Freitag, 15. November 2019

85 Jahre Wetterbeobachtungen

Teil 1: Eine Reise in die Vergangenheit von 1934-1996

Kreis Holzminden (24.06.19). Seit dem Sommer 2014 erscheinen im TAH regelmäßige Monatsberichte über das lokale Wettergeschehen. Die meisten Messwerte stammen von der nebenamtlichen Klimastation des Deutschen Wetterdienstes in Bevern, die seit Juli 2006 in Betrieb ist und deren Daten wie auch die der rund 500 weiteren Wetterstationen des DWD seit fünf Jahren frei zur Verfügung stehen – paradiesische Zustände für alle Wetterinteressierten und Zahlenjunkies. Doch das war längst nicht immer so: Auch wenn der DWD mittlerweile auch historische Daten nach und nach öffentlich zur Verfügung stellt, bleiben nach wie vor größere Lücken, auch in der Geschichte der lokalen Wetteraufzeichnungen. Die Spurensuche geht fast genau 85 Jahre zurück bis in das Jahr 1934, als die ersten dokumentierten Messungen in Holzminden vorgenommen wurden. Heute blicken wir zurück auf die Zeit der Anfänge bis hin zum Jahr 1996, an das sich leider zehn Jahre ohne offizielle Beobachtungen und Messungen im Holzmindener Oberwesertal anschlossen. Teil 2 in einer Woche erzählt dann von der Entstehung und Entwicklung des aktuellen Stationsstandorts in Bevern.

Mit dem am 06.04.1934 gegründeten Reichswetterdienst wurde eine erste ehrenamtliche Wetterstation östlichen Ortsrand von Holzminden im Mai 1934 in Betrieb genommen. Nach den Koordinaten im Open Data Portal des DWD unter cdc.dwd.de/rest/metadata/station/html/812300979495 hat sich dieser erste Standort auf dem Gelände des Landschulheims etwas unterhalb der heutigen Sportplätze befunden. Von dort liegen seit Mai Monatssummen des Niederschlags und seit Juni Monatsmittelwerte der Lufttemperatur in 2 m Höhe vor. Tageswerte sind leider nicht vorhanden aus diesen Anfangsjahren, es konnte auch nicht ermittelt werden, ob diese verschwunden sind oder noch in einem Archiv schlummern und vielleicht später noch digitalisiert werden.

Von August 1939 bis Herbst 1950 sind keine Messungen aus Holzminden in der DWD-Datenbank aufgeführt. Die Quellenlage ist in diesen Kriegs- und Nachkriegsjahren unklar und teils auch widersprüchlich. In den nachträglichen Ausgaben der deutschen meteorologischen Jahrbücher von 1939-1944 und den met. Jahrbüchern der Britischen Zone ab 1945 tauchen aus jenen Jahren Wetterbeobachtungen von zwei Militärstandorten auf: zunächst vom gegenüber dem Landschulheim gelegenen heutigen Landübungsplatz und nach dem Krieg im Laufe des Jahres 1946 von der Kaserne an der Bodenstraße, die in jenen Jahren britische und norwegische Besatzungssoldaten beheimatete und ab 1949 die Bautechnische Bundesgrenzschutzabteilung,  aus der nach Gründung der Bundeswehr 1956 das Pionierbataillon 2 mit hervorging. Nach Wiedereröffnung des Landschulheims sind auch die dortigen Messungen noch für einige Jahre fortgeführt worden.

Mit Gründung des DWD im November 1952 wurden die Wetterdienste der westalliierten Besatzungszonen zusammengeführt. Holzminden wurde als ehrenamtlich betreuter Standort in das Messnetz aufgenommen und 1954 wurde das Nebeneinander verschiedener Messplätze beendet. Als Beobachter in den Jahrbüchern ist ab 1954 der damalige Forstanwärter Otto Schmidt verzeichnet, nach seiner Heirat 1971 Schmidt-Grethe. Die Station befand sich nun auf 100 m Höhe auf einem Gartengrundstück in der Straße Über dem Gerichte gegenüber des Kasernengeländes. Bereits seit 1951 liegen in der offiziellen Klimareihe des DWD auch Tageswerte von Temperatur, Luftfeuchte und Niederschlag vor, zudem die Beobachtungen des Bewölkungsgrads (in Achteln) und des Wetterzustands inkl. der Form des Niederschlags. Die Beobachtungen und Ablesungen der Messinstrumente wurden zu festen Terminen vorgenommen: 7:00, 14:00 und 21:00 Uhr MOZ (Mittlere Ortszeit, dies entsprach hier 07:22 Uhr MEZ usw.), mit Einführung der Sommerzeit im Jahr 1980 im Sommerhalbjahr eine Stunde später und ab 1987 einheitlich acht Minuten später jeweils zur halben Stunde.  Für die Berechnung der mittleren Tagestemperatur wurde der Abendwert doppelt gewichtet, die Tageshöchst- und tiefstwerte mit eigens dafür bestimmten Thermometern gemessen (sog. Maximum- und Minimumthermometer). Für die Niederschlagsmessungen stand weiterhin ein Regenmesser nach Hellmann zur Verfügung, wie er bis heute an den konventionellen Niederschlagsstationen des DWD zum Einsatz kommt.  Glücklicherweise konnten die Aufzeichnungen an diesem Standort über Jahrzehnte hinweg vollständig durchgeführt und an den DWD gemeldet werden. Für Otto Schmidt-Grethe (und eine sicherlich vorhandene Vertretung) bedeutete dies in fast 25 Jahren insgesamt etwa 27.000 Beobachtungstermine! Erst Ende Mai 1978 endeten die Messungen Über dem Gerichte und die Zeitreihe 2323 (so die offizielle Bezeichnung) musste an einem neuen Standort fortgeführt werden.

Bis dieser gefunden und eingerichtet war, vergingen fünf Monate. Ab dem 1. November 1978 konnten die Beobachtungen schließlich im Süden der Stadt am Bergblick auf 128 m Höhe über NN wieder aufgenommen werden. Als ehrenamtlicher Betreuer war nun Martin Bleicher für den DWD tätig, zusätzlich zum bereits genannten Umfang der Messungen und Augenbeobachtungen wurde erstmals auch die Sonnenscheindauer erfasst. Dabei kam ein Sonnenscheinautograph nach Campbell Stokes (auch Heliograph genannt) zum Einsatz, den wir bereits im März 2018 im TAH kurz vorgestellt haben: Eine Glaskugel dient als Brennglas und bündelt die einfallenden Sonnenstrahlen. In der sphärischen Brennfläche hinter der Kugel befindet sich ein Papierstreifen, in den sich der Sonnenschein punktförmig einbrennt und sich daraus im Tagesablauf eine Linie ergibt. Der Beobachter entnimmt den Streifen nach Sonnenuntergang und wertet ihn anhand der Zeitmarkierungen aus. Für den nächsten Tag wird ein neuer Streifen eingesetzt.

Aus dieser Zeit stammt der Ruf Holzmindens als einer der trübsten Orte Deutschlands und noch bis heute führt der DWD in seiner Internetpräsenz den Standort mit lediglich 1.273 Stunden Sonnenschein im Jahresmittel der Periode 1961-1990. Im Vergleich zu Hannover wären dies 223 Stunden pro Jahr weniger, im Vergleich zu Göttingen immer noch rund 150 – ein unplausibel niedriger Wert, der dann auch einer genaueren Prüfung nicht standhält. Sicher: das nebelanfällige Wesertal und die Lage am Nordrand der Mittelgebirge fördert häufig mehr Bewölkung als zum Beispiel in Hannover, so dass wir tatsächlich in einer recht trüben Region leben, von Vergleichen mit klimatisch deutlich bevorteilten Landstrichen wie dem Oberrheingraben oder der Ostseeküste Mecklenburgs ganz zu schweigen. Dennoch fallen beim Blick in die Holzmindener Messungen mehrere Ungereimtheiten auf: Selbst an wolkenlosen Tagen zur Zeit des Sonnenhöchststandes im Juni wurden oft nur unter 14 Stunden registriert, obwohl der Horizont etwa 15,5 Stunden zulassen würde. Zudem wurde gerade in den späteren 80ern die längste Sonnscheindauer bereits im April oder Anfang Mai erfasst bei insgesamt rückläufiger Menge. Beides deutet auf eine zunehmende Verschattung des Messplatzes durch die Vegetation im Frühjahrsverlauf und im Sommer hin, zumal die Messhöhe mit nur 1,7 und ab 1987 mit 2,0 m Höhe über Grund angegeben ist, was an einem solchen Standort im Siedlungsgebiet viel zu niedrig ist – üblich sind sogar an freier gelegenen Stationen des DWD mindestens 6 m.  Eine weitere Fehlerquelle liegt in der Hochrechnung der nur aus zwölf Jahren Messungen vor Ort bestehenden Daten auf ein 30jähriges Klimamittel, wie sie der DWD vorgenommen hat. Führt man anhand der heutigen, elektronischen Sonnenscheinmessungen an den DWD-Stationen in Südniedersachsen und Ostwestfalen Vergleichs- und Rückrechnungen durch, kommt man hingegen auf durchschnittlich etwa 1.400 Sonnenstunden für den Zeitraum 1961-1990 in Holzminden. Mit Ablauf des Juli 1991 wurde der Standort am Bergblick aufgegeben, vor Ort konnte zunächst kein Nachfolger gefunden werden. Ab Mai 1992 setzte der DWD als Ersatz eine nebenamtliche Station in Boffzen auf 105 m Höhe an der Steinbreite ein, die aber nur für etwas mehr als vier Jahre in Betrieb blieb. Von dort stammt auch die höchste bis heute in der Region offiziell gemessene Temperatur von 37,9 °C am 9. August 1992. Boffzen bildet aufgrund der Entfernung von mehr als 5 km zum alten Holzmindener Standort eine eigene Messreihe und wurde nicht in die bestehende Zeitreihe integriert. Gleichzeitig lief die Suche in Holzminden weiter, dort musste jedoch ein Versuch im Jahr 1994 wegen unvollständiger und unzuverlässiger Meldungen bereits nach kurzer Zeit abgebrochen werden, wie die Regionalzentrale Hamburg des DWD auf Nachfrage berichtete. Auf die Schließung des Standorts Boffzen Ende Juli 1996 folgten schließlich fast zehn lange Jahre ohne offizielle Wetterbeobachtungen im Raum Holzminden (die bis September 2008 an der Kurklimastation in Silberborn durchgeführten Messungen konnten wegen des gänzlich anderen Hochsollingklimas nicht als Ersatz dienen), bis schließlich zum 1. Juli 2006 die Station in Bevern ihren Betrieb aufnahm - mit neuer Technik und neuem Beobachter, worüber der 2. Teil in einer Woche ausführlich berichtet. (Jürgen Höneke)