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Sonntag, 22. Oktober 2017

Zum "Tag des weißen Stocks": Die Geschichte eines blinden Telefonisten beim Landkreis

Hans-Jürgen Eilers nimmt die Anrufe in der Kreisverwaltung entgegen.

Kreis Holzminden (12.10.17). „Landkreis Holzminden, Eilers, guten Tag“, spricht er jeden Tag hunderte Male ins Telefon. Er gibt Auskunft und verbindet die Anrufer zu den gewünschten Ansprechpartnern – und das seit 30 Jahren. Hans-Jürgen Eilers ist oft der erste Kontakt, den man zum Landkreis Holzminden hat. Was der Anrufer aber nicht merkt: Hans-Jürgen Eilers ist blind. Sein Arbeitsplatz und auch sein Alltag gestalten sich deshalb ein wenig anders. Nicht nur technische Hilfsmittel, sondern auch ein überdurchschnittliches Gedächtnis verhelfen ihm zu einem weitestgehend selbstständigen Leben.
Auf seinem Schreibtisch steht eine Flasche Wasser, daneben ein Telefon. Erst beim näheren Hinsehen fällt auf, dass der Computer des 53-Jährigen zusätzliche Einrichtungen hat, die ihm das Arbeiten erleichtern. Eine normale Tastatur liegt auf dem Braille-Aufsatz, damit er in der Blindenschrift tippen kann. Sollte das nicht ausreichen, gibt es ein Sprachprogramm, welches dem Telefonisten die soeben getippten Zahlen oder Wörter vorliest. Vor ihm liegt außerdem ein Gerät, das an einen Stenographen oder eine kleine Schreibmaschine erinnert; mit dessen Hilfe kann er Notizen vornehmen. Der Druck erscheint dann auf Papier, das wesentlich dicker ist als üblich, denn nur so kann Hans-Jürgen Eilers die Ausbuchtungen der Blindenschrift mit seinen Fingern erfühlen. Und die Uhrzeit liest ihm seine Armbanduhr vor.
Zu Stoßzeiten nimmt er neun Anrufe in zehn Minuten entgegen, immer freundlich, immer hilfsbereit. Doch nach Feierabend hat Hans-Jürgen Eilers oft keine Lust mehr zu telefonieren. „Wenn abends das Telefon klingelt, sage ich zu meiner Frau ‚Geh du mal dran‘“, erzählt er schmunzelnd. Rund 400 Durchwahlen gibt es beim Landkreis Holzminden. Der Telefonist hat sie alle im Kopf. Wer im Kreishaus in welchem Bereich arbeitet und für welche Aufgabengebiete zuständig ist, weiß er auswendig. Seine überdurchschnittlichen Gedächtnisfähigkeiten hat er sich mühsam erarbeiten müssen, als er im Alter von nur 20 Jahren sein Augenlicht verlor.
Die Ärzte vermuteten damals eine Erbkrankheit, nach der Diagnose erblindete Hans-Jürgen Eilers innerhalb von nur drei Monaten vollständig. Der gelernte Kfz-Mechaniker musste sein gesamtes Leben umstellen und wurde dafür eigens geschult. „Die Brailleschrift habe ich wie ein Abc-Schütze von der Pike auf gelernt“, erzählt er, und auch, dass Gedächtnistrainings ein wichtiger Bestandteil der Schulungen waren. Nur so kann er sich heute alles Erdenkliche merken: Dazu gehören nicht nur die hunderte Durchwahlen im Kreishaus, sondern auch Jahreszahlen aus seinem Privatleben, Geburtstage und den Kalender hat er immer bildhaft vor seinem geistigen Auge. Mit Stimmen ist es ähnlich. Um das zu erklären, tippt sich der 53-Jährige ans Ohr: „Wer da einmal drin ist, kommt da nie wieder heraus.“
Am morgigen Sonntag erinnert der „Tag des weißen Stockes“ weltweit an die Situation von blinden und sehbehinderten Menschen. Für Hans-Jürgen Eilers hat sich vieles verbessert, was vor rund zehn Jahren noch eine „Katastrophe“ war, sagt er. Heute kann er dank des verbesserten Angebots für Audiodeskription – der zusätzlichen Sprachausgabe – seine Lieblingsserie „Die Rosenheim Cops“ im Fernsehen sehen, denn die Handlungen und einzelnen Szenen werden von Sprechern beschrieben. Sogar Fußball gucken ist kein Problem für ihn, er lobt die Kommentatoren sogar für ihre ausführliche Arbeit: „Sie machen das haargenau. Dass sie nicht noch die umknickenden Grashalme erwähnen, ist aber auch alles“, sagt er lachend.  
Faule Ausreden gibt es in seinem Leben nicht. Wenn er in seinem Alltag auf Grenzen stößt, weiß er sich zu helfen: Die zahlreichen Ausweise in seinem Portemonnaie, die fast alle ein ähnliches Format haben, unterscheidet er mit kleinen, selbstgemachten Hilfen. Eine Ecke seines Schwerbehindertenausweises hat er mit einem kleinen Streifen Tesafilm umklebt und kann ihn nun schnell ertasten. Doch manches geht eben doch nicht ohne fremde Hilfe. Beim Weg zur Arbeit ist der Telefonist auf ein Taxi angewiesen, das ihn morgens täglich zur gleichen Uhrzeit abholt und auch abends wieder nach Hause bringt. Aber dass er trotz seiner Behinderung sogar mit im Haushalt hilft, ist für Hans-Jürgen Eilers selbstverständlich. Mit seiner Frau ist er seit 28 Jahren verheiratet, gemeinsam haben sie einen 25-jährigen Sohn. Seinen Lebensmut hat er trotz seines schweren Schicksals nicht verloren.

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© Täglicher Anzeiger Holzminden