Montag, 06. Juli 2020

„Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen“

Kreis Holzminden (30.09.19). Natürlich – künstlich, ein Gegensatz? Oder noch extremer:  Natürlich gut – künstlich schlecht? Mit dem Argument „nur natürliche Inhaltsstoffe“ werden beispielsweise Heilmittel beworben. Wir sind umgeben von Beton, fahren mit dem Auto und fliegen in den Urlaub. Gleichzeitig sehnen wir uns nach Natur oder was wir dafür halten. Von Natur aus gut? So ganz einfach scheint es dann doch nicht zu sein.

Begriffsdefinitionen

Zur Beantwortung dieser Fragen müssen wir schon etwas tiefer einzusteigen. Zunächst soll geklärt werden, was überhaupt die Bezeichnungen „natürlich“ und „künstlich“ bedeuten. Sehr stark vereinfacht verstehen wir als natürlich alles, was ohne Zutun des Menschen „von Natur aus“ existiert. Demzufolge ist künstlich, was von Menschen geschaffen, verändert oder beeinflusst wurde.

Der Begriff „künstlich“ ist abgeleitet vom Wort „Kunst“.  Kunst ist ursprünglich ganz allgemein das Ergebnis qualifizierter menschlicher Tätigkeit, wie es sich beispielsweise in den Begriffen Ingenieurskunst und Kunststoff wiederfindet.

Kunst kommt tatsächlich von „können“, das heißt Menschen verfügen über gewisse geistige und/oder handwerkliche Fertigkeiten, die sie für ihre Zwecke einsetzen.

In jüngerer Zeit verengt sich die Bezeichnung bevorzugt auf die „Schönen Künste“, wie Malerei, Bildhauerei, Musik und Literatur.

Wird in den natürlichen Zustand eingegriffen, um ihn nutzbar zu machen, so wird er kultiviert.

Kultur kommt aus dem lateinischen cultura und bedeutet Bearbeitung, Pflege, Bebauung, Anbau sowie Veredelung. Kultur ist künstlich!

Fließender Übergang

In den natürlichen Zustand kann der Mensch mehr oder weniger stark eingreifen. Es muss daher einen fließenden Übergang zwischen natürlichen, naturnahen, naturfernen und künstlichen Zuständen geben.

Man hat versucht, den Grad der Entfernung vom natürlichen Zustand in sechs Klassen einzuteilen. Diesen Kultivierungsgrad nennt man auch Hemerobie.  Es wird unterschieden in

• ahemerob / natürlich (unbeeinflusst; griech. an „ohne“)

• oligohemerob / naturnah (gering beeinflusst, wie sehr gering besiedelte Gebiete, Arktis, Wüsten, Hochgebirge; griech. oligo „wenig“)

• mesohemerob (~semihemerob) / halbnatürlich (mäßig beeinflusst, wie dünn besiedelte Kulturlandschaften; meso „mittel“)

• euhemerob / naturfern (stark beeinflusst, wie Agrarlandschaften, Siedlungen; eu „wohl-“)

• polyhemerob (sehr stark beeinflusst, teilbebaute Flächen, Deponien; poly „viel“)

• metahemerob / naturfremd (Biozönose weitgehend zerstört: Anthropotope wie Verkehrsflächen, Kerngebiete der Innenstädte und vegetationsfreie Industrieanlagen; meta „über(mäßig)“)

Auf diese Weise ist es möglich, für ganz Deutschland eine Karte mit dem Hemerobie-Grad zu erstellen. Hier ein Ausschnitt für Südniedersachsen:

Klar erkennbar sind die Städte mit sehr starkem und übermäßig starkem Kultureinfluss sowie die Waldgebiete des Harzes und des Sollings. Natürliche (ahemerobe) Flächen gibt es so gut wie nicht mehr.

Im Folgenden betrachten wir das Spannungsfeld natürlich-künstlich an drei Beispielen, der Klimaveränderung, den Kunststoffen und der Gentechnik.

Künstlicher geht nicht: Veränderung des Klimas

Vorläufer der modernen Menschen traten zuerst in Afrika vor zwei Millionen Jahren in Erscheinung. Sie hatten Feuer und benutzten Werkzeuge. Die ersten eigentlichen Vertreter des Homo sapiens tauchten vor etwa 300.000 Jahren auf. Sie lebten in Gruppen und ernährten sich von Wild und Pflanzen. Spätestens nachdem die Menschen vor vielleicht 12.000 Jahren sesshaft wurden und Landwirtschaft betrieben, veränderten sie nachhaltig ihre Umwelt. Sie kultivierten das Land, hielten Vieh und entwickelten immer bessere Methoden und Werkzeuge. Dabei hat sich die Entwicklung immer mehr beschleunigt. Insbesondere durch die Erkenntnisse in den Naturwissenschaften und Fortschritten in der Mathematik kam es seit der Zeit der Aufklärung zu einer Explosion in der Entwicklung von Industrie und Technik. Im gleichen Maße nahm der Einfluss und die Veränderungen auf Umwelt und Natur zu. Mittlerweile sind wir dabei, das Klima dauerhaft und unwiderruflich zu ändern.

Diese Veränderung ist menschengemacht und daher künstlich. Mehr Einflussnahme als auf das Klima des Planeten Erde lässt sich kaum vorstellen. In diesem Zusammenhang ist „künstlich“ eindeutig als negativ einzustufen. Auf der anderen Seite verdanken wir Mobilität und Wohlstand der preiswerten Energie aus fossilen Brennstoffen, wobei erst heute ein allmähliches Umdenken stattfindet. Die Lösung liegt im Schwenk zu regenerativen Energieformen, aber auch diese müssen mit technischen Mitteln – also künstlich – für uns nutzbar gemacht werden.

Kunststoffe

Nomen est omen: Der Inbegriff künstlich geschaffener Materialien sind Kunststoffe. Eine saubere Definition ist schwierig. Wir wollen darunter Werkstoffe verstehen, die die chemische Industrie aus Erdölderivaten herstellt. Reifen, Textilien, Isolations- und Dämmmaterialien, Verpackungen, Fensterrahmen, Kinderspielzeug, Küchengeräte, Getränkeflaschen, Folien, Planen, Zahnbürsten, Gehäuse, Polster, CDs, Stühle –  die Liste ist schier unerschöpflich.

Kunststoffe sind Fluch und Segen zugleich. Mit ihnen wurden völlig neue Möglichkeiten der Gestaltung von Formteilen geschaffen: Sie sind leicht, unverwüstlich, gut formbar, gute Isolatoren hinsichtlich Strom und Wärme und nicht zuletzt billig. Aus Plastik sind der Blutbeutel und die Einmalspritze im Krankenhaus. Flugzeuge und Autos sparen Treibstoff durch geringeres Gewicht. Auf der anderen Seite verbraucht die Kunststoffherstellung fossile Rohstoffe und viel Energie. Außerdem belastet ihre Herstellung die Umwelt. Ihre gute Haltbarkeit führt dazu, dass sich Kunststoffe in zunehmendem Maße in der Umwelt anreichern und zu immer kleineren Teilchen zerfallen, die für Organismen gefährlich werden können. In den Weltmeeren befinden sich bereits große Mengen an Abfällen aus Kunststoffen.

Für unseren modernen Lebensstandard sind sie allerdings unverzichtbar. Es muss daher das Ziel sein, möglichst hohe Recyclingquoten zu erreichen. Im Jahr 2017 wurden von den bis dahin weltweit hergestellten 8,3 Milliarden Tonnen Plastik nur etwa neun Prozent stofflich wiederverwertet. Der Rest landete auf Deponien oder wurde verbrannt. Offensichtlich gibt es hier noch viel Luft nach oben! Wir müssen weg von der Wegwerfmentalität. Kunststoffe sind zu wertvoll, um weggeworfen zu werden.

Gentechnik

Gentechnik ermöglicht es, Organismen gezielt zu verändern. Auf diese Weise kann die Zeit, die für eine konventionelle Züchtung erforderlich ist, drastisch verkürzt werden. Gewünschte Eigenschaften können nach Wunsch ein- oder ausgeschaltet werden. Sind die neuen Organismen nun künstlich? Können Lebewesen überhaupt künstlich sein? Hier sind sicher ethische Fragen zu beantworten. Prinzipiell kann das Ergebnis langjähriger natürlicher Zucht identisch sein mit dem Ergebnis eines einzelnen künstlichen Eingriffs in das Genom. Wo ist dann der Unterschied zwischen beiden Methoden, wenn nur zwei unterschiedliche Wege – ein langer und ein kurzer – zum gleichen neuen Organismus führen? Ist geplante Veränderung schlechter als zufällige?

Die vielen Fragezeichen in diesem Abschnitt zeigen schon die Problematik, wenn man die Welt in künstlich und natürlich zu trennen versucht.

Sind natürliche Zustände erstrebenswert?

„Zurück zur Natur“ heißt ein Wahlspruch, der dem französischen Philosophen und Aufklärer Jean-Jacques Rousseau zugeschrieben wird. In der Natur sah er Zustände, die unbeeinflusst von den schlimmen gesellschaftlichen Zuständen des 18. Jahrhunderts und damit erstrebenswert waren. In heutiger Zeit sehnt sich mancher der in der Stadt lebenden Menschen nach Ruhe vor dem Verkehr und dem Entkommen aus der  Enge einer Mietwohnung. Wir suchen Zuflucht in der Natur und im Waldbaden.

Der Wald und die Natur werden romantisch verklärt. Im Buch von Peter Wohlleben „Das geheime Leben der Bäume“ werden den Bäumen menschliche Eigenschaften wie Kommunikation mit Pilzen und Fürsorge für Nachkommen zugesprochen. Wald wirkt sicher positiv auf unser Gemüt, er ist jedoch alles andere als naturnah. Wir brauchen Holz, daher sind massive Eingriffe zwingend notwendige Folge.

Die gleiche Logik gilt ganz generell für Eingriffe in die Natur: Wir brauchen Brot, daher müssen wir ertragreiches Getreide anbauen. Wer Fleisch essen möchte, muss Tiere halten und schlachten. Im Naturzustand, also ohne die Natur künstlich zu verändern, würden wir verhungern. Ohne Medikamente würden wir an Krankheiten leiden, die mit Pillen einfach zu behandeln sind. Ohne Elektrizität würde unser Lebensstandard drastisch einbrechen, ohne Auto würde es keine individuelle Mobilität geben, und vieles andere...

Natürliche Zustände sind bei näherer Überlegung definitiv nicht erstrebenswert.

Darüber hinaus ist eine strikte Trennung in natürlich und künstlich nicht sinnvoll. Menschen müssen in die Natur eingreifen um zu überleben, in diesem Sinne gibt es keinen Naturzustand mehr seit es Menschen gibt. Alles Menschenwerk wiederum folgt zwingend den Naturgesetzen und ist auf diese Weise natürlich. Physikalische und chemische Prozesse sind immer natürlich, da sie Teil der Natur sind.

Auch eine moralische Wertung „natürlich gleich gut“ und „künstlich gleich schlecht“  ist damit hinfällig. Die Natur ist nicht gut: Es überlebt der durch die Evolution besser angepasste Organismus und pflanzt sich fort, für die Verlierer gibt es kein Mitleid. Unendlich viele Lebewesen gehen jede Sekunde qualvoll zugrunde, was weder die Natur noch ein eventuell höheres Wesen auch nur im Geringsten stört.

Zusammenfassung

„Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen,
Und haben sich, eh‘ man es denkt, gefunden;
Der Widerwille ist auch mir verschwunden,
Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.“

Es gibt keinen Gegensatz zwischen Natur und Kunst, das wussten schon berufenere Geister als die Verfasser dieses Artikels (das Zitat stammt aus „Natur und Kunst“, Johann Wolfgang Goethe, um 1800).

Seit es Menschen gibt, verändern sie die Natur. Es gibt keine Grenze zwischen „natürlich“ und „künstlich“. Die Naturgesetze gelten universell, sie beschreiben die Natur völlig unabhängig davon, ob wir mehr oder weniger stark  eingreifen. Erst recht ist eine pauschale Wertung „natürlich ist gut“ und „künstlich ist schlecht“ nicht tragfähig. (Dr. Ing. Norbert Kalkert, Dr. phil. Bernadette Kalkert)