Mittwoch, 15. Juli 2020

Vom Big Ben aus in die Arktis

Die ehemalige Neuhäuserin Katja Scholz sucht das Abenteuer zwischen den Gletschern Spitzbergens

Neuhaus/Longyearbyen (17.02.2020). Manchmal ist es die Planung bis in das kleinste Detail, die Vorhaben wahr werden lässt und zufrieden stellt. Manchmal sind es aber auch eine unbestimmte Intuition, Vertrauen und Mut, etwas Neues mit vielen Unbekannten einzugehen, die zu ungeahntem Glück führen. Die ehemalige Neuhäuserin Katja Scholz  sucht Anfang 2019 „grundsätzlich ein neues Abenteuer“ als sie eine Reisemesse in Hannover besucht. Sie ahnt zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sie nur wenige Wochen später von London in einen der nördlichsten Orte der Erde umziehen wird – nach Longyearbyen, die größte Ortschaft auf der von Norwegen verwalteten Inselgruppe Spitzbergen. „Ich war mir sicher, egal was kommt, es wird gut. Und das hat sich bewahrheitet“, erzählt Scholz im Gespräch mit dem TAH.

Die 27-Jährige ist vor ihrem Umzug bei Symrise angestellt und arbeitet als Product Manager im Bereich Snack Food in London. Nach dem Besuch der Messe in Hannover ist ihr Interesse für die Gletscherlandschaft Spitzbergens geweckt. Nur kurze Zeit später reist sie für einige Tage nach Longyearbyen und fühlt sich sofort wohl in der naturbelassenen Umgebung. Zurück in London ist der Entschluss schnell gefasst. Scholz kündigt die Anstellung bei Symrise, organisiert den Umzug und unterzeichnet einen neuen Arbeitsvertrag. Sie ist nun Sales Manager bei dem Tour-Veranstalter Spitzbergen Reisen und Teil eines fünfköpfigen Teams, das privat Reisende, vorwiegend aus Deutschland und der Schweiz, über die schnee- und eisbedeckte Insel führt.

Für Scholz ändert sich das Leben mit ihrem Umzug innerhalb weniger Tage komplett. Während in London Notebook und straffe Terminpläne den Alltag bestimmten, tritt Scholz in Longyearbyen mit dem Gewehr auf dem Rücken aus dem Haus, um zu erkunden, welches Naturschauspiel der Tag zu bieten hat. So etwas wie einen Alltag gibt es für die 27-Jährige auf der Insel nicht. „Man beobachtet mehr, man weiß anders zu priorisieren. Wenn Walrösser am Hafen sind, dann gehe ich eben an den Hafen. Und dann guckt man drei bis vier Stunden. Bei der kargen Vegetation muss man genau hinschauen, nimmt wieder viel mehr wahr und hat eine höhere Wertschätzung. Ich habe das Gefühl: wo man ist, ist es gut so.“

Als Scholz im Frühjahr 2019 auf Spitzbergen ankommt, hat gerade die Schneeschmelze eingesetzt, die Tage werden länger, richtig dunkel wird es in der Nacht nur noch für wenige Stunden. Scholz, die eine Ausbildung zum Guide (Touristenführer) anfängt, stört das nicht. Oft reisen Gäste in der Nacht an, einen Rhythmus gibt es nicht, stattdessen viel zu entdecken und zu lernen; zum Beispiel, wie sich Schmelzwasserkanäle verhalten, und dass Eisbären zur Gefahr werden können.

Wer vom 2.600-Seelen-Ort loszieht, die Umgebung zu erkunden, wird von einem Schild darauf aufmerksam gemacht, dass am Stadtrand die „Eisbärensichere Zone“ endet. Ab hier dürfen sich nur Erwachsene weiter von der Siedlung entfernen und das nach offizieller Empfehlung mit Gewehr und Signalpistole bewaffnet. Scholz muss deshalb erst einmal ein Schießtraining absolvieren, schließlich wird sie bald Touristen durch das Eis führen und mit dem Schneescooter einige Kilometer zurücklegen, um eine neue „fantastische und nie geglaubte Aussicht“ zu bestaunen. Vom Schiff aus kann sie wenige Wochen nach ihrer Ankunft aus „guter Distanz“ einen Eisbären sehen – „das ist immer ein magischer Moment“.

Inzwischen ist es für Scholz zur Normalität geworden, sich beim Verlassen des Hauses Gewehr und Signalpistole anzulegen und (sogar im Nachtclub) Outdoorhosen zu tragen. Im Restaurant, Hotel oder der Bibliothek ist es auf der Insel üblich, die Schuhe auszuziehen. „Das mag ich absolut“, sagt Scholz und ergänzt: „Das ist mir dann beim Heimatbesuch in Holzminden im Restaurant auch fast passiert. Es gibt mir ein gutes Gefühl, als wäre ich zuhause.“

Handschuhe sind für die 27-Jährige in den letzten Monaten zu einem „guten Begleiter“ geworden. „Man bereitet sich darauf vor, wenn man raus geht“, erzählt sie. Im Winter beträgt die Temperatur in Longyearbyen durchschnittlich -15 Grad Celsius, sinkt aber auch mal auf -30 Grad ab. Zusätzlich macht die fast durchgängige Dunkelheit die Wintermonate zu einer besonderen Zeit. Das Wandern ist anstrengender, risikoreicher und nur mit Stirnlampe möglich. Es ist für die Touristenführerin auch „eine Zeit zum Energietanken. Alles ist ruhiger, es sind weniger Gäste da“. Und im Winter wird mehrfach in der Woche sichtbar, was im Sommer wegen der Helligkeit nur noch zu erahnen ist: Nordlichter faszinieren die Einwohner immer wieder neu. „Es ist traumhaft schön“, sagt Scholz, so schön, wie vieles auf der Insel, das man sich nicht vorstellen könne, wenn man es nicht selbst gesehen habe. Leuchten Nordlichter am Himmel für einige Minuten auf, erfahren es die Longyearbyener, die es nicht selbst bemerken, über die örtliche Facebook-Gruppe, in der sich die Einwohner schnellstens über alles im Ort auf dem Laufenden halten.

Als im vergangenen Jahr „ein Schmetterling am Campingplatz war, ist der Ort durchgedreht“, erinnert sich Scholz. Das hat es sonst nicht gegeben – und ist deshalb auch nicht nur ein Grund zur Freude, denn auf Spitzbergen kann die ehemalige Neuhäuserin, innerhalb weniger Monate verfolgen, wie rasant sich das Klima wandelt und sich die Arktis und ihre Gletscher verändern.

Scholz weiß noch nicht, wie lange sie auf Spitzbergen bleiben wird, denn sie will noch viel sehen; die „absolute Stille“ genießen, wenn sie den Schneescooter auschaltet, sich zwischen den Gletschern ein paar Meter von der Reisegruppe entfernt, und will noch oft neu überrascht werden, zum Beispiel davon, wie viele Farben Schnee haben kann. „Momentan ist es genau das, was ich mir wünsche“, sagt Scholz. (Berlind Brodthage)