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Samstag, 28. November 2020

Ein Frühlingsmonat mit zwei Gesichtern

Der März 2020 war erst nass und mild, dann sehr sonnig und zunehmend frostig

Kreis Holzminden (06.04.2020). Der erste meteorologische Frühlingsmonat zeigte sich in der Region von zwei sehr verschiedenen Seiten: Bis kurz vor Monatsmitte setzte sich die seit Ende Januar fast ununterbrochen andauernde tiefdruckgeprägte Westlage mit mildem und regenreichem Wetter fort, anschließend vollzog sich ein rascher Wechsel hin zu einer hochdruckdominierten, sehr trockenen und außergewöhnlich sonnenscheinreichen Witterungsphase, in deren Verlauf es nach vorübergehend frühlingshafter Wärme zunehmend kälter und frostiger wurde. So war die Nacht zum 30. die kälteste des gesamten Winterhalbjahres, während die zweite Monatshälfte den mit Abstand meisten Sonnenschein seit Aufzeichnungsbeginn brachte.

Mit einer Mitteltemperatur von 6,0 °C war es an der DWD-Station in Bevern im März 2020 um 1,1 Grad wärmer als im Durchschnitt der Jahre 1981-2010. In der Messreihe Bevern/Holzminden, die seit Juni 1934 besteht, sortiert sich der abgelaufene März im oberen Mittelfeld ein: 19 wärmeren stehen 64 kältere und zwei gleichwarme Märzmonate gegenüber. Ein Blick auf die 30-jährigen Referenzmittel der Welt-Meteorologie-Organisation WMO zeigt die fortschreitende Erwärmung: Betrug die Durchschnittstemperatur von 1961-1990 noch 4,0 °C, liegt sie 30 Jahre später für den Zeitraum von 1991-2020 bereits bei 5,2 °C. Die Hochsollingstation in Silberborn meldete eine Monatstemperatur von 3,8 °C, was einer Abweichung von +0,9 Grad gegenüber dem Klimawert der Jahre 1981-2010 entspricht, dort war es also relativ betrachtet rund zwei Zehntel weniger mild als in Bevern. Eine Besonderheit am Rande: In Bevern fiel der Februar wärmer aus als der März – eine solche Konstellation tritt in rund 10% der Jahre in der lokalen Messreihe auf, allerdings fallen nunmehr sechs der bisher neun Fälle in die Zeit ab 1987, wobei unklar ist, ob es sich um eine eher zufällige Häufung handelt. In Silberborn hingegen war der März um zwei Zehntel wärmer als der Februar.

Wie so oft lohnt es sich aber, das Zustandekommen der Monatsmitteltemperatur genauer zu betrachten, und da fallen wie eingangs erwähnt sehr unterschiedliche Großwetterlagen auf: Bis zum Ende der zweiten Märzwoche dominierten Tiefs vom Atlantik mit milder Meeresluft, vielen Wolken und regelmäßigen, teils ergiebigen Regenfällen, im Grunde eine Fortsetzung des Februarwetters bei allerdings abnehmender Sturmtätigkeit. Die Sonne konnte sich meist nur kurz zwischendurch zeigen mit kaum mehr als zwei Stunden pro Tag im Schnitt. Im Laufe des zweiten Wochenendes vollzog sich dann der Übergang zu einer Hochdruckbrückenlage, die deutlich mehr Sonnenschein und die wärmste Phase mit Höchstwerten von mehr als 15 Grad an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen brachte. Das Weserhochwasser, das den Rad- und Fußweg am Holzmindener Ostufer unpassierbar gemacht und die Weserwiesen teils unter Wasser gesetzt hatte, erreichte zur Monatsmitte seinen Höhepunkt und ging anschließend rasch zurück.

Nach einem kurzen Frontdurchgang verlagerte sich der Hochdruckschwerpunkt schließlich nach Nordosteuropa. Hoch „Jürgen“ führte ab dem Beginn der dritten Monatsdekade sehr trockene und kalte Festlandsluft aus Nordost bis Ost nach Mitteleuropa, die Folge waren ein tiefblauer, oft wolkenloser Himmel, frostige Nächte und trotz kräftiger Sonnenunterstützung Höchstwerte im einstelligen Bereich. Dieser Wetterlagentyp war im gesamten Winter nicht aufgetreten. Mit leichter Winddrehung auf Südost wurde es anschließend erst geringfügig, zum Ende der vierten Woche kurzzeitig deutlich wärmer, bevor das nachrückende Hoch „Keywan“ über dem Nordostatlantik vor Anker ging und zum Monatsende auf seiner Vorderseite polaren Luftmassen aus nördlichen Breiten die Tür öffnete. Die Luft strömt im Uhrzeigersinn um ein Hochdruckgebiet, daher führen nordwestlich liegende Hochs je nach Achslage und Ausrichtung Luft aus Nordwesten oder Norden heran. Dies führte zur kältesten Nacht des Winterhalbjahres mit Tiefstwerten bis -6 Grad in den Niederungen und -8 Grad im Hochsolling und leider auch zu Schäden in der Vegetation, wie das Foto einer erfrorenen Magnolienblüte zeigt.

In der kalten Luft kam es zudem zu Schneeschauern bis in die Niederungen, eine Schneedecke konnte sich dabei aber nicht ausbilden, so dass erstmals seit Messbeginn das gesamte Winterhalbjahr ohne einen Schneedeckentag im Wesertal zu Ende ging. Theoretisch ist zwar sogar im April noch Schnee bis in die tiefsten Lagen der Region möglich – so stammt die späteste gemessene Schneedecke aus Holzminden vom 20.04.1980 – die mittelfristigen Modellrechnungen sprechen aber dagegen und zeigen eine warme zweite Aprilwoche. Schneeschauer im April sind hingegen keine Seltenheit, erst vor einem Jahr am 13.04.2019 wirbelten Flocken bis ganz runter, aber liegen bleibt er so spät im Jahr meist nur noch im Solling. Dort zeigte sich am 30. März in diesem Jahr ein recht ungewöhnliches Bild: während es im gesamten Ort inklusiv der höchsten Stellen am Hang des Moosbergs grün war, lag ab der Ortsgrenze an der Landstraße zur B497 Schnee auf und unter den Bäumen des Fichtenwaldes, nicht viel, aber doch deutlich sichtbar.

Die Niederschlagsbilanz folgt der beschriebenen Wetterlagenentwicklung des Monats. Die Überschüsse der ersten beiden Wochen wurden durch die anschließenden sehr trockene Hochdrucklagen aufgezehrt, so dass sich die Monatssumme in Bevern mit 60,2 mm im Bereich der Durchschnittswerte ab 1991 bewegte, wobei das Mittel der nasseren Periode von 1981-2010 um immerhin gut 17% verfehlt wurde. Auch wenn die ergiebigen Regenfälle des Februars mittlerweile in den tieferen Bodenschichten angekommen sind und gegenwärtig noch keine erneute meteorologische Dürre vorliegt, dürfte sich dies im Laufe der ersten Aprilhälfte bereits wieder ändern angesichts der weiterhin trockenen Aussichten. Der Waldbrandgefahrenindex ist bereits gestiegen in den letzten Wochen und bietet einen Anhaltspunkt dafür, dass die oberen Bodenschichten bereits wieder austrocknen. In Silberborn fielen mit 79 mm nur rund 81% des dortigen Mittels der Jahre 1981-2010.

Umgekehrt zum Niederschlag verhielt sich die Sonnenscheindauer: Ab 14. März betrug diese im Schnitt fast acht Stunden pro Tag, herausragend war dabei die Woche vom 22. bis 28. mit über 79 Stunden an sieben Tagen und rund 99% „Ausbeute“ der zu dieser Jahreszeit maximal messbaren Menge (die aufgrund der Höhenzüge der Umgebung um knapp eine Stunde unter der astronomisch möglichen Dauer liegt). Es handelt sich dabei um eine der längsten bisher beobachteten Abfolge von Tagen mit der nahezu maximal möglichen Sonnenscheindauer. Das Himmelsbild dazu war aufgrund der sehr trockenen Kontinentalluft oft tiefblau, lediglich am Mittwochnachmittag trübten ein paar Cirren und am Freitag in wärmerer Luft etwas Dunst den „makellosen“ Eindruck. (Jürgen Höneke)

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