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Dienstag, 01. Dezember 2020

Vom launischen Gesellen zum Frühsommerboten

Die Entwicklung des Aprilwetters in den vergangenen 30 Jahren / Teil 1

Kreis Holzminden( 20.04.2020). Auch in diesem Jahr bescherte der April der Region bereits in der ersten Hälfte frühsommerliche Temperaturen mit bis zu 24 Grad und Sonne satt. Deutschlandweit betrachtet wurden ab dem 7. April sogar die ersten meteorologischen Sommertage gemessen, und solche Ereignisse sind keine Ausnahmen mehr: Erst vor zwei Jahren war es im Laufe der ersten Dekade ähnlich warm und immer häufiger können sich im ursprünglich als sehr launisch und wechselhaft geltenden zweiten meteorologischen Frühlingsmonat stabile Hochdrucklagen etablieren, die in Mitteleuropa zu längeren warmen und sehr trockenen Witterungsabschnitten führen. Und das zu einer Zeit, in der die Vegetation in der Wachstumsphase eigentlich auf mehr Regen angewiesen ist, zumal bei höherer Verdunstung durch Wärme und Sonnenschein.

Ist das noch Wetter oder schon Klima? – Diese Frage stellt sich aufgrund der rasanten Entwicklung zwangsläufig und man kann sie angesichts der Daten der letzten Jahrzehnte klar beantworten: In kaum einem anderen Monat sind die Veränderungen durch den Klimawandel so deutlich mess- und sichtbar wie im April. Mit dieser Entwicklung in Deutschland und in der Region beschäftigt sich der erste Teil unserer kleinen Reihe, der zweite zeigt dann anhand einer reichlich bebilderten Rückschau auf einen „Vollwettertag“ vor ein paar Jahren, dass auch das klassische Aprilwetter noch nicht ausgestorben ist.

Temperatursprung um fast 2 Grad

Blicken wir zunächst auf die Mitteltemperaturen: Lag die 30-jährige Durchschnittstemperatur der Jahre 1961-1990 in der DWD-Klimareihe Bevern/Holzminden noch bei 7,9 Grad Celsius, stieg sie im Zeitraum von 1991-2020 auf 9,5 Grad an. Betrachtet man nur die Zeit seit dem Jahr 2000, sind wir sogar schon bei 9,8 Grad angekommen. Der Anstieg in diesen beiden Vergleichszeiträumen fiel in keinem Monat so stark aus wie im April, lediglich der Juli weist mit nur einem Zehntelgrad weniger eine ähnliche Steigerung auf. Macht man den Zeitschritt noch etwas kleiner und betrachtet nur die letzten 15 Jahre, liegt der April sogar schon bei 10,0 Grad Mitteltemperatur.

Hauptverantwortlich dafür sind vor allem die Jahre 2007, 2009, 2011 und 2018, die teils neue Rekorde aufstellten und mindestens fast zwölf Grad warm waren, der aktuelle Rekordhalter von 2018 schaffte sogar glatt 13,0 Grad und damit mehr als so mancher Mai. Diese Vertreter prägten den Begriff vom „Aprilsommer“ ebenso wie vorübergehend sehr warme Phasen in insgesamt nicht ganz so warmen Monaten wie im vergangenen Jahr, zumal sie meist auch einen deutlichen Sonnenscheinüberschuss mit sich brachten. Auf der anderen, sprich kalten Seite wird man hingegen so gut wie gar nicht fündig. Nur zweimal erreichte der April in den letzten 20 Jahren nicht sein Mittel der Jahre 1961-1990: 2001 und 2017 verfehlte er es jeweils um gerade ein Zehntelgrad. Auch wenn man nochmal zehn Jahre zurückgeht, bleibt die Kernaussage erhalten: Der April ist seit rund 30 Jahren kältestenfalls leicht unterdurchschnittlich temperiert, während es zunehmende Ausreißer zur sehr warmen Seite gibt.  Dass dennoch die Gefahr von Frostschäden an der Obstblüte sogar eher zugenommen hat, ist auf den ersten Blick ein Widerspruch, den wir aber noch auflösen werden im letzten Abschnitt.

Zugenommen hat auch das Auftreten des ersten Sommertages mit einer Höchsttemperatur von mindestens 25 Grad bereits im April. Von 1951 (von wo an Tageswerte aus Holzminden vorliegen) bis 1968 traten diese im Schnitt etwa alle drei Jahre auf – im Jahr 1968 wurde am 21.04. sogar der bis heute einzige heiße Tag mit einem Maximum von 30,0 Grad gemessen. Sehr warme Tage gab es im April also auch schon vor über 50 Jahren, diese sind kein Novum der jüngsten Vergangenheit, wohl aber ihre Häufigkeit. Von 1969 bis 1992 findet sich nur ein sehr einsamer Sommertag im April am 29.04.1987, bevor ab 1993 zunächst in etwa das Nievau der Jahre bis 1968 wieder erreicht wurde. Seit 2007 wurde der erste Sommertag bereits sieben Mal im April gemessen, also in mehr als der Hälfte der Fälle im Schnitt.

Mehr Hochdruck und Sonnenschein, weniger Regen

Mit der Erwärmung einher geht eine Abnahme des durchschnittlichen Niederschlags und eine Zunahme der Sonnenscheindauer. Im Zeitraum von 1961-1990 war der April der zweittrockenste Monat nach dem Februar, mittlerweile ist er der mit Abstand trockenste Monat. Die mittlere Summe hat sich von 55,2 mm in der Periode 1961-1990 auf 46,2 mm in der Zeit seit 1991 verringert. Betrachtet man auch hier wieder zusätzlich die kürzeren Zeiträume seit 2000 und 2005, findet man einen weiteren Rückgang auf 40,9 mm bzw. 37,0 mm.

Beim Sonnenschein ist eine Zunahme von durchschnittlich 142 Stunden in den Jahre 1961-1990 auf 168 Stunden seit 1991 zu beobachten und in den letzten 15 Jahren auf 177 Stunden. Der Rekord stammt aus dem Jahr 2007 mit 262 Stunden, seither wurde die Marke von 200 Stunden fünfmal überschritten und auch der aktuelle April schickt sich an, in dieser hochsommerlichen Liga (lediglich der Juli hat vor Ort ein Klimamittel von knapp über 200 Stunden) mitzuspielen, die erste Dekade lag mit fast 100 Stunden auf dem Niveau der bisherigen Rekorde von 1974 und 2002.

Wichtig für die Einordnung ins langfristige Klimageschehen ist: Wie bei der Temperatur ist der Trend auch bei den Parametern Niederschlag und Sonnenscheindauer über alle ausgewerteten Zeiträume stabil.

Analysiert man die Verteilung der Großwettertypen der letzten 60 Jahre, so ergibt sich eine Verschiebung hin trockenen und eher warmen Lagen: Abgenommen haben in den letzten 15-20 Jahren Nord- und Westlagen, also solche Witterungstypen, die Kaltluftrückfälle bzw. Regen vom Atlantik bringen, auf der Gewinnerseite stehen Süd- und vor allem Ostlagen, letztere gehen oft mit einer Hochdruckzone im Norden oder Nordosten einher und bringen trockene Kontinentalluft mit viel Sonnenschein, der diese Luftmasse über Land dann recht rasch und deutlich erwärmen kann.

Phänologischer Vollfrühling beginnt oft deutlich früher

Die Veränderungen des Klimas zeigen sich auch deutlich beim Blick auf die Vegetation. Blühende Obstbäume waren in früheren Jahren oft erst Ende April (Kirsche) oder Anfang Mai (Apfel) zu sehen. Mit der Apfelblüte beginnt in der Phänologie der Vollfrühling. In den Jahren 1961-1990 war dies im Schnitt erst am 3. Mai der Fall, in den Jahren 1991-2017 am 27. April. Das sieht zunächst nur nach einer geringen Verlagerung nach vorn aus, aber in diesem Durchschnittswert versteckt sich eine hohe Varianz mit Jahren, in denen der Vollfrühling bereits vor Monatsmitte startet. Der aktuelle Monat ist dafür ein markantes Beispiel mit beobachteten Apfelblüten vor Ort bereits am 8. April. Zuletzt waren die Obstblüten 2017 nach einer deutlich überdurchschnittlich warmen Witterungsphase von Mitte Februar bis Mitte April sehr früh dran und wurden dann von späten Frösten um den 20. herum eiskalt erwischt. In jenen Tagen erfror deutschlandweit fast der komplette Bestand an Obstblüten und bei den bereits abgeblühten Sorten der junge Fruchtstand. Mancherorts wie in Rheinhessen reichte dazu sogar eine Nacht mit leichtem Frost um -2 Grad.

Gefahr von Spätfrost bleibt auch in Zeiten der Erwärmung

Dies führt uns zurück zum scheinbaren Widerspruch, wonach im Zuge der Erwärmung die Gefahr durch späte Fröste sogar zugenommen hat. Die Abnahme von Westlagen mit milder Atlantikluft und Wolken zugunsten von trockenen Ostlagen führt dazu, dass in den Nächten trotz der fortschreitenden Erwärmung weiterhin Frostpotenzial besteht. Am anschaulichsten wird dies, wenn man sich die Tage mit dem letzten nennenswerten Frost anschaut. Für diese Untersuchung wurde ein Tiefstwert von -2 Grad oder darunter als Kriterium angesetzt (für die Niederungen des Oberwesertals) und ihr Auftreten nach Aprilmitte.  Zwar ist die Anzahl solcher Frosttage geringer geworden, doch gerade in den letzten zwölf Jahren, in denen es immer häufiger zum frühen Austrieb in der Natur kam, trat in jedem dritten Jahr mindestens einmal Frost unter -2 Grad in der zweiten Aprilhälfte auf. Nicht jede Spätfrostnacht ist dabei gleich eine Gefahr für Blüten und Pflanzen, es hängt auch von der Empfindlichkeit des Gewächses und der Dauer des Frostes ab. Die großen Schäden 2017 entstanden vor allem deshalb, weil es damals über viele Stunden hinweg Luftfrost gab, teils vom Abend bis in die Morgenstunden. Ein Szenario, das sich durchaus in Zukunft wiederholen kann, da späte Fröste weiterhin eine Begleiterscheinung des mitteleuropäischen Klimas sein werden und diese an sich harmlosen Ereignisse im Zusammenhang mit einer früher einsetzenden Vegetation nicht ohne Folgen bleiben. In diesem Jahr zeugten erfrorene Magnolienblüten Ende März davon, dass ein sehr früher Start in die Frühlingssaison auch seine Schattenseiten hat. (Jürgen Höneke)

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