm. Im Moment ist sie durch die Ausgangssperre wegen des Coronavirus jedoch real – das Leben in der Stadt steht fast vollständig still. Die Kräne an der Sehenswürdigkeit Sagrada Familia sind nicht mehr in Bewegung. Auf die paar Wochen mehr an Bauzeit kommt es jetzt auch nicht mehr an, sagen manche. Auf den weltberühmten Las Ramblas gibt es statt Taschendieben und Gauklern ebenfalls nur noch gähnende Leere. Touristen gibt es nicht mehr. Die spanische Regierung hatte angeordnet, dass alle Hotels und Unterkünfte schließen müssen. Viele von ihnen sind im Eiltempo zu Krankenstationen umgebaut worden, genauso wie große Sport- und Messehallen.

Nachbars Lumpi wird zum Miet-Hund in der Corona-Krise

Ausgangssperre in Barcelona heißt für die übrig gebliebenen Bewohner: Man darf nur raus, wenn man wirklich muss – oder wenn der Hund mal muss. In den verschiedenen WhatsApp-Gruppen kursieren Miet-Modelle für Hunde. Man schnappt sich also im wahrsten Sinne des Wortes Nachbars Lumpi, um wenigstens mal ein paar Schritte an der frischen Luft zu machen. Zu weit vom eigenen Wohnort darf man sich allerdings nicht entfernen, die Polizei schaut auch hier genau hin und fordert teilweise harte Geldstrafen. Bei jedem Gang an die frische Luft soll man ein Formular mit sich tragen, auf dem steht, woher man kommt und wohin man geht. Philosophische Fragen in Zeiten der Corona-Krise.

Einkaufen in Barcelona wird zur Geduldsprobe

Neben dem Gassi-Gehen sind die überlebenswichtigen Dinge des täglichen Lebens ebenfalls erlaubt. Einkaufen wird so für viele zum Highlight des Tages – aber auch zu einer Geduldsprobe. Denn viele Supermärkte lassen nur eine bestimmte Anzahl an Kunden in das Reich von Nudeln und Klopapier. Hamsterkäufer würden sich in der Stadt sicher ärgern, denn noch gibt es in den Regalen fast alles. Ab und zu wird an manchen Orten mal das Gemüse knapp – am nächsten Tag gibt es dann aber meist wieder volle Regale.

Lange Schlangen kannte man in Barcelona sonst nur vom Anstehen an den Sehenswürdigkeiten. Jetzt erwischt es also auch die Supermärkte. Im Abstand von rund zwei Metern warten die Kunden geduldig auf Einlass. Allerdings wird dabei oft lautstark ein kleiner Plausch mit den Nachbarn vom Balkon geführt – wohl dem, der über einem Supermarkt wohnt.

Im Supermarkt selbst nimmt man sich am Eingang Einweg-Handschuhe, die man sonst vom Diesel-Tanken an der Tankstelle kennt, und huscht durch die Regale. Immer darauf bedacht, anderen Kunden nicht zu nah zu kommen. Verschiedene Gesundheitsorganisationen empfehlen nach dem Supermarktbesuch nicht nur das ausgiebige Händewaschen, sondern zudem noch das Duschen und das Desinfizieren von Schuhen, Handys und Schlüsseln.

Rudel-Klatschen auf den Balkonen der Stadt

Aber es gibt in Zeiten von Ausgangssperre und Co(rona) auch die schönen Dinge, die die Stadt wunderbar beschreiben und das mediterrane Leben wieder aufblitzen lassen. Jeden Tag um 20 Uhr trifft man sich auf den kleinen Balkonen, am Fenster oder auf der Dachterrasse, um etwa fünf Minuten so zu jubeln, als hätte der FC Barcelona gerade im Stadion Camp Nou den Rivalen aus der Hauptstadt Madrid besiegt. Da aber auf lange Zeit im Stadion kein Match mehr stattfindet, gilt der Applaus, völlig zu Recht, dem medizinischen Fachpersonal, das auch hier zur Zeit übermenschliches leistet.

Zum Applaus der Bewohner stimmt sich inzwischen das laute Hupen der Schiffe ein, die im Hafen von Barcelona liegen. Auch viele Polizeistreifen treffen sich ebenfalls um Punkt 20 Uhr vor den verschiedenen Krankenhäusern der Stadt und erhellen die Nacht mit ihrem Blaulicht als Dank an das Personal. Durch Corona tragen die Helden der Stadt plötzlich kein Fußball-Trikot mit der Nummer 10 mehr, sondern Kittel und Uniform – fünf Minuten Gänsehaut jeden Tag.

Den Barcelona Wermut trinkt man jetzt in der E-Kneipe

Auch sonst arrangiert man sich in der Stadt so gut es geht mit der neuen Situation. Statt Bier und Wermut zum Feierabend in der Eck-Kneipe zu trinken, gibt es jetzt die E-Kneipe – die elektronische Kneipe. Per Skype oder FaceTime wird dabei zu Hause auf dem Sofa getrunken und diskutiert, wie ruhig der Sommer wohl werden wird und welche wilden Tiere wohl als Nächstes auf den Prachtstraßen der Metropole gesichtet werden.

Am Wochenende kamen die ersten Wildschweine aus den umliegenden Wäldern in die Stadt. Ob sie einen Diskobesuch planten oder einfach auf der Suche nach Futter waren, kann an dieser Stelle nicht vollends geklärt werden. Zudem wird die Luft in der sonst eher vom Smog belasteten Stadt besser. „So gut war die Luft in Barcelona in diesem Jahrhundert noch nie”, titeln die lokalen Tageszeitungen, denen sonst eher Hiobsbotschaften die Seiten füllen.

Die Balkon-Konzerte von Barcelona

Da logischerweise das berühmte Nachtleben stark eingeschränkt ist, haben Musiker und DJs keine Bleibe mehr. So bringt die Corona-Krise andere kreative Ideen ans Tageslicht – besser gesagt in die Nacht. Musiker wie die Band “The Beats Of Burden” geben am Wochenende Konzerte auf den Balkonen der Stadt. Das Stadtzentrum „Eixample” ist eine der dichtbesiedelsten Gegenden der Welt und so freuen sich die jungen Musiker über viele Zuschauer auf den umliegenden Balkonen oder per Stream im Internet – „Wonderwall” klang noch nie so schön wie in diesen Zeiten.

Die Dachterrassen als neuer Hotspot

Nachdem der Social Distancing Kater am nächsten Morgen verflogen ist, geht es für viele raus an die frische Luft. Natürlich nicht vor die Tür – es hat ja schließlich nicht jeder einen Hund und die Supermärkte brauchen auch mal einen Tag Pause am Sonntag. Viele Bewohner der Stadt haben die sonst wenig genutzten Plätze auf der Dachterrasse zum neuen Lebensmittelpunkt umfunktioniert. Wer viel Platz hat, nutzt sie zum Beispiel als Laufstrecke oder um ein bisschen Fußball oder Volleyball zu spielen, um für die Zeit nach der Ausgangssperre fit zu bleiben.

Wer wenig Platz hat, genießt zumindest auf dem Stuhl in einer Ecke die Frühlingssonne oder baut sich sein eigenes Fitness- oder Yoga-Studio zusammen. Wer keine Terrasse hat, macht es sich am Fenster oder auf dem Sofa gemütlich.

Immerhin gibt es dann den Plausch über die Straße mit den bis dato unbekannten Nachbarn und hier und da vernimmt man den Anfeuerungsruf „zusammen schaffen wir das”. Man ruft zurück in die Gassen und hofft, dass dieses Land es wirklich schafft. (Christoph Streicher)

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