Samstag, 11. Juli 2020

Als Wintermonat nahezu ein Totalausfall

Der Januar 2020 war sehr mild, brachte wenig Regen und keinen Schnee

Kreis Holzminden (10.02.2020) Auch der zweite meteorologische Wintermonat fand nur auf dem Papier statt: Bis auf einige leichte Nachtfröste erinnerte der Januar deutlich mehr an Herbst als an Hochwinter – und ein paar Farbtupfer deuteten sogar bereits in Richtung Vorfrühling. In geschützten Lagen gab es zum Monatsende die ersten frischen Blüten zu entdecken, und wer wusste, wo er suchen musste, fand zart violette Krokusse ebenso wie weiße Schneeglöckchen. Unterdessen warteten die Winterfans in der Region weiterhin vergeblich auf das echte „weiße Gold“ – nicht nur in den Niederungen des Wesertals, wo schneearme oder gar schneelose Januarmonate immer wieder mal vorkommen, sondern selbst in den Hochlagen des Sollings. Nüchtern zusammengefasst lautet die Bilanz unabhängig von der Höhe: Deutlich zu warm, deutlich zu trocken und Durchschnittskost beim Sonnenschein.

Mit einer Mitteltemperatur von 4,35 °C war der Januar 2020 an der DWD-Station in Bevern um 3,05 Grad wärmer als im Mittel der Jahre 1981-2010. Gegenüber dem in diesem Jahr letztmals gültigen WMO-Referenzmittel der Periode 1961-1990, mittlerweile auch gern als „altes Klima“ bezeichnet, betrug die Abweichung sogar +3,9 Grad bzw. Kelvin. Ab 2021 gilt ein neues Referenzmittel, dann werden die Jahre 1991-2020 zum Vergleich herangezogen, was aber nichts mit dem Klimawandel zu tun hat, sondern den turnusgemäßen Wechsel nach 30 Jahren darstellt. Die neuen Werte kann man bereits in diesem Jahr nach und nach ausrechnen, für den Januar ergibt sich ein neues Klimamittel von 1,85 °C für den Standort Bevern, was einer Erwärmung von 1,4 °C in den vergangenen 30 Jahren entspricht. Und selbst dieser Wert wurde vom aktuellen Januar noch um glatt 2,5 Grad übertroffen – auch im Kontext unseres gegenwärtigen Klimas war er also deutlich überdurchschnittlich temperiert. Insgesamt war es der achtwärmste Januar seit Messbeginn in Holzminden im Juni 1934.

Die Zahlen aus Silberborn unterstreichen dies ebenso wie die für das deutsche Gebietsmittel: Im Hochsolling lag die Monatstemperatur mit 2,5 °C um 3,2 K über dem Mittel der Jahre 1981-2010, das neue Klimamittel der Jahre 1991-2020 liegt dort bei -0,2 °C  und wurde um 2,7 K übertroffen. Bundesweit war der Januar 2020 3,48 °C mild und das neue Klimamittel beträgt 0,9 °C, wie in Bevern und Silberborn liegt es 1,4 Grad höher als 30 Jahre zuvor. Die flächendeckenden Wetteraufzeichnungen in Deutschland reichen zurück bis 1881, dort geht der Januar 2020 als neuntwärmster in die Statistik ein.

Der letzte Januar auf ähnlichem Temperaturniveau liegt erst zwei Jahre zurück: 2018 war es in Bevern mit 4,47 °C und bundesweit mit 3,72 °C noch etwas milder, bei allerdings anderer Verteilung, wie ein Blick auf die Deutschlandkarte zeigt: 2018 war es im Südwesten am wärmsten (Spitzenreiter Rheinstetten bei Karlsruhe mit 6,7 °C) und im Norden eher moderat mild, in diesem Jahr machte der hohe Norden das Rennen: Den höchsten Wert erzielte Helgoland mit 6,5 °C und an der nördlichsten DWD-Station in List auf Sylt war es mit 6,3 °C sogar der wärmste Januar seit Messbeginn 1937.

Dennoch wird die Frage, ob dieser Januar als direkte Auswirkung des Klimawandels einzustufen ist, kontrovers diskutiert. Der Einwand: Eine Häufung vergleichbarer Großwetterlagen habe auch vor 50 oder 100 Jahren ein ähnlich hohes Temperaturniveau mit sich gebracht. Dieser Feststellung kann zunächst kaum widersprochen werden, die dahinterstehende Frage lautet allerdings: werden durch den Klimawandel einzelne Wetterlagen häufiger und andere seltener? Auswertungen dazu ergeben bisher kein klares Bild.

Der Januar 2020 war jedenfalls geprägt von einem äußerst intakten Kältepol der Nordhemisphäre im Gebiet Ostkanada/Grönland, der für eine rege Tiefdruckproduktion auf dem nördlichen Ostatlantik sorgte. Dabei befand sich die Frontalzone, die kalte Luftmassen im Norden von subtropischen im Süden trennt, oft recht weit nördlich, so dass uns Tiefausläufer meist nur abgeschwächt erreichten oder nördlich vorbeizogen. Vor allem im Süden des Landes war es deshalb oft sonnig, gerade auf den Bergen.

Bei uns wechselten sich meist West- und Südwestlagen ab, die kältesten Phasen brachten Hochdruckbrückenlagen zu Jahresanfang und zu Beginn der dritten Dekade mit Nachtfrösten und mal sonnigen, mal durch Hochnebel trüben Tagen. Durch mangelnde vertikale Durchmischung kühlt die Grundschicht dann aus und die Luftqualität nimmt ab, der Schadstoffgehalt steigt. Diese Inversionsschicht lag zum Ende der vorletzten Januarwoche auf etwa 700 m Höhe, so dass auch Silberborn unter grauem Himmel in der kalten Grundschicht lag und es dort zwei Dauerfrosttage gab, während in Bevern im gesamten Monat kein Eistag gemessen wurde. Mit dem erneuten Durchbruch der atlantischen Frontalzone wurde es zum Monatsende wieder deutlich milder, am 31. gab es sogar neue Tagesrekorde bei den Höchst- und Tagesmittelwerten, sowohl im Wesertal als auch im Solling.

Aufgrund der oft nördlich verlaufenden Zugbahn der Tiefdruckgebiete blieb die Niederschlagsbilanz deutlich hinter den Durchschnittswerten zurück: In Bevern fielen mit 40,8 mm nur gut 50% und in Silberborn mit 62,8 mm 59% vom Mittel der Jahre 1981-2010. Damit beläuft sich das Defizit der letzten drei Monate mittlerweile auf rund 70 mm im Wesertal und über 90 mm im Hochsolling. Da die tieferen Schichten der Böden nach wie vor unterversorgt sind, bleibt die Lage latent kritisch. Wichtig ist der Verlauf der nächsten Monate, wenn der Regenbedarf der Natur wegen des Vegetationsfortschritts ansteigt.

Das, was vom Himmel fiel, war fast ausschließlich flüssiger Natur, Schneeflocken wurden nur ganz kurz in den höchsten Lagen gesichtet. Kaum oder gar kein Schnee im Januar – das ist im Wesertal gar nicht mal so selten: Seit 1951 liegen Tageswerte für die Schneehöhe vor und der aktuelle Januar war immerhin der neunte, in dem kein Schnee gemessen werden konnte. Zusammen mit 2018 und 2019 mit jeweils zwei Schneedeckentagen ergibt sich zudem eine sehr niedrige Dreijahresbilanz, davor wurden 2017 immerhin sieben und 2016 sogar elf Tage registriert. Die bisher kargste Phase gab es zwischen 1988 und 1995, als in acht Jahren in Summe nur 13 Tage mit Schnee im Januar in der Klimareihe Holzminden/Bevern auftauchten (Daten wegen der Messlücke ab 1992 aus Boffzen, Stahle, Lüchtringen und Negenborn ergänzt). Auch Mitte der 1970er Jahre gab es mehrere schneearme und -lose Januarmonate.

Bemerkenswerter ist da die Einordnung im Hochsolling: Zum offiziellen Termin am Morgen gab es selbst in Silberborn auf 430 m keinen Schneedeckentag im Januar, lediglich nachts um zwei notierte Wolfgang Peter am 19. Januar eine geschlossene Decke von gut 2 cm nach einem Schauer, die aber rasch wieder abtaute. Dies dürfte ein Novum in der Geschichte der Wetteraufzeichnungen im Solling seit 1937 sein, allenfalls der Januar 1975 kommt noch als nahezu schneefrei in Frage, genau ermitteln lässt sich dies wegen unvollständiger Daten leider nicht mehr.

Bleibt noch der Blick auf den Sonnenschein: Mit gut 42 Stunden schien sie in der Region fast so lange wie im langjährigen Durchschnitt, der sich freilich auf sehr niedrigem Niveau bewegt.  Nur wenige Tage brachten längeren Sonnenschein von mehreren Stunden, diese allerdings boten aufgrund des noch sehr niedrigen Einfallswinkels der Sonnenstrahlen sehr fotogene Licht-Schatten-Spiele. (Jürgen Höneke)